Es ist Sonntagnachmittag oder mitten in der Nacht – die Rückenschmerzen lassen nicht nach, oder zurück aus den Ferien erweist sich der Durchfall als hartnäckig. In diesen Situationen sind Betroffene auf ambulante Versorgung angewiesen. Über Jahrzehnte war der ärztliche Notfalldienst die richtige Anlaufstelle.

Dieser gerät zunehmend unter Druck: Viele Leute verfügen gar nicht mehr über einen Hausarzt, sondern suchen bei Bedarf direkt den Spitalnotfall auf – was sehr hohe Kosten verursacht. Aufseiten der Ärztinnen und Ärzte wiederum hat die Bereitschaft, Notfalldienst zu leisten, abgenommen. In den nächsten paar Jahren wird ein Drittel der Hausärzte pensioniert und zahlreiche junge Medizinerinnen und Mediziner arbeiten nur noch Teilzeit.

Mitte 2016 schlug die Ärztegesellschaft des Kantons Zürich (AGZ) Alarm: Sie könne ab 2017 den ärztlichen Notfalldienst nicht mehr gewährleisten. Gestern nun haben Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger, AGZ-Präsident Josef Widler und Jörg Kündig, der Präsident des Gemeindepräsidentenverbandes (GPV), die Neuorganisation des kantonalen Notfalldienstes präsentiert.

Triagestelle als Kernstück

Kernstück ist eine Notrufzentrale unter ärztlicher Leitung, die als Triagestelle dient. Die Zentrale, die über eine 0800er-Nummer erreichbar sein wird, geht am
1. Januar 2018 in Betrieb. Sie ist an 365 Tagen rund um die Uhr besetzt. Bis zu fünf medizinische Praxisassistentinnen und -assistenten sowie eine Ärztin oder ein Arzt stehen ständig im Einsatz.

Sie nehmen Telefonate aus der Bevölkerung entgegen und vermitteln die Anrufer weiter an Ärztinnen, Zahnärzte oder Apotheker, die Notfalldienst leisten. Nach Bedarf kann es auch ein Spital, die Spitex oder der Rettungsdienst sein. Oder aber es wird empfohlen, auf einen sofortigen Arztbesuch zu verzichten.

Gesundheitsdirektor Heiniger rechnet mit rund 250 000 Anrufen pro Jahr. Die Betriebskosten für die Triagestelle werden mit einer Pauschale von 7,3 Millionen Franken bestritten. Damit werden die Löhne für die rund 35 Vollzeitstellen bezahlt, aber auch weitere Posten wie IT und Raummiete. Kanton und Gemeinden teilen sich die Kosten hälftig. Konkret bezahlen sie je Fr. 2.40 pro Einwohner. Die Gesundheitsdirektion hat der Ärztegesellschaft einen entsprechenden Leistungsauftrag erteilt. Weicht die Zahl der Anrufe stark nach unten oder oben ab, wird die Pauschale gesenkt oder erhöht. Der Kanton wird zusätzlich die Aufbaukosten für die Triagestelle tragen. Momentan ist von rund vier Millionen Franken die Rede. Der Auftrag gilt vorerst für fünf Jahre.

Mit der Neuorganisation des Notfalldienstes will Heiniger «Ordnung schaffen im Kanton Zürich», wie er gestern sagte. Zur Zeit gebe es nämlich je nach Gebiet im Kanton unterschiedliche Varianten. Jetzt liege für alle Beteiligten eine gute, einfache und klare Lösung vor. «Die Triagestelle sorgt dafür, dass die Menschen das richtige Angebot im richtigen Moment finden», sagte Heiniger. Der neue Notfalldienst sei nicht nur medizinisch, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll. Ein weiteres Ziel sei es, die Notfallstationen der Spitäler von Bagatellfällen zu entlasten. Die Fachleute rechnen damit, dass nach rund einem Fünftel der Anrufe gar keine ärztliche Hilfe beansprucht wird.

Ressourcen werden besser verteilt

Dies entlastet letztlich auch die kleiner werdende Zahl von Hausärzten, wie AGZ-Präsident Josef Widler erklärte. Und der neue Notfalldienst sorge dafür, dass die Ressourcen besser verteilt und effizienter eingesetzt werden. «Diesen Sonntag habe ich in der Stadt Zürich Notfalldienst geleistet und an einem ganzen Tag zwei Patienten behandelt», sagte Widler. Das sei nicht sinnvoll. In ländlichen Gebieten komme es demgegenüber vor, dass die Ärztin im Notfalldienst kaum wisse, wo ihr der Kopf stehe vor lauter Patientinnen und Patienten.

Die Triagestelle soll kantonsweit auf jeweils 12 Arztpraxen zurückgreifen können. Ausserdem stehen weitere Ärztinnen und Ärzte für Hausbesuche zur Verfügung. «Eine Praxis muss ein Gebiet mit rund 120 000 Einwohnerinnen und Einwohnern abdecken, damit sie die Kosten reinholen kann», sagte Widler.

Eine Art Punktesystem

Für die praktizierenden Ärztinnen und Ärzte gibt es eine Dienstpflicht. Die AGZ ist laut Leistungsvereinbarung zuständig für den Dienstplan. Widler schwebt im Moment eine Art Punktesystem vor. Die Anzahl Punkte begründet die Dienstpflicht. Vorgesehen ist, dass sich die Mediziner Punkte gegenseitig abtreten können. «Es gibt junge Ärzte, die beispielsweise gerne Nachtdienste übernehmen», sagte Widler.

Spezialistinnen und Spezialisten, die keinen Notfalldienst versehen können, müssen eine Ersatzabgabe leisten. Diese beträgt pauschal 5000 Franken. Dies ist eine der Bestimmungen, welche eine Änderung des Gesundheitsgesetzes nötig macht. Der Regierungsrat hat das Gesetz zuhanden des Kantonsrats verabschiedet.

Jörg Kündig, der Präsident des Gemeindepräsidentenverbandes, zeigte sich erfreut darüber, dass nun eine Lösung gefunden wurde, die mit Fr. 2.40 pro Einwohner für die Gemeinden günstiger ausfällt. Im ersten Vorschlag, den die Ärztegesellschaft Mitte 2016 unterbreitet hatte, war nämlich noch von 10 Franken pro Einwohner die Rede gewesen.