Rudolf Kieser, nach 22 Jahren als Präsident des Bezirksgerichts Zürich, hatten Sie gestern Ihren letzten Arbeitstag. Mit welchen Gefühlen nehmen Sie Abschied?

Rudolf Kieser: Mit sehr positiven. Ich hinterlasse ein Gericht, das sich in einem guten Zustand präsentiert. Zudem sind alle Mitarbeiter sehr engagiert und motiviert. Mein Entscheid zum Rücktritt ist auch nicht von einem Tag auf den anderen getroffen worden. Ich konnte mich lange genug auf diesen Tag vorbereiten.

Sie waren zur einen Hälfte als Richter, zur anderen in der Führung des Gesamtgerichts tätig. War die Aufteilung schon früher so?

Eigentlich schon. Bereits vor 22 Jahren hat sich die Arbeit etwa so aufgeteilt. Natürlich hat es Phasen gegeben, in denen mehr Zeit in die Führung investiert werden musste – beispielsweise bei internen Umstellungen. Insgesamt ist es gut, wenn die Spitze eines Unternehmens auch in der Produktion tätig ist.

Wie hat sich Ihre Tätigkeit als Richter verändert?

Was mir aufgefallen ist: Früher galt ein Richter automatisch als Respektsperson. Heute wird der Urteilsspruch eines Richters – und damit auch dessen Autorität – rascher hinterfragt. Es ist ein Trend zu erkennen, dass Richter häufiger öffentlich angeprangert werden, beispielsweise wenn ein verurteilter Straftäter rückfällig wird. Kritik wird selbst dann laut, wenn der Entscheid nach bestem Wissen und Gewissen und gemäss geltendem Recht gefällt wurde. Die Fälle sind in den letzten Jahren zudem auch immer komplexer, die Verfahren technisch anspruchsvoller geworden. Die Beschuldigten lassen sich immer häufiger von Anwälten vertreten. Während meiner gesamten Amtszeit hat eine Professionalisierung stattgefunden. Die Qualität der Prozessführung hat sich dadurch zwar erhöht. Die Kehrseite davon ist allerdings, dass im Vergleich zu früher ein Beschuldigter heute wohl vermehrt aus formalen Gründen freigesprochen wird. Wir achten deshalb umso mehr darauf, dass alle prozessualen Vorgaben minuziös eingehalten werden.

Welche Fälle sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Da gibt es einige. Seinen ersten Fall vergisst ein Richter nie. Ich musste damals als Einzelrichter über einen Streit zwischen einem Polizisten und einer Zechgesellschaft befinden, welche «über­höcklet» hatte. Ebenfalls haften bleiben tragische Fälle. So musste ich einen Mordfall beurteilen, in dem eine Frau eine andere umgebracht hat. Oder Fälle, bei denen Flexibilität gefragt ist. So hatte ich mich im Zusammenhang mit Andrea Stauffacher vom Schwarzen Block darauf einstellen müssen, dass der Prozess viele Sympathisanten anlockt, das Medieninteresse hoch ist und die gewöhnliche Ordnung im Gerichtssaal für einmal über den Haufen geworfen wird. Wichtig ist für mich in jedem Prozess, dass eine echte Befragung und echter Diskurs entstehen kann. Ich will am Ende für die Klärung zwischen den Parteien etwas beitragen können.

Obwohl alle Verhandlungen öffentlich sind, kommen im Normalfall nur selten Besucher in den Gerichtssaal.

Dass wir so wenig Besuch bekommen, werte ich als Zeichen des Vertrauens. Ausserdem sind Straftaten, die öffentliches Interesse generiert haben, zwar spektakulär, machen aber nur einen kleinen Teil unserer Arbeit aus. Insgesamt behandeln wir etwa 20 000 Fälle pro Jahr. Rund drei Viertel davon betreffen das Zivilrecht. Die Zahl der Fälle hängt aber auch von der Konjunktur ab. Läuft es gut, ist man beispielsweise mit einem Schuldner nachsichtiger. Läuft es schlecht, zieht man schneller vor Gericht. Im Vergleich zu früher gibt es heute viel mehr Schlichtungsstellen, welche die Streitparteien aufsuchen können, ohne gleich das Gericht einzuschalten.

Durch Ihre Arbeit werden Sie oft mit menschlichen Abgründen konfrontiert. Wie gehen Sie damit um?

Richter sind auch nur Menschen. Belastend sind Fälle, die mit sadistischen, perversen und grausamen Darstellungen zu tun haben. Mit dem Internet sind solche illegalen Bilder und Videos schnell zur Hand und weiterverbreitet. Als Richter muss man selber all dieses Materials anschauen, um den Fall beurteilen zu können. Wir bieten für unsere Mitarbeiter deshalb psychologische Betreuung an. Auch in den Nachbesprechungen kann man das Gesehene verarbeiten. Ich persönlich konnte mich nach solchen Prozessen immer mit der Familie oder Freunden am besten erholen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Bezirksgerichts Zürich?

Was fehlt sind regelmässige Umfragen zur Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit. Vor etwa zwölf Jahren wurde an den Bezirksgerichten Bülach, Winterthur und Zürich ein Probelauf durchgeführt. Dieser war für alle Seiten sehr aufschlussreich. Die Bezirksgerichte sollten ausserdem mit zwei Mitgliedern im übergeordneten Führungsgremium, der Verwaltungskommission des Obergerichtes, vertreten sein. Dies ist heute leider nicht so. Zudem sollten Richter fest gewählt werden, längstens aber bis zum vollendeten 67. Altersjahr. Dies würde – gegenüber der heutigen Regelung mit einer Wahl alle sechs Jahre – die Unabhängigkeit der Richter stärken. Daneben muss es allerdings möglich sein, dass ein übergeordnetes Gremium – sei es das Obergericht oder das Parlament – einen Richter aus dem Amt entfernen kann.

Und was bringt die Zukunft für Rudolf Kieser?

Noch ist nichts beschlossen. Bei meiner Frau im Blumen- und Dekoladen gibt es einige Möglichkeiten, mitanzupacken. Zudem kann ich nun mehr Zeit mit meinen Töchtern und Enkelinnen verbringen. Ich könnte mir auch vorstellen, mit meiner älteren Tochter, die als Rechtsanwältin tätig ist, in irgendeiner Form zusammenzuarbeiten. Und von der International School Zurich North wurde ich bereits angefragt. Dort mitzuarbeiten, würde mich auch interessieren.