Rosengartenstrasse
«Schandfleck» oder Rosengartentram

Am 28. November werden verkehrspolitisch grundsätzliche Weichen gestellt.

Matthias Scharrer
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Limmattaler Zeitung

Tram oder Auto? Auf diese grundsätzliche Frage läuft die Abstimmung zum Rosengarten-Tram in der Stadt Zürich am 28.November hinaus. Es geht um Fundamentales – ohne Zwischentöne.

Konkret: Auf der Rosengartenstrasse – die seit 1974 als Dauerprovisorium Verkehrsschlagader zwischen dem Norden und dem Südwesten der Stadt ist – sollen zwei von vier Autospuren wegfallen, damit das Rosengartentram gebaut werden kann. Die von der IGWesttangente lancierte Volksinitiative «Rosengartentram» fordert den Stadtrat auf, zuhanden des Kantons ein Tramprojekt für die Strecke Milchbuck–Bucheggplatz-Escher-Wyss-Platz–Albisriederplatz auszuarbeiten. Spätestens zehn Jahre nach Abschluss der Projektierungsarbeiten soll es realisiert sein.

Zwischen Limmat- und Glatttalbahn

Die Initianten hoffen, so den «schweizweit bekannten Schandfleck» Rosengartenstrasse bereinigen zu können. Das durch die heute vierspurige Strasse zerteilte Quartier Wipkingen könnte wieder zusammenwachsen – und seine Bewohner besser atmen. Zudem würden die Querverbindungen via öffentlichen Verkehr ausserhalb des Stadtzentrums verbessert – etwa zwischen der geplanten Limmattal- und der Glatttalbahn.

An sich ist das auf rund 400Millionen Franken veranschlagte Rosengartentram politisch breit abgestützt. Ausser der SVP ist niemand grundsätzlich dagegen. Der Zürcher Stadtrat hat längst festgestellt, dass es sinnvoll wäre, die boomenden Stadtteile Zürich-Nord und Zürich-West via Tram zu verbinden und damit auch die Trams in der Innenstadt zu entlasten. Allerdings hält er es für unmöglich, den Platz für den Autoverkehr auf der Rosengartenstrasse ersatzlos zu halbieren. Eine Studie des städtischen Tiefbauamts habe ein «theoretisches Umsteigepotenzial» vom Auto auf den öffentlichen Verkehr von maximal 20Prozent ergeben, entgegnete der Stadtrat den Initianten. Er wollte dem Volk daher einen Gegenvorschlag unterbreiten, der den Trambau mit einem Autotunnel-Projekt kombiniert hätte. Der Stadtrat setzte dabei auf den im kantonalen Richtplan bereits eingetragenen Waidhalde-Tunnel als Ausweichroute für die täglich bis zu 75000Autos, die bislang über die Rosengartenstrasse fuhren.

Unterstützung fand er damit bei der FDP. Doch SP, Grüne, Grünliberale und Alternative Liste fegten den stadträtlichen Gegenvorschlag vom Tisch. Stattdessen setzten sie einen parlamentarischen Gegenvorschlag durch, der nun zusammen mit der Volksinitiative zur Abstimmung kommt. Er fordert das Gleiche wie die Volksinitiative – und darüber hinaus 5,4Millionen Franken für ein Tram-Vorprojekt sowie 4Millionen für den Schutz der Wohnquartiere vor Schleichverkehr. Der Gemeinderat hat damit das Abstimmungskomitee fürs Rosengartentram gleichsam links bei Grün überholt. Selbst das Komitee empfiehlt nun in der Stichfrage den parlamentarischen Gegenvorschlag zur Annahme.

Testfall Hardbrücke-Sanierung

Die seit 2009 laufende Renovation der Hardbrücke dürfte diese Ausgangslage begünstigt haben. Auch das Rosengartentram würde dereinst über die Hardbrücke fahren. Und entgegen manchen Befürchtungen brach der Verkehr nicht zusammen, obwohl er durch die Bauarbeiten auf der Hardbrücke seit gut einem Jahr massiv eingeschränkt ist: «Es funktioniert», bilanziert Heiko Ciceri von der städtischen Dienstabteilung Verkehr die aktuelle Situation rund um die Hardbrücke.

Vor den Lichtsignalen, die den Verkehr von Norden via Rosengartenstrasse zur Hardbrücke dosieren, gebe es allerdings vor allem im morgendlichen und abendlichen Pendlerverkehr Wartezeiten. Und: «Ein stattlicher Teil des Verkehrs weicht via Nordumfahrung auf die Westumfahrung Zürichs aus», so Ciceri weiter. Für das Initiativkomitee Rosengartentram zeigt das Beispiel Hardbrücke, dass eine Reduktion der Spuren für den Autoverkehr machbar ist. Der Waidhalde-Tunnel sei nicht nötig, sondern wäre schädlich, findet das Komitee: «Denn jede neue Strassenverbindung erzeugt auch mehr Verkehr.»

Das letzte Wort hat der Kanton

Dennoch: Selbst wenn die Stimmberechtigten die Volksinitiative oder den Gegenvorschlag annehmen, ist unklar, ob das Rosengartentram gebaut und der Waidhalde-Tunnel nicht gebaut wird.

Denn das letzte Wort über die Zukunft der Durchgangsachse Rosengartenstrasse hat der Kanton Zürich. Und der hält sich noch bedeckt: Erst einmal gelte es, die Stadtzürcher Abstimmung abzuwarten, hiess es. So werden in Zürich am 28.November zwar verkehrspolitisch grundsätzliche Weichen gestellt. Doch wohin die Reise geht, bleibt auch danach vorerst offen.