Todesfall
Rolf Erb wollte im Schloss bleiben – um jeden Preis

Der letzte Akt des Dramas um Rolf Erb spielte sich in Schloss Eugensberg am Untersee ab – und nicht in einem Zürcher Gefängnis. Der 65-Jährige hing so sehr an seinem Wohnsitz, dass er ihn mit allen Mitteln verteidigte

Jakob Bächtold
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Rolf Erb starb am Samstagabend in seinem Schloss Eugensberg in Salenstein TG.

Rolf Erb starb am Samstagabend in seinem Schloss Eugensberg in Salenstein TG.

KEYSTONE

Eigentlich hätte Rolf Erb schon letzten Mittwoch, 5. April, aus Schloss Eugensberg ausziehen und ins Gefängnis einrücken sollen. Wegen Abklärungen sei der Haftantrittstermin noch einmal um einige Tage verschoben worden, hiess es gestern beim Amt für Justizvollzug. Nun musste Rolf Erb doch nicht aus seinem Schloss ausziehen, das ihm so am Herzen lag. Wie der «Blick» gestern berichtete, verstarb Rolf Erb am Samstagabend. Seine Lebenspartnerin wählte am Samstag um 17.30 Uhr den Polizeinotruf 117, wie Andy Theler, Sprecher der Kantonspolizei Thurgau, erklärt.

Dass sie die Polizei und nicht die Ambulanz herbeirief, könnte ein Hinweis darauf sein, dass der 65-Jährige nicht einem medizinischen Leiden erlag, sondern Suizid begangen hat. Die Todesursache ist nach wie vor ungeklärt. Die Untersuchung des Rechtsmedizinischen Instituts St. Gallen war gestern noch nicht abgeschlossen. Gemäss Stefan Haffter, Mediensprecher der Staatsanwaltschaft Thurgau, wird das Resultat frühestens heute bekannt gegeben.

Insbesondere toxikologische Tests bräuchten jeweils Zeit, sagt Haffter. Auf die Nachfrage, ob es denn spezielle Hinweise auf eine Vergiftung gebe, blockt er jedoch ab: Toxikologische Tests würden bei einer Obduktion standardmässig durchgeführt.

Nicht unerwartet

Dass Rolf Erb seine Haft nicht angetreten hat, sondern vorher verstorben ist, kommt für Historiker Thomas Buomberger nicht unerwartet. Buomberger hat 2005 das Buch «Die Erb-Pleite» herausgegeben. Zur Nachricht des Todes von Rolf Erb sagt er: «Rolf Erb hatte schon nach dem Prozess vor Bezirksgericht erklärt, er wolle in seinem Schloss sterben. Dieser Ausgang der Geschichte überrascht mich daher wenig.»

Buomberger kennt Rolf Erb schon lange. Von 1959 bis 1962 besuchten die beiden im Schulhaus Tössfeld in Winterthur gemeinsam die 1. bis 3. Klasse. Als Buomberger 2004 dann für sein Buch recherchierte, verweigerte Erb jedoch stets das Gespräch.

Schloss Eugensberg als Symbol für den Fall Erb

Schloss Eugensberg, in Salenstein im Kanton Thurgau malerisch über dem Untersee gelegen, hatten die Erbs im Jahr 1990 gekauft. Dass Rolf Erb trotz Firmenpleite und Gerichtsurteilen weiterhin in dieser fürstlichen Villa lebte, schürte in den letzten Jahren immer wieder Empörung.

Das Grundstück umfasst rund 100 Hektaren Land. Neben dem repräsentativen Haupthaus mit 45 Zimmern, einem 37 Meter langen Pool und Rundtempel gehören auch ein Gutshof und ein Rosenhäuschen zum Anwesen. Die Erbs sollen die Liegenschaft für 27 Millionen Franken gekauft und für weitere 35 Millionen umgebaut haben.

Juristische Tricks

Erb verteidigte sein Schloss mit allen juristischen Tricks: Kurz bevor die Firmenpleite 2003 aufflog, überschrieb er das Haus – wie auch seine dort parkierte Oldtimer-Sammlung – an seine beiden Kinder, die damals knapp einjährig waren. Doch auch hier holten Rolf Erb am Schluss die Gerichte ein: Mitte Februar entschied das Bundesgericht in einem separaten Verfahren, dass Erb per 1. Mai 2017 mit Lebenspartnerin und Kindern aus Eugensberg ausziehen sollte. Das Schloss gehört nun zur Konkursmasse und wird voraussichtlich versteigert.

Chronologie: Vom Aufstieg und Fall einer Familie

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Erste Schritte im Winterthurer Autogeschäft

Grossvater Hugo Erb senior gründet 1920 an der Zürcherstrasse 62 in Töss eine Reparaturwerkstätte. In dem Gebäude befindet sich heute die «Ruedi Rüssel»-Tankstelle. 1927 kommt zur Autowerkstatt eine Ford-Garage dazu. Grossvater Erb hatte Automechaniker gelernt und in München, wo er Werkstattchef einer Grossgarage war, die Meisterprüfung gemacht.
Sein Sohn, Hugo Erb junior, eröffnet 1951 die Parkgarage und vertreibt Autos der Marke Mercedes-Benz. Der Junior-Chef kauft zudem die Ford-Garage Hugo Erb senior ab, der 1952 an einem Herzschlag stirbt.

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Aufstieg zu den grossen drei im Schweizer Autohandel

Erb junior steigt 1954 ins Auto-Finanzierungsgeschäft ein, das sich zu einem wichtigen Ertragspfeiler entwickeln wird. Wenig später kommen laut Online-Nachschlagewerk winterthur-glossar.ch die ersten Immobilienprojekte dazu. In den 60er- und 70er-Jahren dehnt Hugo Erb das Autogeschäft auf weitere Marken wie Opel und Fiat aus und expandiert in der ganzen Schweiz.

