Rückfalltäter
Risikoanalyse bei Sexual- und Gewaltstraftätern wird zum Normalfall

Nach dreijähriger Versuchsphase wird der "Risikoorientierte Sanktionenvollzug" weitergeführt. Nach Auswertung des Schlussberichts steht nun fest, dass "ROS" in den Versuchskantonen Zürich, St. Gallen, Thurgau und Luzern weiterhin angewandt wird.

Matthias Scharrer
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In die Zürcher Strafanstalt Pöschwies kommen Gefangene aus der ganzen Schweiz. Standardisierte Abklärungen sollen das Risiko von Rückfalltätern senken.

In die Zürcher Strafanstalt Pöschwies kommen Gefangene aus der ganzen Schweiz. Standardisierte Abklärungen sollen das Risiko von Rückfalltätern senken.

r. hünerfauth

Der Täter war wiederholt alkoholisiert am Steuer erwischt worden. Vom Zürcher Geschworenengericht verurteilt, kam er zeitweise in eine Suchtklinik. Danach schlug er zweimal seine Partnerin halb tot. «Man achtete zu sehr auf die Sucht und zu wenig auf die Gewalt», so das Fazit von Thomas Manhart, der das Kantonalzürcher Amt für Justizvollzug leitet. Hätte man die Massstäbe des Risikoorientierten Sanktionenvollzugs (ROS) angewandt, wäre das Gewaltpotenzial des Täters wohl rechtzeitig erkannt worden, so Manhart weiter.

ROS ist die Zauberformel, mit der die Justizbehörden die Rückfallgefahr von verurteilten Straftätern vermindern wollen. Hinter der Abkürzung verbirgt sich der «Modellversuch Risikoorientierter Sanktionenvollzug», den die Kantone Zürich, St. Gallen, Thurgau und Luzern in den Jahren 2010 bis 2013 gemeinsam durchgeführt haben. Nach Auswertung des Schlussberichts steht nun fest, dass ROS in den vier Versuchskantonen weiterhin angewandt wird, wie Manhart gestern vor den Medien sagte. «So wollen wir den Opferschutz und die Resozialisierung stärken», sagte der Zürcher Justizdirektor Martin Graf (Grüne).

Auch das Bundesamt für Justiz empfiehlt den Versuch zur Nachahmung. Nun soll laut Manhart eine IT-Applikation entwickelt werden, die den gesamten ROS-Prozess abbildet und für alle Kantone anwendbar macht.

Missverständnisse vermeiden

Doch wie funktioniert ROS? Zunächst werden verurteilte Straftäter in drei Kategorien eingeteilt: Bei Gruppe A bestehen kaum Hinweise auf ein erhöhtes Rückfallrisiko; bei Gruppe B bestehen einige solche Hinweise; und bei Gruppe C bestehen solche Hinweise speziell bezüglich Gewalt- und Sexualdelikten. Auf Gruppe C konzentrierte sich der Modellversuch.

Grundlage für die Triage bildet das Strafregister: «Man achtet nicht nur auf das Delikt, das den Anlass für ein Gerichtsurteil bildete, sondern auch auf frühere Straftaten», so Projektleiter Daniel Treuthardt. Zudem werde berücksichtigt, ab welchem Alter und wie häufig ein Täter straffällig wurde. Gestützt auf solche Daten wird innerhalb des rechtlich zulässigen Spielraums geplant, wie ein Gerichtsurteil zu vollziehen ist.

Der Vollzug kann sich, je nach Schwere der Straftat, über Jahre hinziehen. Oft sind mehrere verschiedene Institutionen daran beteiligt, vom geschlossenen Gefängnis bis zum Arbeitsexternat, zum Teil in verschiedenen Kantonen. Eine standardisierte Berichterstattung soll daher garantieren, dass die Beurteilung des Verurteilten immer wieder aktualisiert wird – und zwar so, dass alle Beteiligten das Gleiche darunter verstehen.

Dies soll verhindern, dass aufgrund von Missverständnissen Straftäter die Gelegenheit bekommen, rückfällig zu werden, wie Joe Keel, Justizvollzugschef des Kantons St. Gallen, betonte. Und: «Es gibt den Mitarbeitenden im Justizvollzug auch Sicherheit. Früher fühlten sie sich oft alleingelassen mit den schwierigen Fällen.»

Die frühzeitige Triage und standardisierte Beurteilung der Verurteilten dient laut seinem Zürcher Amtskollegen Manhart auch dazu, die nicht-offensichtlichen Risikofälle zu ermitteln. So gab es vor dem Start des ROS-Versuchs bei Gewalt- und Sexualstraftätern im Kanton Zürich rund 60 Risikoabklärungen pro Jahr. Seit dem Start des Modellversuchs waren es jährlich zirka 300. Zudem führte der Kanton Zürich neu rund 100 Risikoabklärungen im Auftrag der Kantone Luzern, St. Gallen und Thurgau durch.

Gute Erfahrungen im Ausland

Ob und wie stark die Rückfallquoten durch ROS sinken, lässt sich laut Manhart erst in fünf bis zehn Jahren sagen. Ähnliche Ansätze in Kanada, Holland und England führten gemäss Treuthardt zu deutlich tieferen Rückfallquoten: Die Rede ist von einem Rückgang um 10 bis 30 Prozent. Letzteres wäre ein enormer Erfolg, sodass Treuthardt daran zweifelt, dass die Zahl stimmt. «Aber nur schon bei einem Rückgang um ein Prozent hätte sich ROS finanziell gelohnt, so zynisch das klingen mag», sagt er. Der Modellversuch kostete 7,5 Millionen Franken, wovon der Bund einen Drittel übernahm. Den Rest teilten sich die beteiligten Kantone, wobei der federführende Kanton Zürich den Löwenanteil übernahm.

Im Kanton Zürich sind jährlich bis zu 3000 Sanktionen zu vollziehen. Bei Gewalt- und Sexualdelikten wie Vergewaltigung, häuslicher Gewalt oder Raub liegt die Rückfallquote derzeit laut Treuthardt zwischen 15 und 25 Prozent. Über alle Deliktarten gesehen beträgt sie rund 50 Prozent. Das Sparpotenzial wäre also gross, liessen sich die Rückfallquoten senken – nicht nur finanziell, sondern vor allem, was menschliches Leid betrifft.