Propaganda
Salafisten verteilen Korane auf Winterthurer Gassen

Eine international gut vernetzte Organisation von Salafisten macht in Winterthur auf sich aufmerksam. Die ­Mitglieder ­geben sich auf der Strasse offen, und doch vertreten sie eine radikale Form des Islam.

Till Hirsekorn/Luzia Tschirky, Der Landbote
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Auf Mission am Untertor: Dieses Bild der Verteilaktion stellten die Salafisten auf Facebook.

Auf Mission am Untertor: Dieses Bild der Verteilaktion stellten die Salafisten auf Facebook.

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«Im Namen deines Herrn, der dich erschaffen hat» lautet der Slogan der Aktion «Lies!». Damit sollen sogenannte «Kuffar», Ungläubige, zum Islam gebracht werden.

Für ihre Aktion am vergangenen Donnerstagabend am Untertor brauchten zwei junge Männer aus Winterthur keine Bewilligung der Polizei, weil sie die Korane gratis abgaben und keinen Stand aufstellten.

Die jungen Männer missionieren im Namen der Stiftung «Die wahre Religion» (DWR) mit Sitz in Köln und unter deren Aktion «Lies!». Die Drahtzieher hinter dem internationalen Netzwerk sind zwei bekannte Salafisten, also ultrakonservative Muslime: der Palästinenser Ibrahim Abou-Nagie und der deutsche Konvertit Pierre Vogel.

Gegen Vogel verhängte die Bundespolizei Fedpol vor sechs Jahren ein Einreiseverbot, mutmasslich ebenso gegen Abou-Nagie. Einer Einladung als Referent zu einem Salafistentreff im Hotel Töss kam er 2013 nicht nach. Das Fedpol kann die Sperre jedoch nicht bestätigen.

Die zwei jungen Männer am Untertor gaben auf Anfrage an, eine Moschee in Wülflingen zu besuchen. Eine solche ist aber weder bei der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich noch beim Wülflinger Quartierverein bekannt. Auch die kantonale Fachstelle für Integration hat keine Moschee in Wülflingen in ihrem Verzeichnis aufgeführt.

Gefährliches Gedankengut

Die Politologin Elham Manea, die an der Universität Zürich doziert, beurteilt die «Lies!»-Verteilaktion von DWR aus verschiedenen Gründen als «äusserst heikel»: «DWR ist eine international gut vernetzte islamistische Gruppierung, die den Kampf gegen die ‹Ungläubigen› predigt. Die Botschaft lautet: Wir gegen die anderen!»

Abou Nagie verbreitet im Internet Aussagen wie: «Wer eine andere Religion annimmt, wird am letzten Tag verlieren.» Im aktuellen internationalen Kontext, wo der Islamische Staat in Syrien und dem Irak mit seinen Terrormilizen Kalifate errichten wolle, sei diese Botschaft verheerend, so Manea: «Das Ziel ist, junge Leute zu radikalisieren und für den Jihad zu begeistern.» Dabei erziele DWR mit ihrem «sozialen Islamismus salafistischer Prägung» eine besonders hohe Reichweite und Akzeptanz.

Moderne Propaganda

Die Propaganda von DWR ist modern und findet legal unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit statt. Kommuniziert werde offen und über Social Media, sagt Manea. «So verteilen sie ihre Botschaft schnell und unverdächtig», sagt sie. Deute man ihre Appelle konsequent, müsste man sich von der westlichen Gesellschaft abschotten. «Junge Muslime beginnen sich zu isolieren. Solche Gruppen sind daher gefährlich und können enormen Schaden anrichten», sagt sie.

In Europa hat «Lies!» Ableger in zehn Ländern. Allein 28 mehrheitlich junge Winterthurer haben auf Facebook die DWR-Seite «geliked». Drei posten dort auch die Flagge des Islamischen Staates oder Bilder, die eine weltweite Expansion des Islam zelebrieren.

Ohne einen direkten Bezug zu den zwei Tössemer Geschwistern herstellen zu wollen, die vor einem Monat mutmasslich nach Syrien in den Jihad gezogen sind, empfiehlt Politologin Manea den Behörden, die Gruppe gut zu beobachten, allenfalls ein Verteilverbot auszusprechen oder zumindest die verteilten Korane inhaltlich prüfen zu lassen: «Denn beim Koran hängt vieles von der Übersetzung und von den Erklärungen ab, wie er interpretiert werden kann.»

Am gleichen Tag missionierte DWR auch in Zürich und zwei Tage später in Bern.

Dieser Artikel ersch in der Zeituung «Der Landbote»