25 Jahre ZVV
Rush Hour in Zürich: Unterwegs mit dem fahrenden Volk

Voll abgefahren: Täglich sind im Raum Zürich über 440 000 Fahrgäste per S-Bahn und deren 1,6 Millionen auf dem Gesamtnetz des Zürcher Verkehrsverbunds (ZVV) unterwegs. Eine Erkundungstour.

Matthias Scharrer
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Blick aus der S5 auf den Siedlungsbrei im Zürcher Oberland
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Aus dem Bahnhof Altstetten strömen die Pendler
Einsteigen und Weiterkommen ist das Motto des ZVV
Mittwochnachmittag herrscht Hochbetrieb am Bahnhof Bülach
Unterwegs in der S-Bahn mit dem fahrenden Volk

Blick aus der S5 auf den Siedlungsbrei im Zürcher Oberland

Matthias Scharrer

8.09 Uhr: Der 89er-Bus ist schon gut gefüllt, als ich im Wohnquartier zusteige. Je mehr wir uns den Arbeitsplatzgebieten in Zürich West nähern, umso voller wird er. Aus dem Kopfhörer eines Sitznachbarn ist Hip-Hop zu hören. Der Vordermann wischt auf seinem Handy herum. Dessen Bildschirm zeigt schnelle Autos. Draussen stauen sich Autos vor einer Ampel. Die Stimme aus dem Bus-Lautsprecher nuschelt etwas von «Betriebsstörung». Aus dem Bahnhof Zürich Altstetten quillt Pendlermasse. Wer gegen den Strom läuft, droht überrannt zu werden. Die Leute auf Gleis 2 starren stadtauswärts, von wo der Zug kommen sollte. Er hat Verspätung: erst acht, dann neun, dann zehn Minuten.

S-Bahnfahren ist längst massentauglicher Alltag. 1990, beim Start der Zürcher S-Bahn, überquerten täglich 159 000 Fahrgäste per S-Bahn die Zürcher Stadtgrenze. Heute sind es laut Angaben des ZVV über 440 000. Die Zuwachsrate übersteigt das Bevölkerungswachstum bei weitem.

Eine Kathedrale der Mobilität

8.50 Uhr: Zwischenstopp im Bahnhof Stadelhofen. Zum Start der Zürcher S-Bahn vor 25 Jahren wurde er neu gebaut. Die Pläne zeichnete Stararchitekt Santiago Calatrava. Der Bahnhof mit seinen geschwungenen Beton- und Stahlkonstruktionen ist eines der wenigen architektonischen Meisterwerke, die in den letzten Jahrzehnten in Zürich entstanden: eine Kathedrale der Mobilität, dreigleisig. Sie stösst längst an ihre Kapazitätsgrenzen. Ein viertes Gleis ist in Planung, ein Ende des Mobilitätswachstums nicht in Sicht.

Wohin soll die Reise gehen? Nach Esslingen, Winterthur, Zug, Brugg oder Pfäffikon SZ? Ich entscheide mich für die S 5, die via Uster, Wetzikon und Rapperswil nach Pfäffikon SZ führt. ETH-Forscher tauften die Agglomeration entlang der Bahnlinie auf den Namen «S 5-Stadt». Der per S-Bahn beschleunigte Anschluss ans Wirtschaftszentrum Zürich hat stark zum Wachstum der Landgemeinden beigetragen. So zählte Wetzikon 1990 noch 16 800 Einwohner; heute sind es 24 000.

Vor dem Zugfenster ziehen Baustellen, Gewerbehallen und Wohnsiedlungen vorbei, dann zwischendurch grüne Wiesen. Nach ein paar Minuten Fahrzeit sind zwei Kühe zu sehen – die einzigen auf der Strecke bis Pfäffikon.

10 Uhr: In Rapperswil böte sich die Chance, aufs Schiff umzusteigen. Seit dem Start des ZVV sind die Tickets zonenweise für alle öffentlichen Verkehrsmittel gültig. Vorher waren für eine Reise mit Bus, Bahn und Schiff drei Tickets nötig. Angesichts des Hudelwetters bleibe ich im warmen Zug. Auf dem Gleis vis-à-vis rollt der Voralpenexpress vorbei. Eine Seniorengruppe frönt darin dem Weisswein. Die S 5 hingegen ist kurz vor der Endstation mitten am Vormittag praktisch leer. Die Pendler sind längst in ihren Büros.

