Das SVP-Wahlmaskottchen, Geissbock Zottel, kannte jedes Kind. Zu weniger Prominenz brachte es sein Besitzer, der 61-jährige Gemüsebauer Ernst Schibli aus Otelfingen. Jedenfalls hielten dem SVP-Nationalrat im Herbst 2011 zu wenige Wähler die Stange, sodass er einen Listenplatz zurückrutschte und wie Ulrich Schlüer abgewählt wurde. Dafür stiegen andere wie Raketen auf. Zum Beispiel Hauseigentümer-Vertreter Hans Egloff, der als Neuer trotz unvorteilhafter Platzierung den Sprung ins Parlament schaffte.

Noch eindrücklichere Sprünge nach vorne auf die Ersatzbank schafften Gregor Rutz und Thomas Matter, obwohl es ihnen zur Wahl nicht reichte. Als der gescheiterte Bundesratskandidat Bruno Zuppiger das Mandat abgab, konnte Rutz seinen Platz im Nationalrat einnehmen. Matter hingegen wartet seither hinter dem abgewählten Schibli auf die Gunst der Stunde.

Als der 65-jährige SVP-Nationalrat und Bankenspezialist Hans Kaufmann vor kurzem seinen Rücktritt bekannt gab, schien sie gekommen. Dem mit 48 Jahren relativ jungen und schwerreichen Banker stand zwar noch Schibli im Wege, aber es mehrten sich die Stimmen im SVP-Lager, die fanden, es wäre besser, wenn der Banken- und Finanzspezialist durch einen Branchenvertreter statt durch einen Bauern ersetzt würde.

Wenig Banken- und Finanzwissen

Kaufmann gehörte zu jenen, die das offen sagten. Er steht auch heute noch dazu: «Ja, mir wäre Matter lieber gewesen», sagt er gestern auf Anfrage. «Ich glaube nicht, dass Schibli sich und seiner Partei mit seinem Entscheid einen Dienst erweist.» Für Kaufmann ist es keine Frage, dass Schibli aufgrund der Platzierung vor Matter das Recht hat, nachzurutschen. Er hält aber einen Generationenwechsel für wünschenswert. Und vor allem bedauert er, dass es an Banken- und Finanzwissen mangelt, wenn jetzt ein Gemüsebauer nachrückt. Zudem glaubt er nicht, dass Schibli der Wunschkandidat der Zürcher Bauern selber ist.

Hans Frei, Präsident des Zürcher Bauernverbandes, der 2011 selber glückloser Nationalratskandidat war, kann das so aber nicht bestätigen. Es widerstrebt ihm, sich im Detail zum Fall zu äussern und lässt sich nur in einem austarierten Satz zitieren: «Der Bauernverband ist interessiert, dass bei den nächsten Wahlen die jungen bäuerlichen Vertreter gut auf der Liste platziert sind.» Als junger Bauernvertreter geht der 61-jährige Zottel-Besitzer allerdings nicht durch.

Schibli selber, der auffallend lange zögerte, bis er gestern seinen Entscheid bekannt gab, nennt drei Gründe für sein Nachrücken: Erstens entspreche diese dem Wählerwillen, der in der Listenplatzierung zum Ausdruck komme. Zweitens könne er in Bern die wichtigen SVP-Themen einbringen. Drittens verfüge er über grosse politische Erfahrung.

Keine dicken Stricke zerrissen

Tatsächlich absolvierte Schibli die politische Ochsentour: Er war 28 Jahre Gemeindepräsident (bis 2010), sass 11 Jahre im Kantonsrat, wo er die meiste Zeit die Fraktion präsidierte. 2001 rutsche er für den Autoimporteur Emil Frey nach. Dicke Stricke hat Schibli bis zu seiner Abwahl nicht zerrissen. Trotzdem will Gregor Rutz, Vizepräsident der Zürcher Kantonalpartei, nichts Abfälliges über Schibli sagen.

Er freue sich, dass wieder ein Zürcher Bauer nach Bern komme, weil mit Max Binder nur noch ein Landwirt zur Zürcher Delegation gehöre. Binder gehört zusammen mit Hans Fehr und Toni Bortoluzzi zum Trio der ältesten und erfahrensten Zürcher SVP-Nationalräte mit Jahrgang 1947. Älter ist nur noch der 74-jährige Christoph Blocher.