An ihren ersten Gig kann sich Nadja Zela noch lebhaft erinnern: 1986 war es, mit den Whooshings in Oberrieden, als Vorgruppe der lokalen Hardcore-Punkband Fleisch. «Fleisch waren extrem nervös, während wir, eine Band von knapp 16-jährigen Mädchen, es ziemlich locker nahmen», sagt sie. 30 Jahre sind seither vergangen – und Zela rockt noch immer, landauf, landab, auf kleinen Barbühnen und an grossen Festivals. Nachdem sie früher in Bands wie The Roundabouts und Rosebud spielte, ist Nadja Zela nun unter ihrem eigenen Namen unterwegs. So auch morgen Samstag am Zürcher Theaterspektakel, wo sie im Rahmen einer Konzert-Stafette mit sechs Zürcher Frauenbands auftritt. Genauer: Mit Bands respektive Acts, bei denen Frauen im Vordergrund stehen.

«Ich war weniger scheu mit Frauen»

Wir treffen uns in einem Café in Zürich-Wiedikon, nahe bei ihrem Wohnort. Aus der jungen Rockröhre von einst ist längst eine gestandene Künstlerin geworden. Eine, die sich manchmal einsam fühlt, denn: «Schau rechts, schau links, schau oben, schau unten: Wo findest Du noch eine Rockmusikerin in meinem Alter, die unter ihrem eigenen Namen Platten veröffentlicht?», fragt sie – und liefert die Antwort gleich selbst: «Ich jedenfalls kenne keine in der Schweiz. Und mit Patti Smith oder PJ Harvey kann ich mich leider nicht über dieses Thema austauschen.»

Auftritt Nadja Zela live in der Bäckeranlage, Zürich

Auftritt Nadja Zela live in der Bäckeranlage, Zürich

Frauen in der Rockmusik – das Thema beschäftigt sie schon lange. Über Jahre hinweg spielte Zela immer wieder in Frauenbands, wurde oft auch für reine Frauenanlässe gebucht. «In den 1980er- und 90er-Jahren war der Feminismus etwas streng», erinnert sie sich. «Das hat sich verändert. Heute ist er nicht mehr Männer-ausgrenzend, sondern integrierend. Das finde ich sinnvoller.»

Gleichwohl habe sie bewusst immer wieder die Zusammenarbeit mit Musikerinnen gesucht: «Ich war weniger scheu, mit Frauen zusammenzuarbeiten.» Oft sei das Schaffen mit Frauen feinfühliger: «Keine drängt sich auf. Mit Männern hast Du immer schnell einen, der findet, er wisse extrem genau, wie es läuft», sagt Zela.

Für ihr neues Album «Immaterial World», das diesen Frühling erschien, und ihre aktuellen Konzerte versammelte die Sängerin, Songwriterin und Gitarristin dennoch eine Band um sich, die aus lauter Männern besteht: Martin Fischer (Schlagzeug), Michel Lehner (Bass) und Nico Feer (Gitarre). «Feine Leute, mit denen ich mich wohlfühle – und vor allem hervorragende Musiker», sagt Zela. Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der Rockmusik würden sich allmählich einebnen, fügt sie an.

Keine Kompromisse

Dennoch seien sie auch heute nicht wegzudiskutieren. So würden an Musikfestivals immer noch weitaus mehr Männer als Frauen gebucht. Der Frauenanteil liege bei 15 Prozent.
Über die Gründe, warum es generell weniger Rock-Frauen gibt, kann Zela nur mutmassen: «Eigentlich müsste man die Frauen fragen, die Musik machen, aber keine Konzerte geben. Ich habe das Gefühl, es hat etwas mit dem Sich-auf-der-Bühne-Exponieren zu tun.» Frauen würden sich wohl weniger gern in den Mittelpunkt stellen als Männer, mutmasst Zela – und relativiert gleich wieder: Auch das lasse sich nicht völlig verallgemeinern. Feststehe: «Es ist etwas Extremes, auf der Bühne zu stehen und Sender zu sein. Es braucht zumindest Sendungsbewusstsein.»

Senden und sounden – das ist für Zela seit nunmehr drei Jahrzehnten ein zentraler Bestandteil ihres Lebens. Als Musikerin und Songschreiberin will sie keine Kompromisse eingehen. Mit ihrer eindringlichen Stimmen lotet sie bewusst Grenzen aus, auch jene der sauberen Intonation. Dazu dienen nicht zuletzt die beiden Gesangsmikrofone, die sie an Konzerten wie letzte Woche in der Zürcher Bäckeranlage verwendet: Eines bringt ihre Stimme klar rüber, das andere verzerrt.

«Mich verbindet mehr mit Punks als mit Poppern», sagt Zela und meint damit eine kompromisslose Haltung, die nicht auf Kommerz abzielt. Musikalisch bewegt sie sich irgendwo im Spektrum des Indie-Rock, mit Anklängen von Reggae bis Blues. Doch ihre Musik ist zu eigenständig, um in eine vorgefertigte Schublade zu passen. Sie handelt vom Widerstand gegen eine Gesellschaft, in der man sich als Produkt stilisiert, um dann in Depressionen und Burnout zu landen. Zela sucht ein Gleichgewicht, versucht, loszulassen, wenn ihre Arbeit zu sehr vom Willen statt von Liebe geprägt ist, wie sie sagt. Sie arbeitet morgens als Grafikerin, kümmert sich um ihre beiden Kinder und widmet sich nachmittags der Musik. «Meine Inspiration kommt aus dem Alltag, von dem, was auf der Strasse und in Büros läuft», sagt Zela. Ihren Bürojob und ihr Rockmusiker-Dasein sieht sie daher nicht als Gegensatz: «Für mich fliesst alles ineinander.» Auch Klischees von Rockstars, die nach dem Konzert bis in die Morgenstunden weiterfeiern, wischt sie mit feinem Lächeln beiseite: «Ich hänge nach der Show morgens um drei noch die Wäsche ab. Das ist Rock ’n’ Roll!»

Musik: Anaheim - Gone West

Steiner & Madlaina - "Still"

Steiner & Madlaina - "Still"