Seit etwas mehr als 100 Tagen ist der linksalternative Richard Wolff Stadtzürcher Polizeivorstand. Sein Wunschdepartement war es nicht. Inzwischen gefalle ihm aber sein Amt, sagte er am Dienstag vor den Medien. «Ich bin gut angekommen und habe einen guten Beraterstab.»

Der Einstieg als Polizeivorsteher vor drei Monaten sei hart gewesen, stellte Wolff fest. «Noch bevor ich wusste, wo die Kaffeemaschine steht, sollte ich das besetzte Binz-Areal räumen.» Das habe ihn tagelang belastet. Der freiwillige Abzug der Besetzer sei für ihn eine der grössten Erleichterungen in seinem Leben gewesen.

Nicht aus der Reserve locken liess sich Wolff im Fall des besetzten Koch-Areals, an der auch seine beiden Söhne beteiligt sind. Die Verhandlungen seien auf gutem Wege. Über das Ergebnis werde die Öffentlichkeit in einigen Tagen informiert.

Ob er bei einer allfälligen polizeilichen Räumung in den Ausstand treten würde, liess Wolff offen. Über einen allfälligen Ausstand entscheide der Stadtrat situativ - wie immer in solchen Fällen. Im Übrigen seien seine Söhne volljährig und könnten sich dort engagieren, wo sie dies für richtig halten. «Mehr sage ich nicht dazu.»

Chaos ist nicht ausgebrochen

Als Vorsteher des Polizeidepartementes mit rund 3000 Beschäftigten fühlt sich der AL-Stadtrat «sehr wohl», wie er mehrmals betonte. Die Prophezeiungen der Kritiker, mit seinem Amtsantritt werde Chaos und Ärger ausbrechen, sei nicht eingetroffen. «In meinem Departement herrschen Ruhe und Ordnung», versicherte Wolff.

Sowohl im Korps der Stadtpolizei als auch bei Schutz & Rettung und in der Dienstabteilung Verkehr sei er von Beginn an auf Offenheit gestossen und auch im Stadtrat fühle er sich gut aufgehoben. Parteipolitische Differenzen spielten eine weit geringere Rolle, als er sich dies vorgestellt habe.

Als Herausforderung bezeichnete er die 24-Stunden-Gesellschaft. Im Zürcher Nachtleben, das vor allem an Wochenenden Leute in Massen anzieht, sieht der AL-Stadtrat aber nicht nur Probleme. «Ich bin kein Kulturpessimist und glaube nicht, dass alles immer schlimmer und schlechter wird.»

Aufgabe der Stadt sei es, Rahmenbedingungen so zu setzen, dass alle Interessen unter einen Hut gebracht werden können. Dazu gehört laut Wolff auch eine stärkere und sichtbare Polizeipräsenz in den Ausgehmeilen. An Wochenenden würden in der Nacht jeweils 28 zusätzliche Polizisten eingesetzt.

Gegen «Scharfmacherei»

Oberstes Ziel der Polizeiarbeit sei es, Konflikte zu vermeiden und einen konstruktiven Dialog mit allen Beteiligten zu pflegen. Jede gewalttätige Auseinandersetzung schade der Stadt. Probleme müssten mit Worten gelöst werden. «Scharfmacherei» habe dabei keinen Platz.

Was Wolff will, ist eine «bürgernahe und glaubwürdige» Polizei. Es sei deshalb wichtig, dass vermehrt auch Frauen und Personen mit Migrationshintergrund rekrutiert werden.

Einsetzen will er sich zudem für gute Arbeitsbedingungen. Nur so könnten die Leute an der Front «so funktionieren, wie wir das von ihnen verlangen».

Dezidiert äusserte sich Wolff zu Forderungen nach mehr Überwachung mit Videos und Drohnen im öffentlichen Raum. Solche Eingriffe in die Grundrechte und Freiheiten müssten genau evaluiert werden und sie müssten verhältnismässig sein. Taser sollen nur Spezialeinheiten der Stadtpolizei einsetzen dürfen.

In die öffentliche Kritik geraten war Wolff in jüngster Zeit, weil er seine frühere Planungs- und Beratungsfirma erst vor kurzem aus dem Handelsregister löschen liess. Das sei ein Fehler gewesen. Den Handelsregistereintrag stehen gelassen habe er für den Fall, dass er im nächsten Februar nicht wiedergewählt werden sollte. Heute sehe er ein, dass dies juristisch und politisch nicht korrekt gewesen sei