Zürich
SBB lässt Passagiere in bis zu 40 Grad heissen Zügen fahren

Im Kanton Zürich gibt es noch immer SBB-Züge, die nicht klimatisierte Wagen haben. Bei der aktuellen Bruthitze können die Temperaturen in den Zügen gesundheitsgefährdend sein. Das hat kürzlich auch ein SBB-Passagier erfahren müssen.

Thomas Münzel
Merken
Drucken
Teilen
Das Zugfahren ohne Klimaanlage ist bald vorbei: Alle S-Bahn-Wagen sollen laut den SBB bis Ende dieses Jahres Klimageräte erhalten.

Das Zugfahren ohne Klimaanlage ist bald vorbei: Alle S-Bahn-Wagen sollen laut den SBB bis Ende dieses Jahres Klimageräte erhalten.

Zur Verfügung gestellt

Am vergangenen Dienstagnachmittag fuhr der 55-jährige Peter K. (Name geändert) mit der S9 von Bülach nach Zürich. Der Wagen, in dem er sass, war ganz offensichtlich nicht klimatisiert. Schon beim Einstieg schlug ihm extrem heisse Luft entgegen. «Es dürften im Inneren des Zuges mindestens 40 Grad gewesen sein», schätzt Peter K.

Im Verlaufe der Fahrt spürte er, dass ihm die Hitze im Zugsinnern mehr und mehr zusetzte. Aber auch anderen Passagieren schien es nicht sonderlich gut zu gehen. Die gequälten Gesichter und das leise Stöhnen sprachen seinen Angaben zufolge Bände. Einige Leute hätten andauernd versucht, sich Luft zuzufächeln. Der Schweiss floss in Strömen.

Nach einer Viertelstunde Fahrt bekam Peter K. leichte Kreislaufprobleme. Schwindel und Übelkeit stellten sich ein. Gerne hätte er etwas getrunken, aber dazu gab es im Zug keine Möglichkeit. An einer Haltestelle überlegte er kurz, ob es nicht gescheiter wäre, auszusteigen. Da er aber unter Termindruck stand, überwand er sich und setzte die Fahrt bis nach Zürich fort.

Dort angekommen, stürmte Peter K. schliesslich aus dem SBB-Wagen und rang nach Luft. Erst nach einer Weile stabilisierte sich sein Kreislauf wieder. Ist Peter K. ein Einzelfall? Zahlen zu Personen mit hitzebedingten Gesundheitsproblemen in den Zügen gibt es keine.

Jurist sieht Möglichkeit für Hitzeklage gegen SBB

Wer aufgrund der Hitze in einem SBB-Zug gesundheitliche Schäden davontrage, könne von den SBB Schadenersatz einfordern, sagt Jurist Michael Hochstrasser.
Der Zürcher Dozent hat seine Habilitation zum Personen- und Güterbeförderungsvertrag geschrieben. Er kennt die Rechte und Pflichten der SBB deshalb sehr genau. Seiner Ansicht nach sind die SBB von Gesetzes wegen dazu verpflichtet, «alle transportierten Personen wohlbehalten ans Ziel zu bringen». Selbst wenn nirgendwo stehe, wie heiss es in einem nicht klimatisierten SBB-Wagen werden dürfe, müssen die SBB dafür sorgen, dass keine Temperaturen herrschen, welche die Gesundheit gefährden.

«Erleidet eine Person in einem nicht klimatisierten SBB-Wagen aufgrund der Hitze einen Kreislaufkollaps, so könnte sie die SBB auf zivilrechtlichem Weg verklagen und Ersatz für den erlittenen Schaden verlangen», sagt Hochstrasser. Er denkt dabei insbesondere an Arztkosten oder einen Verdienstausfall. In extremen Fällen wäre für ihn sogar eine strafrechtliche Verantwortlichkeit – fahrlässige oder eventualvorsätzliche Körperverletzung – denkbar.

