Eine Krankheit hat Karriere gemacht, ebenso das dabei therapeutisch eingesetzte Medikament. Die Rede ist vom Aufmerksamkeitsdefizits-Hyperaktivitässyndrom (ADHS), auch bekannt als Zappelphilipp-Syndrom. Und vom Medikament Ritalin. Eine vom Regierungsrat bei der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften in Auftrag gegebene Studie hat die Karriere von ADHS und Ritalin nachgezeichnet. Ihre Befunde: Zwischen 2006 und 2012 verdoppelten sich die Ritalin-Verschreibungen bei Zürcher Schulkindern. Seit 2010 wird das Medikament aber deutlich weniger verordnet. 2012 bezogen 2,6 Prozent der Zürcher Schulkinder Ritalin oder ein ähnliches Präparat.

Die zunächst festgestellte rasche Zunahme war laut der Studie wahrscheinlich auf häufigere Abklärungen bei den Schulkindern zurückzuführen. Der Anstoss dazu kam am häufigsten von den Eltern, teils aber auch von Lehrpersonen. Mindestens die Hälfte der Schulkinder mit ADHS-Diagnose nehmen kein Ritalin, viele werden anderweitig therapiert. ADHS sei auch als sozial-kulturell geprägtes Phänomen zu begreifen, heisst es weiter in der Studie. Leistungsdruck mit medizinischen und psychologischen Mitteln zu begegnen liege im Trend.

Den Anlass für die Studie hatte ein kantonsrätliches Postulat gegeben. Gestern befasste sich der Kantonsrat mit den Ergebnissen. «Ritalin kann ein enormer Segen sein», betonte Astrid Furrer (FDP, Wädenswil). Sie fügte jedoch kritisch an: «Jede Abweichung soll heutzutage wegtherapiert werden. Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, wie wir mit Andersartigkeit umgehen.»

«Ärzte sollten Krankheiten therapieren und nicht die Leistungen von Kindern und Jugendlichen an das Schulsystem anpassen», doppelte Kathy Steiner (Grüne, Zürich) nach. «Wir sind bezüglich Ritalin im europäischen Durchschnitt», meinte Angelo Barrile (SP, Zürich), von Beruf Arzt. Und weiter: «Ritalin wird oft nur während zwei bis drei Jahren eingesetzt, bis sich ein Kind beruhigt hat.» Keinen Grund zur Aufregung sah auch der Apotheker Lorenz Schmid (CVP, Männedorf): «Die Ärzte gehen sorgfältig mit Ritalin um und die Verschreibungen nehmen ab.»

Während der Kantonsrat das Postulat, das zu der Studie geführt hatte, damit ad acta legte, formulierte Cyrill von Planta (GLP, Zürich) eine weiterführende Fragestellung: «Der auslösende Grund für Ritalin-Verschreibungen bei Schulkindern ist meistens die Schule. Die Frage ist: Wie viel Zappelphilipp verträgt die heutige Schule?»