Zürich
Rund 40 Franken pro Gramm: Heroin ist wieder auf dem Vormarsch

Der Preis für Heroin ist erstaunlich tief in Zürich. Neue Käuferschichten erobert die Droge bisher aber kaum. Ihr Image bei den Jungen ist schlecht, sagt der Leiter der Jugendberatung: «Heroin haftet das Etikett des Verlierers an.»

Thomas Marth
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Ein Drogensüchtiger setzt sich vor den Augen von Zürcher Polizisten in einem Hinterhof der Langstrasse einen Schuss. KEYSTONE/Gaetan Bally

Ein Drogensüchtiger setzt sich vor den Augen von Zürcher Polizisten in einem Hinterhof der Langstrasse einen Schuss. KEYSTONE/Gaetan Bally

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40 Kilogramm Heroin wurde letztes Jahr an den Schweizer Grenzen beschlagnahmt. Das sind sechs Kilo mehr als im Vorjahr, wie die Zollverwaltung letzte Woche mitteilte. Und auch die Polizei ist nicht untätig. Gleich drei Aktionen gegen Heroinhändler wurden etwa am vorletzten Mittwoch gemeldet: Vier Dealer wurden in Zürich verhaftet (mit insgesamt 200 Gramm Heroin), zwei in Winterthur (180 Gramm) und zwei in Bülach (575 Gramm). Die Droge stammt zum Grossteil aus Afghanistan. Und für Nachschub ist gesorgt.

Wie der neueste Weltdrogenbericht der UNO festhält, hat der Anbau von Schlafmohn in Afghanistan ein bisher nicht gekanntes Ausmass erreicht. Auf rund 200 000 Hektaren wird die Pflanze, aus der Opium und Heroin gewonnen werden, mittlerweile angebaut. Das ist nochmals mehr als in den bisherigen Rekordjahren 2007 bis 2009. In Afghanistan werden fast 80 Prozent des Opiums und des Heroins hergestellt, das weltweit in den Handel gelangt.

40 Franken pro Gramm: Warum ist Heroin so billig?

Für Christian Schneider vom Bundesamt für Polizei (Fedpol) ist nicht sicher, ob der Grund für die tiefen Heroinpreise ein Überangebot ist. «Die Reinheitsgehalte von sichergestellten Proben, die dem Strassenmarkt zuzuordnen sind, haben heute noch einen durchschnittlichen Heroingehalt von 10 bis 15 Prozent», sagt er.

Insofern reflektiere der tiefe Preis auch die schlechte Qualität. Es sei aber wohl so, dass es mit wenigen Ausnahmen - wie letztmals für einige Monate im Jahr 2010 - genügend Heroin auf dem Markt gebe, um die Nachfrage zu decken.

Schneider verweist im Weiteren darauf, dass die Mohn-Anbaufläche in Afghanistan zwar so gross wie nie ist, dass aber die Ernte 2013 wegen schlechten Wetters nicht ausserordentlich gross war. Die geschätzte weltweite Nachfrage übersteigt sie dennoch.

Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung vertritt drei Thesen, die das Missverhältnis zwischen der Produktion in Afghanistan und der bekannten globalen Nachfrage nach Heroin erklären könnten. Erstens wäre es möglich, so Schneider, dass die weltweite Nachfrage von offizieller Seite unterschätzt wird. Es könnte zweitens aber auch sein, dass der Anteil des Rohopiums, der zu Heroin verarbeitet wird, überschätzt wird. Denn ein Teil des Rohopiums wird auch zu Rauchopium und illegal hergestelltem Morphin verarbeitet, das dann als illegale Medikamente auf den Markt gebracht wird. Über diese Anteile liegen nur grobe Schätzungen vor.

Drittens wird es als möglich erachtet, dass Grosshändler Heroin in Afghanistan und entlang den Schmuggelrouten in grossen Mengen lagern, um eine friktionslose Versorgung der Märkte über längere Zeit zu garantieren. Bisher wurden jedoch nur wenige solche Lager entdeckt. (tma)

Ziel sei vor allem Europa, aber auch Afrika, sagte Yuri Fedotov, Leiter des UN-Büros für Drogenbekämpfung (UNDCP), kürzlich in einem Interview mit der «Deutschen Welle». «Hersteller und Händler scheinen sich sicher zu sein, dass es für ihr Heroin auch entsprechend Nachfrage geben wird.» Gibt es eine Heroinschwemme in Zürich? Bis anhin nicht, heisst bei Stadt- und Kantonspolizei Zürich auf Anfrage. «Mal ist es Kokain, mal ist es Heroin», beschreibt Kapo-Mediensprecherin Carmen Surber den Alltag in der Drogenfahndung.