Sein Sohn Rolf führt als 24-Jähriger eine Garage in Luzern, drei Jahre später baut er den Import von Mitsubishi auf. Fast Jahr für Jahr folgen weitere Führungsaufgaben im Konzern.
1977 übernimmt das Erb-Unternehmen die Mitsubishi-Generalvertretung in der Schweiz. Erb ist nun Importeur – und damit lässt sich das grosse Geld machen. Neben der Emil Frey AG und der AMAG gehören die Erbs zu den grössten Autohändlern der Schweiz. 1980 kommen noch die Marken Suzuki und Hyundai dazu.

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Holz, Kaffee und Banken: Erb wird zum Mischkonzern

Mit der Gründung der Uniwood Holding steigt das Unternehmen 1983 in die Bau- und Holzbranche ein. Unternehmen wie die Küchenbaufirma Bruno Piatti AG und der Fenster- und Türenbauer Ego Kiefer AG werden aufgekauft und in die Holding eingegliedert. Hugo Erb plant, im Zentrum Töss eine zentrale Verwaltung für sein Imperium einzurichten. 1988 erwirbt er die Liegenschaft, verwirft jedoch später seine Umbaupläne. Die Liegenschaft wird vernachlässigt.

Mit der Übernahme der Volcafé AG von der Familie Reinhart steigt Erb in die Kaffee-Branche ein. Der Verkaufserlös wird diskret verschwiegen, die «Bilanz» schätzte ihn auf 200 Millionen Franken. Da das Geschäft floriert, wird weiter investiert. 1988 kaufen die Erbs das Zürcher Finanzinstitut EBC Schweiz AG und später die Bank August Roth. Der entstandene Mischkonzern Erb wächst auf 82 Einzelgesellschaften mit rund 5000 Angestellten und macht einen Umsatz von 4,5 Milliarden Franken.

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Eine Fehlinvestition führt zum Niedergang

Das Verderben der Erbs scheint seinen Lauf zu nehmen, als sie sich mit dem deutschen Financier Rainer C. Kahrmann einlassen, schreibt Thomas Buomberger in seinem Buch «Die Erb-Pleite». Kahrmann ist der starke Mann bei der EBC Bank in London, welche die Erbs ebenfalls 1988 kaufen. Aus den Autohändlern sind mittlerweile auch Devisenspekulanten geworden, und für den Zugang zum Londoner Finanzmarkt brauchen sie die EBC.

«Rolf betrieb den Devisenhandel anders als sein Vater; er wollte Spekulationsgewinne machen und nicht nur günstig Geld wechseln», sagt Matthyas Arter, der einst die Erbs für die «Bilanz» porträtierte. Gefallen finden die Erbs auch an der Steueroptimierung: Sie versuchen so viel wie möglich zu verstecken, um dem Staat möglichst wenig abliefern zu müssen. Mit den Devisenspekulationen streichen die Erbs über einige Jahre hohe Gewinne ein, doch eine neuerliche Investition, welche die Erbs auf Empfehlung von Kahrmann tätigen, erweist sich schliesslich als Fass ohne Boden: 1996 steigen sie bei der Concordia Bau und Boden AG (CBB) ein, die sich mit Bergbau und Chemie beschäftigt und vor allem eine Unmenge von Liegenschaften im Osten Deutschlands besitzt.

Die CBB ist zu diesem Zeitpunkt faktisch pleite, doch die Erbs glauben an einen schnellen Aufschwung in Ostdeutschland, der die Immobilienpreise in die Höhe treiben würde. Trotz Warnungen wird an der Strategie festgehalten. 2,5 Milliarden Franken fliessen in die CBB – ohne eine Trendwende herbeizuführen. Die Lage spitzt sich zu: Nach und nach fordern sämtliche Kreditbanken eine Konsolidierung und reduzieren ihre Kreditlimiten. Bevor es zum Äussersten kommt, stirbt der gealterte Patron Hugo Erb junior im Juli 2003 nach einer Krebsoperation.

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Die Pleite und das grosse Loch nach der Liquidation

Eine Task-Force stellt nach vielen Sitzungen, Besprechungen und Analysen im November 2003 fest, dass die Erb-Gruppe nicht mehr zu retten ist. «Die Mithilfe der Gebrüder Erb war beschränkt. Es war schwierig, an das Wissen heranzukommen», zitiert winterthur-glossar.ch einen Beteiligten. Die Erb-Gruppe wird liquidiert; als Erstes wird das Autogeschäft verkauft.

Den Zuschlag erhält die belgische Alcopa-Gruppe unter der Bedingung, die gesamte Belegschaft zu übernehmen. Man geht von einem Verkaufspreis von 100 Millionen Franken aus, was unter Insidern als Schnäppchenpreis bezeichnet wird. Anschliessend geht der Verkauf der Baufirmen über die Bühne. Perlen des Erb-Imperiums wie die Bruno Piatti AG und die Ego Kiefer AG werden von der Arbonia Forster Gruppe übernommen.

Das Kaffee-Geschäft (Volcafé) geht an eine englische Firma. Die Firmenverkäufe werfen nicht soviel ab wie erwartet und stehen Forderungen von 2,65 Milliarden Franken gegenüber. Die Gläubiger – zum grossen Teil Banken – erhalten je nach Schuldner-Firma eine Nachlass-Dividende zwischen 3 und 77 Prozent. (maf)