Alterspflege
Roboter-Robbe Paro soll Zugang zu Demenzkranken erleichtern

Im Alterszentrum Bruggwiesen in Illnau-Effretikon wird seit einigen Wochen ein Roboter in der Demenzpflegeeingesetzt. Die erste Bilanz fällt positiv aus: Die Robbe Paro helfe, einen Zugang zu Demenzkranken zu finden.

Claudia Peter
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Ein Bewohner des Alterszentrums Bruggwiesen mit der Roboter-Robbe. Diese reagiert auf seine Stimme und seine Berührung. Heinz Diener

Ein Bewohner des Alterszentrums Bruggwiesen mit der Roboter-Robbe. Diese reagiert auf seine Stimme und seine Berührung. Heinz Diener

LANDBOTE

Der alte Herr pfeift vergnügt und sorgfältig ein Lied. Paro liegt an diesem Nachmittag vor ihm auf dem Tisch: Die Robbe schliesst die Augen und legt den Kopf hin. Als das Lied aufhört, hebt sie ihn wieder, schaut den Pfeifenden mit grossen Kulleraugen direkt an und fiept. «Jaja, du machst das gut, Paro, du bist ein ganz Braver», sagt der Herr lächelnd. Er ist 95 Jahre alt und Bewohner in der Demenzabteilung im Alterszentrum Bruggwiesen in Effretikon.

Seit Mitte Mai gehört Paro zum Alltag im Bruggwiesen. Paro sieht aus wie ein grosses Plüschtier, eine weisse, flauschige Baby-Robbe. In seinem Innern versteckt sich aber moderne Technologie: Paro ist ein 4,2 Kilogramm schwerer Roboter, der auf Stimmen, Berührung, Licht und Temperatur reagiert. Er kann schnurren und fiepen, den Kopf, die Augen und die Flossen bewegen. Paro kommt aus Japan, kostet je nach Ausführung um die 4000 Franken und wird in der Demenzpflege zur Beruhigung, Kommunikation, Interaktion und Stimulierung eingesetzt. Im Kanton Zürich ist das Alterszentrum in Effretikon das erste, das mit dem Roboter arbeitet.

Nicht einfach ein Kuscheltier

Nach den ersten Wochen ist die Bilanz äusserst positiv. «Paro ist ein Brückenbauer», sind sich Projektleiterin Doris Monn Frei, Geschäftsleiterin Margrit Lüscher und Pflegedienstleiterin Elsbeth Keller einig. Monn hat sich intensiv mit dem Roboter befasst, Merkblätter vorbereitet und das Personal geschult. Denn Paro ist nicht einfach ein Kuscheltier, das jederzeit herumliegt. «Paro kommt zum Einsatz, wenn eine Person ganz bestimmte Merkmale aufweist. Wut zum Beispiel, körperliche Verspannung oder Trauer», erklärt Monn. Es gehe darum, durch die Roboter-Robbe den Kontakt auf eine andere Art und Weise zu aktivieren, einen Weg in die Welt des Demenzkranken zu finden und seine Aufmerksamkeit auf anderes zu lenken.

Zu zeigen, wie bewusst und fachlich fundiert Paro eingesetzt wird, ist Monn und Lüscher wichtig. Denn die Anschaffung des Roboters war nicht unumstritten: Es sei moralisch falsch, alten Leuten vorzugaukeln, dass es sich bei Paro um ein richtiges Tier handle, war einer der Vorwürfe. Man wolle damit Pflegepersonal einsparen. Man ersetze den menschlichen Kontakt mit einem Roboter.

«Es ist in keinem Fall richtig, demente Menschen anzulügen oder zu täuschen», stellt Lüscher klar. «Das machen wir mit Paro aber auch nicht.» Als sie den Roboter den Bewohnern zeigten, sagten sie einfach, das sei der Paro. «Ein paar sagten sofort, dass der aber künstlich sei. Das bestätigten wir.» Ein Bewohner zum Beispiel spreche auf Paro gerade deshalb besonders gut an, weil er von der Technik fasziniert sei.

Erleichterung für Personal

Wirklich drauf an komme es aber gar nicht, sagt Lüscher weiter. «Auch ‹gesunde Menschen› können Gefühle für leblose Dinge, etwa ein Auto, entwickeln.» Wichtig sei, dass die Demenzkranken dank Paro wieder in Kontakt mit ihrer Umwelt treten. «Das Schlimmste, auch für Angehörige, ist doch, wenn ein Mensch ganz in der Isolation verschwindet», sagt Lüscher. «Wenn ein Roboter helfen kann, diese Menschen zu erreichen, wenn Gefühle aktiviert und Entspannung bewirkt werden kann, dann ist das nichts Verwerfliches, sondern eine Bereicherung.»

Auch werde mit der Roboter-Robbe weder Personal gespart, noch ersetze sie menschlichen Kontakt. «Wir dokumentieren im Moment noch alle Paro-Einsätze», erklärt Monn. «Für das Personal bedeutet das also eigentlich eher einen Mehraufwand.»

Alle Paro-Einsätze seien zudem durch Pflegepersonen begleitet: Paro ersetze also nicht die menschliche Zuwendung, er ermögliche als Therapieinstrument in manchen Fällen sogar erst einen Kontakt. Der Umgang mit Demenzkranken stelle hohe Anforderungen an das Pflegepersonal. Paro sei eine von vielen Möglichkeiten, diesen zu erleichtern. «Die Vielfalt der Angebote ist die Grundlage für eine kompetente Pflege und Betreuung.»