Leere Züge nach den Stosszeiten verleiteten den Zürcher Regierungsrat Ende der 1990er-Jahre zu einer Sparidee: Busse sollten spätabends die
S-Bahn ersetzen. Doch der Widerstand war gross. Zu gross. Man hatte sich an den Taktfahrplan gewöhnt. Die Sparidee kam aufs Abstellgleis. Heute fährt der ZVV bei einem Budget von knapp einer Milliarde Franken jährlich Defizite in dreistelliger Millionenhöhe ein. Sie belaufen sich auf rund 35 Prozent des Budgets. Doch der Service public des ZVV ist politisch praktisch unumstritten: Der Zürcher Kantonsrat winkte die Defizitgarantie von 350 Millionen Franken pro Jahr zuletzt ohne Gegenstimme durch. Der Kanton Zürich und seine Gemeinden tragen den Löwenanteil des ZVV-Defizits. Bund und Nachbarkantone beteiligen sich nur minim daran.

Endstation Pfäffikon SZ. Wie weiter auf dem S-Bahn-Trip? Die Reiselust sagt: Einsiedeln, S 40. Ich teile den Zug bei der Abfahrt am späten Vormittag mit 19 anderen Reisenden. Der Grossteil des Agglomerationsverkehrs ist Freizeitverkehr, heisst es in einer Studie des Bundes. Eine Erkenntnis, die auf meiner Erkundungstour im Laufe des Nachmittags immer augenfälliger wird.

In Einsiedeln angekommen, zieht es mich ins Restaurant Ise Bähnli. Dort darf man noch rauchen, wie einst zu Beginn des S-Bahn-Zeitalters in den Zügen. Auf der Rückfahrt Richtung Wädenswil weckt mich nach einem halben Tag ZVV-Reisen der erste Billettkontrolleur aus dem Verdauungs-Halbschlaf. Erinnerungen an die Zugfahrten ins Gymnasium vor dem Start der S-Bahn werden wach: Damals streiften noch regelmässig Kondukteure durch die Vorortszüge. Und die Zugfenster konnte man auch noch öffnen.

In Wädenswil böte sich die S 25 zur Weiterfahrt nach Linthal an. Doch der Dauerregen ist kein Bergwetter. Ich ziehe die S 8 nach Winterthur vor. Sie ist gut gefüllt. Der Spanier gegenüber im Abteil büffelt Deutsch. Eine Frau bringt ihre Einkäufe heim. Eine Studentin fährt zur Hochschule. Der Zug taucht in den Untergrund, zum 2014 eröffneten Bahnhof Löwenstrasse.

ZVV wächst weiter

Die Grenzen des ZVV-Wachstums sind noch nicht erreicht: 1990 umfasste sein gesamtes Netz in allen Fahrtrichtungen rund 2700 Kilometer. Heute sind es mit 4600 Kilometern fast doppelt so viele. Der nächste Spatenstich erfolgt schon nächsten Donnerstag, für die neue Tramlinie über die Hardbrücke in Zürich. Täglich verkehren im ZVV nach dessen Angaben 1,6 Millionen Fahrgäste, gemessen an der Anzahl Einstiege in die Fahrzeuge. Bis 2030 wird mit einer Zunahme um 40 Prozent gerechnet.

Ob auf der Weiterfahrt per S-Bahn von Winterthur nach Schaffhausen, von Schaffhausen nach Bülach, von Bülach per Bus nach Oberglatt, von Oberglatt per S-Bahn nach Zürich Hardbrücke: Am Werktagnachmittag sind die Züge und Busse gut gefüllt, zwischen halb und ganz voll, je näher die Rushhour rückt. Ein Verdacht drängt sich auf: die Schweiz – ein Volk von Fahrenden? Zumindest in der Agglomeration herrscht auf Schiene und Strasse viel Verkehr. Der öffentliche Verkehr stellt dabei die Fortsetzung der Mobilität mit platzsparenden Mitteln dar. Und dass Mobilität noch immer mit Fortschritt verbunden wird, zeigt das ZVV-Motto auf den Fahrzeugtüren: «Steig ein. Komm weiter.»