Mit seinem Schuldspruch folgte das Obergericht der Anklage. Diese hatte aber eine Bestrafung mit 11 1/4 Jahren verlangt. Die Verteidigung plädierte erfolglos auf schwere Körperverletzung und eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 36 Monaten, wovon der Beschuldigte ein Jahr abzusitzen haben sollte. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der zum Tatzeitpunkt 21-jährige Beschuldigte hatte seine damals 76-jährige Grosstante am Abend des 10. März 2016 in deren Haus angegriffen. Sie überlebte mit lebensgefährlichen Verletzungen.

Er hatte ihr von hinten einen Zwei-Kilo-Gewichtsstein auf den Kopf geschlagen, sie mit Fusstritten und Faustschlägen traktiert und ihr eine volle Rotweinflasche über den Kopf gehauen, die er im unteren Stock des Hauses geholt hatte. Anschliessend riss er aus einem Bett Matratze, Lattenrost, Decke und Kissen, begrub die schwer Verletzte darunter und liess sie liegen.

Unterschiedliche Beurteilungen

Das Bezirksgericht Dielsdorf ZH hatte den Schweizer im Februar 2017 wegen schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 6,5 Jahre verurteilt. Es hatte dem jungen Mann geglaubt, dass er seine 76-jährige Grosstante nicht habe töten oder schwer verletzen wollen.

Das sah nun das Obergericht als zweite Instanz anders: Es gehöre "zum Elementarwissen", dass der Kopf eines Menschen besonders verletzlich sei. Bei seiner Attacke gegen die ältere Frau habe der Beschuldigte "nicht mehr in gutem Glauben darauf hoffen können, dass sie überleben würde", sagte der Oberrichter in der mündlichen Urteilsbegründung.

Er habe den Tod des Opfers in Kauf genommen und damit klar eventualvorsätzlich gehandelt. Laut psychiatrischem Gutachten sei seine Steuerungsfähigkeit nur geringfügig beeinträchtigt gewesen. Nach der Tat habe er nichts unternommen, um seine Grosstante aus ihrer lebensbedrohlichen Lage zu befreien.

Dies tat bald darauf die Polizei, welche von einem Nachbar alarmiert worden war. Dieser hatte die Schreie der Frau gehört. Der Grossneffe liess sich widerstandslos festnehmen. Von Anfang an gestand er den äusseren Tatablauf und zeigte sich reuig. Er bestritt allerdings konstant jegliche Tötungsabsicht. Seit der Tat befindet er sich in Haft. Er hat eine Therapie begonnen.

Sohn von Aussteigerfamilie

Wie die Bezirksrichter berücksichtigten auch die Oberrichter die "sehr bemerkenswerte Biografie" des Beschuldigten und dessen "harte Kinder- und Jugendjahre". Als viertes von acht Kindern wurde er in eine Schweizer Aussteigerfamilie hineingeboren.

Die Eltern hatten sich von ihren Akademikerlaufbahnen verabschiedet und waren nach Polen in ein kleines Dorf gezogen. Dort arbeiteten sie unter ärmlichsten Bedingungen und abgeschieden von der Dorfgemeinschaft als Biobauern. Auch die Kinder mussten stets mitarbeiten.

Nach der Schule machte der Beschuldigte eine Ausbildung zum Gastronomiefachmann. Weil er keine Stelle fand, fuhr er in die Schweiz, um die Rekrutenschule zu absolvieren. Gern wäre er auch Berufsmilitär geworden. Aber als er ankam, verzögerte sich der RS-Antritt. Er hatte keine Arbeit, kein Geld und kannte niemanden von der Schweizer Verwandtschaft.

Zuerst wohnte er kurz bei seinen Grosseltern. Diese schickten ihn aber schon nach einer Woche zur Grosstante, die in der Nachbarschaft als "schwierig" galt. Die Frau fühlte sich überrumpelt, man habe sie nicht gefragt, ob sie ihren Grossneffen, den sie bis dahin nicht kannte, aufnehmen wolle.

Mit dem jungen Mann, introvertiert, passiv und unsicher, hatte die Grosstante offenbar Schwierigkeiten. Sie machte kein Hehl daraus, dass sie ihn und seine ganze Familie verachtete und ihn gern loswürde. So schwelte der Konflikt einige Monate lang, bis er nach rund einem halben Jahr im Gewaltausbruch des Beschuldigten explodierte.