Die Vormundschaftsbehörden der Gemeinden wurden 2013 von den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) abgelöst. Ruedi Winet, Leiter der Kesb Pfäffikon, gibt Ende Jahr das aufreibende Kesb-Dachverbandspräsidium ab. Eine Bilanz.

Ruedi Winet, Sie haben Ihren Rücktritt auf Ende Jahr als Präsident des Dachverbands der 13 Kesb im Kanton Zürich angekündigt. Hat die öffentliche Kritik Sie weichgeklopft?

Ruedi Winet: Nein, auch wenn sie nicht spurlos an mir vorbeigegangen ist. Vielmehr ist dieses Präsidium sehr arbeitsintensiv. Es hat sich zu einem Halbamt entwickelt; das ist nebenbei nicht zu leisten. Zeitaufwendig sind zum Beispiel die Sitzungen mit den Partnern der Kesb, mit der Polizei, dem Amt für Jugend und Berufsberatung, mit Kliniken, der Ärzteschaft oder politischen Gremien. Hinzu kommt die Öffentlichkeitsarbeit, die vor allem letztes Jahr viel Zeit in Anspruch nahm. Intern ging es darum, unter den 13 unabhängigen Kesb eine gemeinsame Sprache zu entwickeln. Erst seit Anfang Jahr kann der Dachverband auf ein Sekretariat zurückgreifen. Wir haben eine Geschäftsstelle aufgebaut mit einem 60-Prozent-Pensum, die seit dem 1. Juli voll arbeitet.

Die Präsidenten aller Kesb stehen im grellen Rampenlicht. Wie ist die Stimmung?

Wir sind mehrheitlich gut aufgestellt, auch wenn es, wie gesagt, nicht immer einfach ist, mit der Kritik umzugehen. Unsachliche Kritik, die die Möglichkeiten der Kesb überschätzt, setzt zu, denn auf vieles haben die Kesb gar keine Einflussmöglichkeit. Manchmal projizieren Klienten emotionale persönliche Probleme auf die Kesb. Um wirkungsvoll helfen zu können, sind die Kesb auf ein gutes Vertrauensverhältnis mit ihren Klienten angewiesen. Das ist schwieriger geworden.

Die Kesb haben auf Anordnung des Bunds 2013 die Arbeit der Vormundschaftsbehörden der Gemeinden übernommen und sind sofort unter Beschuss geraten. Die Kritik scheint aber in letzter Zeit leiser geworden zu sein. Stimmt der Eindruck?

Sie ist nicht mehr so grundsätzlich. Die Aussage von Politikern, die Kesb gehörten abgeschafft, kommt so nicht mehr. Mit einem grossen Teil der Gemeinden haben wir einen Weg gefunden. Sie wollen das alte System nicht mehr zurück, aber sie wollen besser eingebunden sein.

Trotzdem möchten manche Kritiker die Kesb abschaffen und die Vormundschaftsbehörden der Gemeinden wieder einsetzen. Warum ist das keine gute Idee?

Es sind komplexe Geschichten, die wir antreffen. Die Erfahrung zeigt, dass die meisten Gemeinden mit derart schwierigen Situationen überfordert sind und froh um die Möglichkeit, sie an externe Stellen mit einer gewissen Distanz weiterzugeben. Es hilft sehr, wenn Fachleute aus verschiedenen Berufen sich damit auseinandersetzen, nicht nur ein Verwaltungsangestellter. In den Kesb tauschen sich Juristen, Psychologen und Sozialarbeiter darüber aus, was eine gute Lösung sein könnte.

An Neujahr 2015 hat eine Mutter ihre beiden zwei- und fünfjährigen Kinder getötet, offenbar, damit sie nicht zurück ins Heim müssen, in das die Kesb sie zuvor eingewiesen hatte. Dieser sogenannte Fall Flaach hat die Kesb durchgeschüttelt. Was hat sich seither geändert?

Wir haben die Kommunikation verbessert. Uns ist bewusst geworden, dass man die Öffentlichkeit transparenter informieren muss. Die emotionale Verunsicherung der Eltern in einer solchen Situation beziehen wir noch stärker mit ein, ebenso die Angehörigen, etwa die Grosseltern. Das weitere Umfeld soll in der Arbeit der Kesb nicht vergessen gehen. Das macht die Arbeit der Behörde noch anspruchsvoller und den Austausch unter den Fachdisziplinen noch wertvoller. Sie hilft uns, nicht einfach den nächstbesten Weg zu beschreiten, sondern fordert, zunächst einen Schritt zurückzugehen und nachzudenken. Interdisziplinarität ist eine enorme Chance. Auch manche Abläufe haben wir angepasst. Wir wandeln superprovisorische Verfügungen umgehend in beschwerdefähige Entscheide um, damit sich die Betroffenen, falls gewünscht, wehren können.

