Die Liste mit den Vorwürfen, welche die Bundesanwaltschaft gegen den mutmasslichen Drahtzieher in der lokalen Islamistenszene anführt, ist lang. S. wird dringend verdächtigt, sich dem Islamischen Staat (IS) angeschlossen und seit 2012 Muslime für den Heiligen Krieg rekrutiert zu haben. S. selbst war auch im Kriegsgebiet bei Aleppo im Einsatz. Er behauptet, bei einem humanitären Hilfseinsatz – wenn auch teilweise schwer bewaffnet und uniformiert. Weiter legen Recherchen der «Rundschau» nahe, dass S. in Winterthur die Gratis-Koranverteilaktion «Lies!» etabliert haben soll. Seither ist er in den Medien als der «Emir von Winterthur» bekannt.

Und dann gilt S. noch als Gründer der Kampfsportschule MMA Sunna. Nach einjährigen Ermittlungen wurde der «Islamisten-Leitwolf» im Februar 2016 schliesslich festgenommen und kam in Untersuchungshaft. Dreimal wurde diese bereits um drei Monate verlängert. Mit seinen Beschwerden – und auch mit seiner Forderung um Einsicht in die Haftakten – blitzte S. jeweils ab. Nun bleibt er mindestens für weitere drei Monate in U-Haft.

Gestern publizierte das Bundesstrafgericht in Bellinzona den begründeten Entscheid seiner Beschwerdekammer dazu. Darin werden neue Indizien und Zeugenaussagen ins Feld geführt, die den italienischstämmigen Konvertiten weiter belastet haben. S. streitet offenbar nicht ab, geplant zu haben, mit Frau und Kind nach Syrien zu ziehen. Allerdings nicht, um zu kämpfen, sondern nur, um dort zu leben. In einem abgehörten Online-Chat mit zwei Kontakten vor Ort erkundigte er sich nach den «wichtigsten Infos» zu Ortschaften, Unterkunft, Sprache und Studium.

«Konkrete» Belastungen

Dem stehen die Aussagen seiner einstigen Geliebten gegenüber, die in Deutschland einvernommen wurde. «Dabei sagte sie aus, er sei der Auffassung gewesen, dass man nach Syrien gehen müsse, um dort zu kämpfen», heisst es im Beschluss. S. habe sowohl den IS als auch den «kämpferischen Dschihad befürwortet, nicht bloss den inneren». Auf die Frage, ob dieser bereits im Dschihad gekämpft habe oder es zumindest plane, stellte sie klar: «Ja, weil er davon fest überzeugt ist.» Das Bundesstrafgericht sieht in ihren Ausführungen Belastungen «konkreter Natur». Dass S. dies als «reine Lügen» abtue, weil die beiden sich «im Schlechten getrennt hätten», ändere daran nichts.

Brisant sind zudem die Aussagen der Geliebten zur Mixed-Martial-Arts-Sunna-Trainingsschule. S. habe die Kampfsportschule gegründet. In dieser – so behauptet die Ehefrau eines von S. radikalisierten Syrien-Reisenden – habe es eine öffentliche und eine muslimische Gruppe gegeben. Die muslimische Gruppe habe für den IS trainiert. Wenn jemand sich für diese interessiert habe, so die Zeugin, sei er so lange überredet worden, bis er fest daran geglaubt habe. S. bestreitet dies.

Weniger aufschlussreich war offenbar das Verhör mit einer dritten Zeugin und zeitweiligen Bekannten von S. Strenggläubig sei er gewesen, ja, aber wohl kein Befürworter des IS. Als sehr glaubwürdig und somit entlastend stuft das Gericht deren Aussagen aber nicht ein. Wahrscheinlich ist, dass sie mehr wusste, als sie zugab. In Whatsapp-Chats hatte S. sie aufgefordert, sämtliche Bilder zu löschen, weil sie sonst als Beweismaterial gegen ihn verwendet werden könnten. In einem anderen Chat rühmte er sich, dass er Leute dazu gebracht habe, «zu gehen».

Weil die Bundesanwaltschaft eine Verdunkelungs- und Fluchtgefahr sieht, wird die U-Haft nun wie beantragt um drei Monate verlängert.