Seit wir das Internet im Hosensack mit uns herumtragen oder es zumindest zu Hause am Schreibtisch abrufen können, ist dieser 6000 Seiten starke Wälzer zum anachronistischen Kuriosum geworden: das offizielle Kursbuch der Schweiz.

Dieses Jahr erscheint es noch in einer Auflage von 30 000 Exemplaren und wird auch an den SBB-Schaltern im Limmattal verkauft. Das Kursbuch enthält die Fahrpläne für sämtliche Bahnen, Seilbahnen, Schiffe und Autobusse, die in diesem Land verkehren. Es umfasst drei Bände, wiegt rund 3,5 Kilogramm und kostet 16 Franken.

Nach dem Kauf des Kursbuchs ist auf der Redaktion dann zweierlei passiert. Junge und jüngere Kollegen bestaunen die drei Bände, blättern eher ratlos und versichern, so etwas hätten sie wirklich noch nie gesehen. Wer ein Handy hat, braucht doch dieses gedruckte Ungetüm nicht.

Ältere Kollegen hingegen nicken wissend und erzählen von früher, als den kundigen Kursbuchlesern noch die Welt gehörte, der Umgang mit dem Kursbuch zur Allgemeinbildung gehörte und in der Schule gelernt und geübt wurde. Einer erinnert sich gar daran, wie er als Kind noch die Fahrten seiner Modelleisenbahn auf die Minute genau nach dem Fahrplan im Kursbuch ausgerichtet hat.

Auflage sinkt stetig

Bis 1982 hiess das Kursbuch noch «amtliches Kursbuch». Mit der Einführung des Taktfahrplans wurde daraus das «offizielle Kursbuch». Es war ein nationaler Bestseller und praktisch in jedem Haushalt vorhanden. Die Auflage betrug jährlich gegen eine Million Exemplare. Mit dem Aufkommen des elektronischen Fahrplans in den Neunzigerjahren sank die Auflage stetig. «Vor zehn Jahren wurden noch gut 350 000 Exemplare gedruckt», sagt SBB-Mediensprecherin Lea Meyer. Aber weil die Kunden immer mehr aufs Internet ausweichen, ist die Auflage kontinuierlich auf den heutigen Stand gesunken.

Ist das Kulturgut «Kursbuch» vom Aussterben bedroht? Die SBB-Mediensprecherin gibt sich vorsichtig: «Das Kursbuch wird so lange gedruckt erscheinen, wie die Einnahmen aus dem Verkauf die direkten Produktionskosten decken. Momentan ist dies der Fall.»

Wer genauer hinschaut, wundert sich vielleicht, dass das offizielle Schweizer Kursbuch in Deutschland gedruckt wird. Warum nicht in der Schweiz? Lea Meyer erklärt: «Es gibt nur noch in Deutschland Druckmaschinen, die diesen Auftrag ausführen können.» Gekauft wird das Kursbuch von eher älteren Kunden, die keinen Zugang zu elektronischen Daten haben.

Aber auch eingefleischte Bahnfreaks möchten nicht freiwillig darauf verzichten. Schliesslich brauchen die SBB nach jedem Fahrplanwechsel auch rund 5000 Exemplare für den internen Gebrauch, wie Mediensprecherin Meyer ausführt.

Und nun die Probe aufs Exempel. Angenommen, ich möchte dem Limmattaler Nebel entfliehen und am Weihnachtstag auf die Rigi fahren. Mit der App weiss ich schon nach wenigen Sekunden, dass ich um 9.45 Uhr in Dietikon abfahren muss und um 11.47 Uhr dann auf Rigi Kulm stehe.

Umsteigen muss ich in Zürich und in Arth-Goldau und zwar auf Gleis 7 in Zürich; in Arth-Goldau warten sieben Minuten Fussmarsch zur Rigi-Bahn. Was ich dabei nicht wissen muss: Wo genau die Reise durchführt, ob es allenfalls andere Möglichkeiten gäbe, um auf die Rigi zu kommen. Ich verlasse mich ganz auf die App; die denkt für mich und filtert für mich die beste Verbindung heraus.

Viele Wege auf die Rigi

Ganz anders das offizielle Kursbuch. Das sagt mir gar nichts. Da muss ich selber denken. Muss selber herausfinden, wo denn ungefähr in der Schweiz Dietikon liegt und wo die Rigi. Die ausklappbare Karte hilft mir dabei, anhand der Streckennummern die Verbindungen zu finden.

Das dauert natürlich viel länger, als wenn ich die App für mich suchen lasse. Dafür kriege ich nach und nach ein Gefühl für die Schweizer Geografie, weiss, dass Romanshorn meistens nicht auf dem Weg ins Tessin liegt. Und ich entdecke, dass es von Dietikon aus verschiedene Wege auf die Rigi gibt. Über Zürich.

Oder via Luzern und über den Vierwaldstättersee. Ich finde heraus, dass ich die Zahnradbahn nehmen kann. Oder die Seilbahn. Dass eine Rundreise möglich ist. Vielleicht das Anspruchsvollste an der ganzen Sucherei: Ich muss mich entscheiden, welche Strecke ich nehme und damit auch die Verantwortung für die gewählte Route übernehmen. Das alles dauert zwar ziemlich lange und ist anstrengend; ungeübt, wie ich bin, blättere ich sicher schon bald zehn Minuten in meinem extra gekauften Kursbuch.

Jetzt habe ich Lust bekommen, meine so gefundene Rundreise auszuprobieren und bald wieder einmal auf die Rigi zu fahren. Jetzt hoffe ich nur noch auf prächtiges Wetter.