Rudolf-Steiner-Schule

Rudolf-Steiner-Schule feiert ihr 10-jähriges Bestehen

Der 20-jährige Benjamin Meeks aus Winterthur und die 21-jährige Selina Marty aus Aesch.Heinz Diener

Der 20-jährige Benjamin Meeks aus Winterthur und die 21-jährige Selina Marty aus Aesch.Heinz Diener

Viel Eigenverantwortung, aber etwas wenig Informatik: Das alternative Schulmodell der Rudolf-Steiner-Schule hat Vor- und Nachteile. Seliny Marty aus Aesch und Benjamin Meeks aus Winterthur blicken auf ihre Schulzeit an der Atelierschule zurück.

Sie haben beide seit der 1. Klasse die Rudolf-Steiner-Schulen besucht. Warum?

Selina Marty: Meine ältere Schwester besuchte eine öffentliche Schule und hatte dort einen sehr mühsamen Lehrer. Da haben meine Eltern eine Alternative für mich gesucht.

Benjamin Meeks: Mein Vater war Lehrer und unterrichtete an einer Steinerschule. So war es naheliegend, dass ich auch eine besuche.

Was wird in der Atelierschule anders gemacht?

Marty: Es wird oft mit kleinen Lernportionen gearbeitet und diese werden in grössere Kontexte gestellt. Wir mussten nie seitenweise «Voci» auswendig lernen. So sieht man als Schüler eher den Sinn dahinter. Neben dem Lernen steht auch viel Bewegung auf dem Plan. Die Abwechslung tut gut.

Meeks: Man ist sehr frei, vor allem in den Ateliers. Wir haben in Biochemie versucht, Zellen zu klonen. Da hat niemand gesagt: «Das geht nicht, das ist zu schwierig.» Um die Projekte durchzuführen, braucht es von den Schülern aber auch viel Eigenverantwortung.

Was lernt man nicht?

Marty: Wir haben nicht wirklich gelernt, mit Computern umzugehen. Also auch nicht, Bewerbungen zu schreiben. Nur gerade das 10-Finger-System.

Meeks: Informatik kommt an dieser Schule definitiv zu kurz. Und auch andere alltagstaugliche Sachen wie Kochen oder eine Steuererklärung ausfüllen, habe ich vermisst.

Was machen Sie heute und hat Ihnen die Atelierschule dabei geholfen?

Marty: Momentan mache ich ein Praktikum am Flughafen. Danach möchte ich Aviatik studieren und Pilotin werden. Mit der Schule hatte diese Entscheidung nicht viel zu tun, ich will das schon, seit ich 14 bin. Mein Vater und mein Grossvater sind beide Piloten.

Meeks: Ich habe diese Woche angefangen, Musik zu studieren. In der Schule war ich eher genervt: Weil so viele Schüler im Orchester Klavier spielten, musste ich immer auf mein Zweitinstrument Klarinette ausweichen. So hat sich das Hobby nie gross mit der Schule vermischt. Es gibt zwar keine professionellen Musiklehrer, das Niveau ist aber okay.

Was halten Sie vom berühmten Fach Eurythmie?

Marty: Ich glaube, das hat nicht viel gebracht. Vielleicht ein wenig fürs räumliche Vorstellungsvermögen. Das könnte ich als Pilotin brauchen. Ansonsten war es einfach eine Abwechslung zum normalen Unterricht.

Meeks: Das Fach halte ich ehrlich gesagt für Geldverschwendung. Etwas gebracht hat es nicht.

Wie streng war die Schule?

Marty: Viele Arbeiten konnte man sich selber einteilen. Wenn man sie aufschob, hatte man halt ein Problem vor der Deadline. Oft war es kein «Muss», es wurde viel auf Selbstständigkeit gesetzt. Die Lehrer waren nicht so streng. Aber in der Atelierschule gibt es auch Noten und man kann abgestuft werden.

Meeks: Bestraft wurden wir nie. Wenn man nicht zur Schule kam, stand das dann einfach im Zeugnis. Sie nehmen sehr viel Rücksicht auf die Stärken und Schwächen der einzelnen Schüler.

Merkt man Ihnen an, dass Sie Steinerschüler waren?

Marty: Ich denke nicht, dass anderen Leuten etwas auffällt. Aber wenn ich auf ehemalige Mitschüler treffe, stelle ich manchmal gewisse Ähnlichkeiten fest. Beispielsweise beim Diskutieren – das haben wir an der Schule gelernt. Oder auch soziale oder politische Einstellungen. An der Schule war es beispielsweise völlig unwichtig, was wir für Kleider anhatten. Diese Haltung spürt man auch heute noch.

Meeks: Mir ist noch nie etwas aufgefallen. Zu Mitschülern habe ich auch nicht mehr viel Kontakt. Aber ich denke, der Unterschied von der Atelierschule zu anderen musisch ausgerichteten Mittelschulen ist nicht sehr gross.

Würden Sie die Schule erneut besuchen?

Marty: Auf jeden Fall. Die Lernmethoden sind human und der Klassenzusammenhalt war grossartig. Super fand ich die vorgeschriebenen Praktika, ich fühlte mich gut aufs Leben vorbereitet.

Meeks: Ja, es war eine sehr schöne Zeit mit vielen Erinnerungen. Besonders genossen habe ich jeweils die Lager, die mindestens einmal pro Jahr stattfanden. Auch die Toleranz und Konzentration auf individuelle Fähigkeiten schätzte ich sehr.

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