Klaus Zweibrücken
Schilder, Mülltonnen, Baustellen: Für Fussgänger wirds oft eng in der Stadt

Der Präsident des Fussgängervereins Zürich weist auf Missstände hin.

Matthias Scharrer
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Fussgängerverein Zürich
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Velowege auf dem Trottoir soll es künftig nicht mehr geben.
Eine Mülltonne versperrt den Fussweg grossteils.
Eine Baustelle unterbricht das Trottoir.
Werbeschilder und Veloparkplätze engen Trottoirs ein.

Fussgängerverein Zürich

Matthias Scharrer

Ein Spaziergang mit Klaus Zweibrücken durch Zürich öffnet die Augen für die Bedürfnisse von Verkehrsteilnehmern, die oft übergangen werden: Fussgänger. Zweibrücken ist Professor für Verkehrsplanung an der Hochschule für Technik in Rapperswil und Präsident des Fussgängervereins Zürich. Wir gehen vom Treffpunkt im Hauptbahnhof zum Bahnhofplatz. Es ist einer der meistbegangenen Orte der Schweiz, mit mehreren Zubringerstrassen und -trottoirs rechts und links der Bahnhofstrasse. Doch ausser dem Zebrastreifen in der Verlängerungsachse der Bahnhofstrasse zum Hauptbahnhof fehlt es an Überquerungsmöglichkeiten für Fussgänger. Sie müssen unten durch. «Für Fussgänger ist das lästig, denn es bedeutet immer einen Umweg», sagt Zweibrücken.

Wir spazieren weiter. Vor den Tischen und Stühlen eines Strassencafés steht die Werbetafel eines Geschäfts auf dem Trottoir, das von der anderen Seite durch einen Velostandplatz beengt wird. «Werbetafeln auf Trottoirs sind bewilligungspflichtig. Doch die Stadt ist zu lasch mit ihrer Bewilligungspraxis», moniert Zweibrücken. Auch Velostandplätze würden zu oft so geplant, dass die Zufahrt nicht von der Strasse, sondern vom Trottoir aus erfolge.
Der Fussgänger-Präsident blickt sich um, sieht hier eine Mülltonne, die mitten auf dem Fussweg steht, da eine Baustelle, die das Trottoir abrupt unterbricht. Wir kommen zum Löwenplatz. Bei der Tramstation wird der Veloweg von der Strasse plötzlich aufs Trottoir geleitet. Die Signalisation erfolgt nur durch ein gelbes Piktogramm am Boden. «Eigentlich ist das illegal», sagt Zweibrücken. «Es bräuchte ein blaues Verkehrsschild ‹gemeinsamer Fuss-/Radweg›, das anzeigt, dass sich hier Velofahrer und Fussgänger das Trottoir teilen.»

Der Konflikt zwischen Velofahrern und Fussgängern ist ein Dauerbrenner. Verschärft wurde er durch den E-Bike-Boom. Zweibrücken sagt: «Der Bundesrat hat einen Fehler gemacht, als er
E-Bikes auf Trottoirs zuliess, die auch als Velowege dienen.» Seither müssen sich Fussgänger, von denen die langsamsten mit zwei Stundenkilometern unterwegs sind, den ohnehin schon knappen und oft verstellten Raum mit E-Bikern teilen, die bis zu 45 km/h schnell sind. Der Zürcher Stadtrat will nun Gegensteuer bieten. So heisst es in seinem im September 2015 veröffentlichten Bericht «Stadtverkehr 2025»: «Um die Sicherheit für den Fuss- und Veloverkehr zu verbessern, werden Radwege möglichst getrennt von den Flächen für Fussgängerinnen und Fussgänger geplant.»

Immerhin ein Fortschritt. Doch es seien viele kleine Missstände, die den Fussgängern das Leben erschwerten, sagt Fussgängervereinspräsident Zweibrücken. Und: Sie wären oft mit einfachen, kostengünstigen Massnahmen zu beheben. Zum Teil werde dies auch getan. Doch vielfach fehle es am Bewusstsein für die Bedürfnisse der Fussgänger – nicht nur in Zürich, sondern gerade auch in Land- und Agglomerationsgemeinden.

Was eigentlich erstaunlich ist, stellen Fussgänger doch einen grossen Anteil der Verkehrsteilnehmenden dar. Rund 120 000 Menschen sind nach Hochrechnungen, die Zweibrücken in einem Forschungsprojekt mit dem Bundesamt für Strassen erstellte, allein in der Zürcher Bahnhofstrasse an einem schönen Samstag zu Fuss unterwegs. Und: Für die kurzen Distanzen in der Stadt sind die eigenen Füsse laut Zweibrücken das effizienteste Verkehrsmittel, gefolgt von Tram und Bus, Velo – und erst an letzter Stelle dem Auto.

Masterplan Fussverkehr gefordert

Um die Situation der Fussgänger zu verbessern, hat der Zürcher Gemeinderat bereits im März 2014 ein Postulat überwiesen, das einen Masterplan Fussverkehr fordert – analog zum bestehenden Masterplan Velo. Doch der Stadtrat verschleppe die Umsetzung des Postulats, kritisiert Zweibrücken.

Zuständig wäre Filippo Leutenegger (FDP), Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements. Dessen Sprecher Pio Sulzer beteuert, das Geschäft laufe «im üblichen Rahmen» ab: «Die Frist zum Postulat dauerte bis März 2016, die Berichterstattungspflicht wird im Geschäftsbericht 2016 fällig.» Zudem verweist er auf zahlreiche Massnahmen zur Fussverkehrsförderung, die das Tiefbauamt bereits umgesetzt hat, darunter die Neugestaltung des Sechseläutenplatzes und des Münsterhofs, sowie auf noch geplante Massnahmen wie die Aufwertung der Quartierzentren Albisrieden und Morgental.
So weit, so gut. Doch Masterpläne für den Fussverkehr gibt es in anderen Städten längst.

Vorreiter waren London und Genf 2004, in den letzten Jahren zogen Strassburg, Chicago, San Francisco und Wien nach. Laut Zweibrücken müsste der Masterplan zum einen Vorgaben für die Entwicklung der Verkehrsinfrastruktur umfassen, zum anderen Kampagnen, um den Fussverkehr zu fördern. Zweibrücken betont: «Es braucht keine neuen Vorschriften, sondern viele kleine Massnahmen. Diese müssten jedoch koordiniert werden. Dazu könnte ein Masterplan beitragen.»

Die demokratische Legitimation dafür wäre in Zürich längst vorhanden. Vor knapp fünf Jahren stimmte die Bevölkerung der Städte-Initiative der Organisation Umverkehr zu. Sie fordert die Reduktion des motorisierten Individualverkehrs um zehn Prozentpunkte – und die Förderung des Fuss- und Velo- sowie des öffentlichen Verkehrs.