Schiffbau
Schauspielhaus brüskierte Frauen mit Handtaschenverbot

Handtaschen waren dieses Frühjahr plötzlich verboten – zum Ärger vieler Besucherinnen. Die feuerpolizeilichen Regeln sind seit Jahren dieselben. Das Schauspielhaus begründet die strikte Durchsetzung mit ihrem übereiffrigen Personal.

Marius Huber
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Bevor die Zuschauerinnen auf ausverkauften Rängen das Schauspielhausprogramm studieren konnten, ging es in den letzten Wochen an der Garderobe zuweilen drunter und drüber. KEYSTONE

Bevor die Zuschauerinnen auf ausverkauften Rängen das Schauspielhausprogramm studieren konnten, ging es in den letzten Wochen an der Garderobe zuweilen drunter und drüber. KEYSTONE

Wenn ein reales Drama draussen vor dem Theatereingang stärkere Emotionen weckt als jenes drinnen auf der Bühne, dann ist etwas nicht in Ordnung. Die Verantwortlichen des Zürcher Schauspielhauses geben denn auch zu, dass dieses Frühjahr in ihrer Dependance in Zürich West, dem Schiffbau, nicht alles lief, wie es hätte laufen sollen.

Unfreiwillig wurde dort der Beweis erbracht, dass viele Frauen zu ihren Handtaschen tatsächlich eine besondere Beziehung pflegen. Und dass sie es als Übergriff empfinden, wenn man sie ihnen wegnimmt. Genau das aber tat das Schiffbau-Personal in den vergangenen Monaten wiederholt mit grossem Ernst und Gründlichkeit. Alle Frauen, die mit mehr als einer winzigen Clutch-Bag auf den Eingang zusteuerten, wurden auf ein Schild aufmerksam gemacht, auf dem steht, dass man die Taschen an der Garderobe abgeben müsse.

Genervte Diskussionen

«Aber nicht im Ernst?», war die erste Reaktion, die man immer wieder hörte. Es folgten genervte Diskussionen und Verhandlungen vor dem Eingang, während sich dahinter eine murrende Menschentraube bildete, und es folgte schliesslich der demütigende Gang zurück zur Garderobe, wo alsbald eine zweite Traube entstand.

Egal, was man von den Klischees und vom kalkulierten Kult um die kostspieligen Accessoires hält: Es gibt auch pragmatische Gründe, warum eine Frau ihre Tasche nicht gerne aus der Hand gibt. Sie enthält ihr Geld, ihre Ausweise, Schlüssel, Handy, Agenda und ein halbes Necessaire für alle möglichen Notfälle. «Mein halbes Leben ist da drin», wehrte sich eine ältere Frau vergeblich, als sie ihren Lederbeutel hergeben sollte. Die Stimmung wurde nicht eben besser dadurch, dass jene Frauen, die sich besonders renitent aufführten, am Ende doch mit Tasche eingelassen wurden, damit die Aufführung halbwegs pünktlich beginnen konnte.

Zurück blieben viel Kopfschütteln und eine offene Frage: Wozu das Theater? Schauspielhaus-Sprecherin Kathrin Gartmann klärt auf: Dahinter stecke nicht etwa eine Anti-Handtaschen-Kampagne, sondern ein Missverständnis.

Übereifriges Personal

Die feuerpolizeilichen Regeln seien in allen Theatersälen die gleichen wie seit Jahren: Alles, was sich im Schoss platzieren lässt, ist erlaubt. Verboten sind dagegen grosse Einkaufstaschen, Rucksäcke und dergleichen, die man vor sich auf dem Boden abstellt. Dies aus Sicherheitsgründen: Als einmal ein Zuschauer während einer Aufführung in Ohnmacht fiel, gestaltete sich seine Bergung schwierig wegen der vielen Hindernisse im Zuschauerraum.

Die einzige Neuerung im Schiffbau sind laut Gartmann die Hinweisschilder im Foyer. Diese habe man auf Wunsch des Personals angebracht, um das Publikum auf die kostenlose Garderobe hinzuweisen. Erst später habe man bemerkt, dass einzelne Angestellte die Regeln plötzlich «mit besonderer Vehemenz» durchsetzten. Sprich: Sie haben es übertrieben.

Wie sie dazu kamen, ist unklar. Womöglich habe es damit zu tun, dass im Herbst tatsächlich einmal ein totales Taschenverbot erlassen worden sei, mutmasst Gartmann. Damals ging es um den Schutz der edlen Accessoires: Zur Theaterproduktion «Messer in Hennen» gehörten nämlich Hühner und Ferkel, die unter den Zuschauerreihen durch stoben. Schuld ist vielleicht ist auch die aktuelle Handtaschenmode: Edelmarken wie Céline oder Prada setzen voll auf das grosse A3-Format und geben damit den Trend vor, wie die Inhaberin eines Fachgeschäfts sagt.

Es kommt auf die Grösse an

Gartmann blieb unlängst selbst mit einem solch grossen Modell in der Kontrolle des Schiffbaus hängen. Inzwischen sei das Personal aber noch einmal geschult worden, sagt sie. Nun sei klar, dass es primär auf das Volumen der Taschen ankomme. Der Drill am Eingang gehöre damit der Vergangenheit an.

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