Haben Sie nun einen Pikettdienst?

Dieser steht immer noch zur Diskussion, die Meinungen sind geteilt. Wenn man das seriös macht, ist es mit Aufwand verbunden und hat Auswirkungen auf die Partnerorganisationen. Die Beistände müssten ebenfalls erreichbar sein. Das ist eine Kostenfrage. Ein Pikettdienst ist nicht gratis zu haben.

Die Kosten sollen gestiegen sein, seit die Kesb am Werk sind. Wenn ja, warum?

Die Kosten pro Fall stiegen nicht an, ebenso wenig die Anzahl Fälle. Untersuchungen haben im Durchschnitt über den ganzen Kanton eine Stagnation ergeben. Beim Wechsel von der Administrativ- zur Fachbehörde ging hingegen der Aufwand für die Infrastruktur hinauf. Im Moment müssen die Kesb ihren Ressourcenbedarf und die Schnittstellen näher klären. Wer zum Beispiel klärt wann etwas ab? Die Kesb selbst oder externe Stellen?

Wer zahlt, befiehlt. Im Fall der Kesb gilt das allerdings nicht, vielmehr haben die Gemeinden die Massnahmen einfach zu bezahlen, die die Kesb anordnen. Eine gute Idee?

Der Gesetzgeber wollte die Trennung. Er wollte, dass nicht auf eine notwendige Massnahme verzichtet wird, weil die Gemeinde sie gerade nicht bezahlen kann oder will. Auch anderswo ist das Prinzip nicht umgesetzt: Gerichte ordnen Gefängnisstrafen an, der Steuerzahler bezahlt sie. Die von einem Arzt verordneten Therapien bezahlt die Krankenversicherung. In gewissen Situationen ist das sinnvoll. Im Kanton Zürich hat die Trennung nicht dazu geführt, dass die Kosten im Kindesschutz ausser Rand und Band gerieten. Wir ordnen nicht die ideale Massnahme an, sondern machen das, was Eltern in solchen Situationen machen könnten. Auch die Kesb leben nicht in einer heilen Welt.

Die Bürokratie habe massiv zugenommen, geht die Klage, auch etwa für betreuende Angehörige von alten Menschen oder solchen mit Behinderungen. Stimmt das?

Nach altem Recht wurden Eltern von behinderten Kindern, sobald diese erwachsen wurden, als Vormund eingesetzt, ohne dass die Behörden danach noch einmal Kontakt mit ihnen aufgenommen hätten. Das neue Recht verlangt, dass die Eltern in regelmässigem Kontakt mit den Behörden stehen. Wir verlangen alle zwei Jahre einen Bericht, wie es dem Sohn, der Tochter geht. Auch Behinderte haben ein Anrecht auf ein eigenständiges Leben, auf möglichst viel Selbstständigkeit. Ziel ist es, dies zu ermöglichen. Es gibt grosse Unterschiede in den familiären Verhältnissen. Manchmal ist das familiäre Umfeld eng, mit kaum Aussenkontakt. Hier ist Unterstützung nötig, damit es breiter, offener wird.

Und bei den Alten?

Da gibt es keine grossen Änderungen. Früher forderten einzelne Gemeinden pro forma Berichte ein, ohne diese allerdings zu kontrollieren. Jetzt schauen wir auch im finanziellen Bereich genau hin. Die Kesb prüft etwa, ob zustehende Ergänzungsleistungen auch tatsächlich bezogen wurden, und überlegt, ob an alles gedacht wurde. Es geht nicht allein um Kontrolle, sondern vor allem um Unterstützung.

Das Gesetz sieht die Möglichkeit vor, dass jeder, solange er urteilsfähig ist, in einem Vorsorgeauftrag festlegen kann, wer zuständig sein soll im Fall, dass diese Urteilsfähigkeit verloren geht. Damit werden die Kesb ausgeschaltet. Haben Sie für sich selber einen Vorsorgeauftrag geschrieben und hinterlegt?

Nein. Ich habe kein Problem damit, dass die Kesb für mich persönlich schaut. Es ist gut so, dass sie für mich bei Urteilsunfähigkeit einen Beistand – möglichst aus meinem Umfeld – einsetzt und diesen überwacht. Vier Augen sehen mehr als zwei.

Sie bleiben Präsident der Kesb Pfäffikon. Wie hoch ist hier der Pendenzenberg?

Es gibt genug zu tun, aber keine jahrelang verschleppten Fälle. Ich freue mich wieder auf mehr Fallarbeit. Das kam zu kurz. Die Belastung ist auch in der Kesb Pfäffikon hoch. Man hat nie alles abgearbeitet, wenn man abends nach Hause geht.

Wer tritt Ihre Nachfolge als Präsident der Kesb-Präsidenten an?

Das ist noch nicht bekannt und wird spätestens im Dezember entschieden.