Mathilde Wesendonck (1828–1902) ist als Geliebte und Inspirationsquelle von Richard Wagner (1813–1883) bekannt geworden. Die Affäre zwischen den bereits Verheirateten spielte sich in den 1850er-Jahren in Zürich ab, wo Wagner mit seiner herzkranken Frau Minna seit Mai 1849 lebte. Mathilde Wesendonck kam mit ihrem schwerreichen Ehemann und Seidenhändler Otto Wesendonck 1851 nach Zürich, wo sich das Paar später auf dem «grünen Hügel», dem heutigen Rieterpark, eine grosszügige Villa bauen liess. Die Villa Wesendonck, heute das Museum Rietberg, entwickelte sich damals zum gesellschaftlichen und künstlerischen Mittelpunkt Zürichs. Gelehrte, Dichter und vor allem Musiker gingen dort ein und aus.

Die Liebe zwischen Mathilde und Richard blieb platonisch. Wagner wäre wohl mit ihr durchgebrannt, aber Mathilde bremste. Sie wusste, was auf dem Spiel gestanden hätte, wenn sie sich auf eine sexuelle Beziehung mit dem mittellosen Wagner eingelassen hätte. Sie wäre von beiden Familien geächtet worden, was den gesellschaftlichen und finanziellen Absturz bedeutet hätte. Mathilde war für Wagner aber mehr als nur eine von mehreren Liebschaften. Jung, schön, gebildet und mit literarischem Talent, weckte sie die Lebensgeister des Komponisten.

Mathilde hiess ursprünglich Agnes. Auf diesen Namen tauften sie ihre grossbürgerlichen Eltern. Agnes wuchs in Düsseldorf auf, besuchte in Frankreich eine Töchterschule und lernte Klavier spielen. Mit 21 heiratete sie den 13 Jahre älteren Textilkaufmann Otto Wesendonck. Er war bereits Wittwer, als er Mathilde kennenlernte. Seine erste Frau, die Mathilde geheissen hatte, starb auf der Hochzeitsreise in Florenz. Weil Otto es wünschte, nannte sich Agnes nach der Heirat ebenfalls Mathilde.

Die Beidenreisten nach New York. Geplant war ein längerer Aufenthalt. Mathilde gefiel es dort aber nicht. Das gesellschaftliche und kulturelle Leben fehlte ihr. Nach wenigen Monaten kehrte das Paar nach Düsseldorf zurück, beschloss dann aber, nach Zürich auszuwandern. Ausschlaggebend sollen politische Differenzen zwischen den beiden Familien gewesen sein. Ausserdem lockte Zürich als blühende Handelsstadt, wo viele Exildeutsche Zuflucht fanden.

Die Wesendoncks trafen im Oktober 1851 ein und wohnten im Hotel Baur au Lac. Weil sich der Bau der eigenen Villa auf dem «grünen Hügel» verzögerte, lebten sie jahrelang dort. Erst am 22. August 1857 konnten sie ins eigene Haus einziehen. Bald nach der Ankunft in Zürich lernten die Wesendoncks Wagner kennen, der als Gastdirigent in der Stadt wirkte. Der 39-jährige Musikus, der sich auch mit Philosophie und Literatur beschäftigte, warf sofort ein Auge auf die blühende 24-jährige Mathilde, die bereits ein Kleinkind hatte. Das Erstgeborene war kurz zuvor gestorben. Wagner muss Mathilde mit seinem Auftreten und seinen hochfliegenden Plänen mächtig Eindruck gemacht haben. Auch Otto zog er in seinen Bann. So erklärt es sich, dass Wesendonck die Projekte des Rivalen finanzierte. Es entwickelte sich eine eigenartige Dreiecksbeziehung.

Die Beziehung wurde noch enger, nachdem sich Wagner und seine Frau Minna im April 1857 im Nachbarhaus der Villa Wesendonck einquartiert hatten. Zuvor wohnten die Wagners am Zeltweg, wo es dem Komponisten aber zu lärmig war. Sein Traum war ein ruhiges Haus mit Garten. Wesendonck erfüllte Wagner den Wunsch, weil Mathilde ihn dazu drängte. Er kaufte Haus und Grundstück und vermietete es Wagner für wenig Geld auf Lebenszeit.

Als wenig später auch die Wesendoncks in ihre Villa einzogen, rückte Wagner noch näher zu Mathilde. Zwar gab es immer wieder Streit zwischen den beiden, aber man versöhnte sich wieder. Während einer Geschäftsreise Ottos führte Wagner zu Ehren Mathildes den ersten Akt seiner «Tristan»-Oper in der Villa auf. Sie soll ihm um den Hals gefallen sein und gesagt haben: «Jetzt habe ich keinen Wunsch mehr.» Die Spannungen in beiden Ehen stiegen. Im Januar 1858 fuhr Wagner deshalb für einige Wochen nach Paris. Die Beziehung kühlte sich trotzdem nicht ab. Schliesslich wurde es Wagners Frau zu bunt. Im April 1858 fing sie einen Brief Wagners an Mathilde ab. Obwohl eher eine Abhandlung über Goethes «Faust», stufte Minna den Inhalt als ehebrecherisch ein und setzte Otto ins Bild. Jetzt riss auch ihm der Geduldsfaden. Es kam zum Eklat. Wagner sah keinen andern Weg als die Flucht. Am 17. August reiste er nach Venedig. Minna blieb vorerst im Haus und verkaufte das Mobiliar. Bevor auch sie ging, schrieb sie Mathilde: «Mit blutendem Herzen muss ich Ihnen vor meiner Abreise noch sagen, dass es Ihnen gelungen ist, meinen Mann nach 22-jähriger Ehe von mir zu trennen.»

Wagner hinterliess bei Mathilde eine grosse Lücke. Ihr Unglück vergrössert sich durch den Tod ihres dreijährigen Sohnes Guido. Mathilde und Wagner blieben brieflich zeitlebens in Kontakt. Erhalten sind aber nur Wagners Briefe. Jene von Mathilde liess Wagners spätere Ehefrau Cosima verschwinden. Mathilde vertiefte sich in ihre Dichtung. Insgesamt verfasste sie 13 Werke, unter ihnen Gedichte, Märchen, Legenden, Sagen und Dramen. Berühmt wurden einzig fünf ihrer Gedichte, die Wagner in der Zürcher Zeit vertonte: die Wesendonck-Lieder. Zuspruch erhielt Mathilde von Conrad Ferdinand Meyer, Kritik von Gottfried Keller. Er bezeichnete eines ihrer Werke als nicht druckreif, was sie sehr kränkte. Cosima Wagner, die Mathilde in einem Brief einmal als «Goldfee» verspottet hatte, urteilte wohlwollend über Mathildes Dichtkunst, während Wagner sich später abfällig äusserte.

Als sich mit dem Deutsch-Französischen Krieg 1870 die Grosswetterlage in Europa änderte, sank auch der Stern der Wesendoncks in Zürich. Den Sieg der Preussen feierten Exildeutsche, darunter die Wesendoncks, 1871 in der Tonhalle. Die Feier provozierte viele Schweizer, weil sie mit den Franzosen sympathisierten. Es kam zum Tonhallekrawall. Der Mob drohte den Wesendoncks, die Villa abzufackeln. Die Familie reagierte und flüchtete ins Baur au Lac und von dort nach Dresden und Berlin. 1882 erlebte Mathilde nochmals einen Tiefschlag, als ihr 20-jähriger Sohn Hans starb. Insgesamt verlor sie in ihrem Leben vier von fünf Kindern. Mathilde starb am 31. August 1902 als 74-Jährige am Traunsee in Österreich.