So ersetzt Paro auch nicht den Kontakt mit richtigen Tieren. «Wir arbeiten regelmässig mit Therapiehunden. Und auf der Abteilung leben zwei Katzen», sagt Lüscher. Die Katzen könnten aber nicht so gezielt eingesetzt werden wie Paro. Und wenn sie zu fest gedrückt werden, fauchen sie oder verstecken sich hinter Möbeln.

Paro tut nichts dergleichen. Geduldig schnurrt er auf dem Tisch, während der alte Herr ihm ein weiteres Lied vorpfeift. «Ich glaube, dem Paro gefällt das, was Sie ihm vorpfeifen», sagt die Pflegefachfrau. «Hatten Sie früher Tiere?» Der alte Herr überlegt: «Jaja, wir hatten viele ...» Das Wort will ihm einen Moment nicht einfallen. «Kühe?», schlägt die Pflegerin vor. «Nein. Hunde. Wir hatten viele Hunde», sagt der Herr. Dann widmet er seine Aufmerksamkeit wieder Paro, der ihn immer noch anschaut.

Roboter können Pflegepersonal entlasten, sagt Heidrun Becker, Professorin für Ergotherapie an der ZHAW. Es gelte aber rechtliche und ethische Fragen zu klären.

Die Roboter-Robbe Paro ist ein Beispiel für den Einsatz von ¬Robotik in der Alters- und Demenzpflege. Gibt es weitere?
Heidrun Becker: Robotik ist noch sehr wenig im Einsatz, es gibt aber schon ein paar Produkte, die man kaufen könnte. Paro ist rein technisch gesehen ein vergleichsweise einfaches Produkt. Am fortgeschrittensten ist der Einsatz von fahrerlosen Transportsystemen. Diese können Essen oder Medikamente auch auf belebten Gängen ohne Zusammenstösse transportieren. Ebenfalls gibt es Geräte für den Transport von Menschen. Zum Beispiel «Riba» aus Japan, das Leute aus dem Rollstuhl ins Bett hebt und aussieht wie ein Bär. Aus Japan stammt auch ein Rollstuhl, der sich per Knopfdruck in ein Bett aufklappen lässt.

Der Einsatz von technischen Hilfsmitteln könnte den Pflegeberuf auch für Männer attraktiver machen. Heidrun Becker, Professorin für Ergotherapie an der ZHAW.

Der Einsatz von technischen Hilfsmitteln könnte den Pflegeberuf auch für Männer attraktiver machen. Heidrun Becker, Professorin für Ergotherapie an der ZHAW.

Zur Verfügung gestellt

Roboter werden aber nicht nur für den Transport eingesetzt.
Genau, es gibt auch Telepräsenzsysteme, bei denen eine Fachperson via Bildschirm zugeschaltet werden kann. Diese kann sich via Robotik auch selbstständig in einem Raum bewegen und sich so selber ein Bild von einer Situation machen.

Viele Menschen sind skeptisch, wenn Alterspflege Robotern überlassen wird.
Durch Filme haben wir eine recht grosse Fantasie, was Roboter angeht. Die Skepsis bezieht sich häufig auf diese fiktiven, mit hoher künstlicher Intelligenz und Autonomie ausgestatteten Roboter. Davon sind wir aber noch weit entfernt. Heute haben wir vor allem Geräte, die Menschen unterstützen und von Menschen eingesetzt werden. Dass man als pflegebedürftiger Mensch irgendwann alleine in einem Raum voller Geräte ist, will niemand.

Wann wird es ethisch heikel?
Menschen sind soziale Wesen und brauchen sozialen Kontakt. Dieser sollte durch Roboter nicht reduziert, sondern verstärkt werden. Heikel wird es zudem dann, wenn die Selbstbestimmung eines Menschen eingeschränkt wird. Es muss zum Beispiel immer auch möglich sein, die Betreuung ohne Roboter zu gewährleisten, wenn eine Person Angst davor zeigt.

Gibt es rechtliche Unklarheiten?
Ja. Im Bereich Datenschutz und Haftungspflicht muss noch viel geklärt werden. So etwa, welche Daten ein Roboter aufzeichnen darf, wie sie sicher gespeichert werden und wer Zugang bekommt, sodass die Privatsphäre gewahrt wird. Zum Beispiel wenn Angehörige ein privates Gespräch führen und ein Service-Roboter im Raum ist, der Geräusche aufzeichnet.

Geht es bei den neuen Technologien auch um eine Steigerung der Kosteneffizienz?
Es gibt keine eindeutigen Studien. Es könnte auch sein, dass die teuren Geräte und der Wartungsaufwand die Kosten eher erhöhen. Erhofft und angestrebt wird aber eine Steigerung in der Effizienz der Versorgung. Also dass bei der immer grösser werdenden Zahl alters- und versorgungsbedürftiger Menschen mit verhältnismässig weniger Personal eine qualitativ gleich gute Versorgung sichergestellt werden kann.

Können und sollen Roboter Pflegefachkräfte ersetzen?
Ersetzen nicht, aber entlasten. Und das ist durchaus wörtlich gemeint, wenn ein Roboter zum Beispiel helfen kann, einen Menschen vom Bett in den Rollstuhl zu heben. So bleiben auch die Pflegenden länger gesund und länger im Beruf. Zudem könnte der Einsatz von technischen Hilfsmitteln den Beruf auch für Männer attraktiver machen.

Kann Robotik auch im privaten Bereich eingesetzt werden und Menschen ermöglichen, länger zu Hause leben zu können?
Es werden schon auch kleinere Geräte entwickelt, die im Privatgebrauch zum Einsatz kommen könnten. Robotik ist aber grösstenteils immer noch recht teuer: Zudem hat man noch kaum Erfahrungswerte. Dann stellt sich schnell die Frage, wer ein teures Gerät bezahlt: der Patient oder die Krankenkasse?