Ständeratskandidat

Ruedi Noser will die Leute über ihr Leben selber entscheiden lassen

Ruedi Noser auf dem Balkon des Bundeshauses. Andreas Blatter

Ruedi Noser auf dem Balkon des Bundeshauses. Andreas Blatter

Der Alltag des FDP-Ständeratskandidaten ist geprägt von der Politik und der Arbeit für sein Unternehmen.

Ruedi Nosers Tag beginnt häufig früh – aber nicht, um sich schnellstmöglich in die Arbeit zu stürzen. «Ich nehme mir beim Aufstehen gerne etwas Zeit. Für eine ausgiebige Dusche, danach esse ich ein feines Müesli mit Früchten», sagt er.

Anschliessend gibt es für den Unternehmer und Nationalrat oft bis spät abends mehr als genug zu tun. Nosers Firmengruppe beschäftigt über 500 Personen und entwickelt Software für Unternehmen in verschiedenen Branchen. Aus der operativen Leitung hat er sich vor einigen Jahren zurückgezogen, ist aber nach wie vor Verwaltungsratspräsident der Noser Group. Für das Geschäft bleibt ihm wenige Wochen vor den Wahlen allerdings keine Zeit – der Wahlkampf hat erste Priorität. «Wenn man etwas macht, dann richtig», sagt er.

Noser ist als viertes von fünf Kindern im Kanton Glarus in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. In der Schule hatte er wegen seiner Legasthenie, zu der er auch heute noch öffentlich steht, mit grossen Problemen zu kämpfen. «Mit 15 Jahren bin ich als Schulversager zu Rieter nach Winterthur gekommen und habe dort meine ersten Erfolge gehabt.» Seine berufliche, und später auch seine politische Karriere, verliefen ebenfalls erfolgreich, wenn auch nicht ohne Rückschläge. Im Jahr 2010 etwa wurde nichts aus seinen Bundesratsambitionen. Die Wahl in den Ständerat wäre ein neuer Höhepunkt.

Abgehoben wirkt Noser trotz seines Erfolgs nicht. «Als Vater und Unternehmer weiss ich, dass es Probleme gibt auf der Welt.» Das führe bei ihm immer wieder zu einer gewissen Erdung.

«Wo ich bin, ist der Freisinn»

Sein Wahlkampf steht unter dem Motto «Typisch Züri». Für den gebürtigen Glarner kein Widerspruch. «Mehr als die Hälfte der Leute im Kanton ist nicht hier geboren. Das prägt den Kanton. Zürich ist enorm attraktiv für helle Köpfe.» Und das solle so bleiben. Eine Schützengrabenmentalität wäre seiner Meinung nach schädlich für Zürich.

Noser sieht sich als Vertreter eines gesellschaftlich offenen Freisinns, der wirtschaftlich, aber auch sozial verantwortlich geprägt sei. Seine Position innerhalb der Partei beschreibt er als sehr gut eingemittet. «Wo ich bin, ist der Freisinn.»

Von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird der Nationalrat in erster Linie mit Wirtschaftsthemen. Kern des Freisinns ist für Noser aber der Grundsatz, dass jeder möglichst viel bezüglich seinem Leben selbst entscheiden könne. «Nehmen wir das Beispiel der Kinderbetreuung», sagt er. Während linke Parteien vor allem auf einen Ausbau von Betreuungsplätzen in Krippen und Tagesschulen pochen würden und rechte Parteien das Heil in der Betreuung in der eigenen Familie sähen, verfolge die FDP einen anderen Ansatz. «Wir wollen nicht werten. Die Politik und der Staat sollen die nötigen Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass jede Familie selber entscheiden kann, welches Modell für sie das richtige ist.»

Innovationspark als Freiraum

Stark gemacht hat sich Noser in letzter Zeit unter anderem für den in Dübendorf geplanten Innovationspark. Den Einwand, dass der Staat bei diesem Projekt mehr tut, als nur gute Rahmenbedingungen zu schaffen, lässt er nicht gelten. «Es geht um etwas Geld und Platz, mehr nicht! Schauen Sie doch einmal das Hochschulquartier in der Stadt Zürich an – dort gibt es keine Freiräume mehr. In Dübendorf hingegen wären es 70 Hektar.»

Auch in anderen Bereichen sei Zürich auf gute Rahmenbedingungen angewiesen. Die Banken und Versicherungen mit ihren rund 100 000 Beschäftigten beispielsweise, oder die vielen internationalen Firmen mit Niederlassungen in Zürich. «Zürich ist weltweit vernetzt», sagt Noser.

Bezüglich der Personenfreizügigkeit müsse der Bundesrat nun versuchen, bei der EU Anpassungen im Sinne der Masseneinwanderungsinitiative zu erreichen. Wenn das nicht möglich sei, setzt Noser aber auf eine Umsetzung, die die Bilateralen nicht gefährdet. Zudem dürfe nicht nur über die Zuwanderung als Symptom, sondern müsse über Ursachen gesprochen werden: «Das ist einfach eine unehrliche Diskussion, die wir da im Moment haben. Wer arbeitet denn beispielsweise morgens um 2 Uhr im Altersheim in Wetzikon in der Pflege?»