«Hilfreich wäre im Falle der nicht klimatisierten Züge, dass die SBB beispielsweise via Durchsagen vor den Gefahren der Hitze warnen und auf alternative Verbindungen mit gekühlten Wagen hinweisen», meint Hochstrasser. Er würde sich zudem wünschen, dass die SBB bei S-Bahnen an heissen Tagen Zugbegleiter einsetzen, die ein besonderes Auge auf die Risikogruppe haben. (tm)

«Uns ist nichts bekannt»

In bestimmten Internetforen war in der Vergangenheit zwar immer mal wieder die Rede von Zugpassagieren, denen es in nicht klimatisierten SBB-Zügen schlecht wurde oder die gar ohnmächtig geworden sein sollen. Bei den SBB will man davon aber nichts wissen. «Uns ist nichts bekannt», sagt SBB-Sprecher Reto Schärli.

Bekannt ist aber, dass es beispielsweise in Deutschland in den vergangenen Jahren bei mehreren Ausfällen der Klimaanlagen immer mal wieder Situationen gab, in denen Zugspassagiere aufgrund der Gluthitze im Wageninnern dehydrierten und kollabierten. Viele dieser Hitzeopfer wurden entschädigt. Allein im Jahr 2010 haben nach Angaben der Deutschen Bahn Hunderte Fahrgäste, die wegen der Hitze in den Zügen gesundheitliche Probleme bekamen, ein «Schmerzensgeld» erhalten.

40-jährige Zweitklasswagen

Ausfälle von Klimaanlagen gibt es bei den SBB heute eher selten. Klar ist aber, dass nach wie vor alte SBB-Wagen im Einsatz stehen, die nicht klimatisiert sind. In diesen Wagen kann es laut SBB-Sprecher Schärli an Hitzetagen vereinzelt tatsächlich bis zu rund 40 Grad heiss sein.
Seit geraumer Zeit setzen die Bundesbahnen auf gewissen Strecken gar verstärkt Wagen ohne Klimaanlage ein. Es handelt sich dabei um die rund 40-jährigen Zweitklasswagen des Typs Bpm51. Durch den Einsatz dieser Wagen fällt der Anteil klimatisierter Plätze auf gewissen Strecken in der zweiten Klasse auf 50 Prozent.

Anzutreffen sind die einstöckigen Modelle auf den Interregio-Linien Basel–Aarau–Zürich–St. Gallen und Basel–Brugg–Zürich. Teils verkehren sie auch auf den Intercity-Strecken Zürich–Chur und Basel–Zürich. Die nicht klimatisierten Bpm51-Wagen sind laut SBB allerdings nur noch bis maximal Ende 2018 unterwegs.

Wie eingangs erwähnt, gibt es auch auf der Zürcher S-Bahnstrecke nach wie vor nicht klimatisierte Wagen. Doch die Modernisierung der 90 Doppelstockpendelzüge der ersten Generation schreitet voran – alle S-Bahn-Wagen sollen laut den SBB bis Ende dieses Jahres Klimageräte erhalten.

Und wie ist der aktuelle Stand? «Alle Züge der Zürcher S-Bahn verfügen über mindestens einen klimatisierten Wagen», sagt SBB-Sprecher Schärli. Die Züge der zweiten und dritten Generation seien bereits standardmässig mit Klimageräten bestellt und ausgeliefert worden.

Das raten die SBB

Doch was raten die SBB all jenen, die derzeit noch immer mit nicht klimatisierten Wagen vorlieb nehmen müssen? Was empfiehlt sie insbesondere jenen Passagieren, die aufgrund ihres Alters oder einer Krankheit bei Hitze ein erhöhtes Gesundheitsrisiko haben? «Reisenden, die Hitze schlecht ertragen, empfehlen wir, im Zweifelsfall das Zugspersonal zu fragen, welche Wagen eines Zuges klimatisiert sind», sagt SBB-Sprecher Schärli. Pech ist allerdings, wenn man niemanden fragen kann, weil man in einen unbegleiteten S-Bahn-Zug einsteigen muss.