Ein wiedervereintes Wipkingen, eine Hardbrücke fast ohne Autoverkehr, dafür mit Wohnraum und Erholungsbereichen - so malen sich Florian Berner und Miriam Weyell vom Zürcher Architekturbüro Weyell Berner die Zukunft der heute stark befahrenen Strecke zwischen Buchegg- und Hardplatz aus. In einer Studie zeichnen sie auf, wie ein radikales Umdenken in Mobiliätsfragen nicht nur die lärmgeplagte Wipkinger Bevölkerung entlasten, sondern auch dem verschwenderischen Umgang mit städtischem Raum in Zürich West Einhalt gebieten könnte.

Tunnelportal degradiert Wipkingen

Das Architektenpaar reagiert damit auch auf das Anfangs Oktober von Kanton und Stadt Zürich vorgestellte Projekt Rosengartentunnel (siehe Box). Denn mit der Lösung, auf die sich Stadt und Kanton nun nach langen Ringen einigten, können die beiden Architekten nicht viel anfangen: «Mit einer Verlagerung des Durchgangsverkehrs in einen Tunnel werden die Symptome, nicht aber die Ursache des Verkehrsproblems bekämpft», erklärt Florian Berner.

Beim vorgestellten Projekt befürworten die beiden Architekten neben der Umgestaltung der Rosengartenstrasse zwar auch das begleitende Vorhaben der Tramerschliessung; das geplante zweigeschossige Tunnelportal am Wipkingerplatz aber würde «den Freiraum degradieren», zudem würden die ebenfalls lärmgeplagten Bewohner der Kreise 4 und 5 bei diesem Szenario übergangen.

Radikale Umgestaltung

In ihrer architekturtheoretischen Studie präsentieren Weyell und Berner, die selbst in Wipkingen wohnen, nun eine radikale Umgestaltung des Abschnitts zwischen Hard- und Bucheggplatz. So soll motorisierter Individualverkehr auf der Brücke nur noch zur Quartiererschliessung vom Hardplatz über das Gleisfeld bis zur Geroldrampe erlaubt sein, während auf dem Rest der Strecke auf öV, Velo- und Fussverkehr gesetzt wird.

Zwischen S-Bahnhof und Wipkingerplatz soll die Hardbrücke, die Berner als «Identifikator von Zürich West» bezeichnet, mit dreigeschossigen Wohnhäusern, Schrebergärten und Freiräumen zum Verweilen ausgestattet werden. Der Wipkingerplatz soll verkehrsberuhigt wieder als Platz wahrgenommen werden, das durch die heutige Nutzung der Rosengartenstrasse gespaltene Quartier mit einfachen Massnahmen wie ebenerdigen Übergängen wieder zusammenfinden.

An der von Stadt und Kanton favorisierten Lösung kritisiert Berner, dass angesichts verkehrs- und umweltpolitischer Ziele, denen die Stadt Zürich sich verpflichtet hat, das Mobilitätskonzept des Gebiets nicht grundlegender hinterfragt wurde. «Wenn schon zig Millionen investiert werden, hätte man ruhig gleich einen Schritt weiter denken können», sagt Berner. Dass dies nicht geschah, sei umso bedauerlicher, da die Strecke «enormes bauliches und urbanes Potenzial» berge.

Zürich muss nachverdichtet werden

Weyell und Berners Studie will denn auch mehr als nur Emissionen senken. Um eine baldige Nachverdichtung des städtischen Raums komme Zürich ohnehin nicht herum, erklärt Berner. «Die Stadtbevölkerung wächst, der Raum wird knapper. Es ist nun an uns Architekten, kreative Lösungen für dieses Problem zu suchen - und zwar so, dass es den Einzelnen nicht stört, wenn er 10 Quadratmeter weniger zur Verfügung hat», so Berner. Ihre Idee der Brückenhäuser verpflichtet sich diesem Verdichtungsbestreben und soll nebenbei «als seltene Besonderheit» internationale Strahlkraft zeigen.

Ihre Studie liessen Weyell und Berner auch der Stadt zukommen, die sie bereits zur Kenntnis genommen habe. Dass ihr alternativer Ansatz so schnell aber wohl nicht umgesetzt wird, stört die Architekten nicht. Vielmehr wollten sie zeigen, dass es für das städtische Verkehrsproblem auch innovativere Lösungen gebe. «Das Ziel ist, dass unsere Ideen wahrgenommen werden, dass man sie diskutiert und dass sie vielleicht etwas bewegen», so Berner.

900 Millionen für 700 Meter

Auch glaubt er, dass ein gesamtheitliches Umgestaltungskonzept wie ihres auf mehr Rückhalt in der Bevölkerung stossen könnte als das geplante Tunnelprojekt. «900 Millionen Franken sind viel Geld für 700 Meter Verkehrsberuhigung», gibt er zu bedenken. Von einem Konzept, von dem nicht nur Wipkingen, sondern ganz Zürich West etwas habe, erhofft sich Berner grössere Erfolgschancen - «auch wenn es mehr kosten würde».