2012 wurden im Kanton Zürich 64 Kilogramm Heroin sichergestellt (und 106 Kilogramm Kokain). Beim Heroin ist das in etwa so viel wie in den Jahren zuvor. Eine Ausnahme bildete 2010, als 124 Kilogramm beschlagnahmt wurden (beim Kokain schwang 2007 obenaus mit 438 Kilogramm). Die Zahlen für 2013 präsentiert die Kantonspolizei Ende März.

Für die Jungen ein No-go

«Heroin haftet das Etikett des Verlierers an», sagt Christian Kobel, Betriebsleiter bei der Zürcher Jugendberatung Streetwork. Es komme auch selten vor, dass jemand mit Heroin im städtischen Drogeninformationszentrum zum Testen vorbeikomme. Heroin sei ein No-go, das höre man von den Jungen immer wieder, sagt Kobel. Die Droge lasse Bilder vom Platzspitz-Elend in der 1990er-Jahren aufsteigen.

Zudem sei sie fürs Partymachen ungeeignet, da sie nicht stimmungsaufhellend wirkt und auch nicht aufputscht. Im Gegensatz zu Kokain, Ecstasy und Amphetaminen kann Heroin sogar schläfrig machen.

Während es Kokainkonsumenten jeden Alters und aus allen sozialen Schichten gibt, erscheint die Heroinsüchtigen wie ein Relikt der Vergangenheit. Gemeint ist die Zeit ab den 1980er-Jahren, als die Droge in Zürich Urstände feierte, bis sie mit der Schliessung des Platzspitzes 1993 nach und nach aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwand.

Schwerstsüchtige erhalten seither die Droge vom Staat. Der illegale Markt ist deswegen aber nie zusammengebrochen. Dafür sind die Preise massiv gesunken. Rund 40 Franken koste ein Gramm in Zürich aktuell, sagt Judith Hödl, Mediensprecherin bei der Stadtpolizei Zürich. In den 1980er-Jahren belief sich der Preis auf ein Vielfaches.

In den USA wieder im Trend

Eine kürzlich von «20 Minuten» vorgenommene Schätzung ging von 4000 illegalen Konsumenten in der Schweiz aus. Das ergäbe eine Summe von über 100 Millionen Franken, die hierzulande jedes Jahr mit der Droge umgesetzt wird. Beim Bundesamt für Polizei (Fedpol) will man sich diesbezüglich nicht auf die Äste hinauslassen. Es gebe keine verlässlichen Erhebungen, wie hoch die Zahl illegal Konsumierender sei, sagt Fedpol-Sprecherin Danièle Bersier.

Zumindest so viel scheine aber festzustehen: Der Markt sei stabil. Dass das grosse Angebot neue Konsumenten der sehr schnell süchtig machenden Droge produziere, sei nicht auszumachen. Nach wie vor geht man davon aus, dass die Anzahl der Heroinkonsumenten jährlich 3 bis 4 Prozent abnimmt.

Die Tiefpreise könnten letztlich aber für die Händler arbeiten. Wie der Markt drehen kann, lässt sich in den USA beobachtet. Dort hat sich der Heroin-Konsum seit 2007 verdoppelt, wie der neueste offizielle US-Drogenbericht zeigt. Von 620 000 Konsumenten ist die Rede. Die Zunahme betreffe vor allem Teenager aus dem Mittelstand. Aber auch der Heroin-Tod des US-Schauspielers Philip Seymour Hoffman hat ein Schlaglicht auf die Problematik geworfen.

Wobei der Heroin-Boom in den USA teilweise auch auf einem Umlagerungseffekt beruht: Zurückzuführen ist er auch darauf, dass der Staat die Erhältlichkeit opiathaltiger Medikamente eingeschränkt hat, wodurch auch deren Missbrauch erschwert wurde.

Aber nicht nur in der Ersten Welt sorgt Heroin für Elend und Not bei Betroffenen und Angehörigen. Auch in den Nachbarländern Afghanistans und im Land selbst steigen der Opium- und Heroinkonsum, wie der UNO-Drogenbericht festhält. Ein bis zwei Millionen der 30 Millionen Afghanen sollen heroinabhängig sein. Der vermutlich grösste Markt für Heroin ist Russland.