Nach seinen grössten politischen Erfolgen gefragt, antwortet er zurückhaltend. «Als Parlamentarier sollte man seinen Leistungsausweis nicht zu sehr in den Vordergrund stellen. Wie in anderen Bereichen auch, gilt: Der Erfolg hat viele Väter.»

Bevor Noser abends ins Bett geht, liest er manchmal in einem Buch. «Oft bin ich aber zu müde dazu», sagt er lachend. «Dafür bin ich mit einem guten Schlaf gesegnet.» Den raube ihm auch der intensive Wahlkampf nicht. Er räumt aber ein, dass es eine stressige Zeit sei für ihn. Die eigenen Wahlchancen zu beurteilen sei schwierig. «Ich mache einfach meinen Job und gebe mein Bestes».

Neun entscheidende Fragen zu Ruedi Noser

1 Wo steht Ruedi Noser innerhalb der eigenen Partei?

Von seinen Positionen her ist er ein ausgewogener Freisinniger, der keine Extrempositionen vertritt. Wie praktisch alle seiner Parteikolleginnen und -kollegen betreibt er eine betont wirtschaftsfreundliche Politik. In der Zürcher Kantonalpartei war seine Nomination als Ständeratskandidat unumstritten. Von 2003 bis 2009 war Noser Vizepräsident der FDP Schweiz.

2 Welche Politerfahrung bringt er mit und wie ist er vernetzt?
Ruedi Noser ist bereits seit rund zwölf Jahren Nationalrat und war auch schon als Bundesratskandidat und möglicher Parteipräsident im Gespräch. Im Nationalrat präsidiert er die wichtige Kommission für Wirtschaft und Abgaben. Vor seiner Wahl in den Nationalrat war er vier Jahre lang im Zürcher Kantonsrat.Noser gilt als pragmatisch und kompromissfähig und ist über die Grenzen seiner Partei hinaus in Bern gut vernetzt.

3 Wie kommt der Kandidat bei den anderen Parteien an?
Als Vertreter aus der Mitte der FDP könnte Noser auch bei Wählerinnen und Wählern von Mitteparteien Stimmen holen. Die BDP etwa unterstützt seine Ständeratskandidatur. Links der Mitte hingegen dürfte es der Mann aus der Wirtschaft schwieriger haben. Angespannt ist auch das Verhältnis zur SVP, eine Zusammenarbeit bei den Ständeratswahlen lehnten beide Parteien ab. Uneinigkeit mit der SVP besteht beispielsweise in der Frage der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative.

4 Ist der Politiker volksnah?
Der im Kanton Glarus in einfachen Verhältnissen aufgewachsene Noser hat sich beruflich und politisch hochgearbeitet. Sein Weg zum Unternehmer begann mit einer Lehre als Maschinenmechaniker. Trotz seines Erfolges hat er eine gewisse Bodenhaftung nicht verloren.

Die Noser-Spider

Die Noser-Spider

5 Welches Kernanliegen vertritt der 54-Jährige?
Sein zentrales politisches Thema ist die Wirtschaft. Besonders stark engagiert er sich beispielsweise für den Innovationspark. Auch der Finanzplatz ist ihm, unter anderem wegen der zahlreichen Arbeitsplätze, die davon abhängen, wichtig. Als typischer Liberaler sieht Noser die Hauptaufgabe des Staates darin, die Rahmenbedingungen in allen Bereichen so zu gestalten, dass dem Einzelnen möglichst viel Freiraum für eigene Entscheidungen bleibt.

6 Was hat der Nationalrat bisher politisch bewegt?
Noser gehörte zu denjenigen Parlamentariern, die vor einigen Jahren frühzeitig erkannt haben, dass das Bankgeheimnis für ausländische Kunden keine Zukunft mehr hat. An der Erarbeitung der neuen Regeln für den Automatischen Informationsaustausch (AIA) war er stark beteiligt. Mit dem Innovationspark befindet sich ein weiteres politisches Steckenpferd von Noser derzeit auf der Zielgeraden.

7 Welche Interessenbindungen weist er auf?
Nosers Liste von Interessenbindungen, die er wie alle National- und Ständeräte offenlegen muss, ist auf den ersten Blick zwar lang, besteht aber weitgehend aus Verwaltungsratsmandaten bei Firmen seiner eigenen Unternehmensgruppe. Andere bezahlte Mandate übt er gemäss eigener Aussage keine aus. Er ist somit sehr unabhängig.

8 Wie steht es um seine Wahlchancen?
Der FDP-Nationalrat zählt zu den Favoriten, weil er nebst einer fast geschlossenen Unterstützung der FDP-Anhänger auch mit Stimmen von Wählerinnen und Wählern anderer Parteien rechnen kann. Im ersten Wahlgang dürfte er somit einen der vordersten Plätze belegen. In einem als sehr wahrscheinlich geltenden zweiten Wahlgang könnten sich aber Konstellationen ergeben, die Ruedi Nosers Chancen schmälern.. Zieht sich aber ein anderer Kandidat zu seinen Gunsten zurück, steigen seine Erfolgsaussichten.

9 Wie viel eigenes Geld steckt Noser in den Wahlkampf?
Gemäss eigener Aussage keinen Rappen. Das Wahlkampfbudget von Ruedi Noser kann sich trotzdem sehen lassen: Gemäss Angaben auf seiner Internetseite hat er bis Mitte September Spenden in der Höhe von fast 350 000 Franken erhalten. (pLE)

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