Stadtrat Zürich
Retter von Bäumen und Unterführungen: Filippo Leuteneggers 100-Tage-Bilanz

Filippo Leutenegger (FDP) präsentiert sich nach 100 Tagen im Zürcher Stadtrat als unkomplizierter Pragmatiker. Seit dem 7. Mai wirkt er als Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements.

Thomas Schraner
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Filippo Leutenegger.

Filippo Leutenegger.

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Dicke Stricke kann einer nach 100 Tagen nicht zerrissen haben. Auch ein Filippo Leutenegger (FDP) nicht, die schillernde neue Figur im Zürcher Stadtrat. Er war 33 Jahre in der Medienbranche in allen möglichen Funktionen tätig: als Reporter, Moderator, Chefredaktor und Verleger. 11 Jahre spielte er politisch auf der nationalen Bühne (Nationalrat) eine Rolle, bevor er auf die lokale wechselte und in Zürich das Kunststück fertigbrachte, seiner Partei den zweiten Stadtratssitz zu retten. Das Kollegium schickte den 62-jährigen Neuling ausgerechnet dorthin, wo vor ihm die Grüne Ruth Genner wirkte. Seit dem 7. Mai ist er Vorsteher des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements.

Gestern präsentierte er sich den Medien in der Stadtzürcher Sukkulentensammlung. Warum gerade dort, blieb unklar. Sein Spruch, «ich will niemandem einen Kaktus erteilen», half nicht weiter. Ob er sich im links dominierten Stadtrat allenfalls wie ein Kaktus fühle, der in karger Erde überleben müsse, wurde er gefragt. Nein, lautete die erwartbare Antwort. Er fühle sich sehr wohl im Kollegium, wohler jedenfalls als anfänglich gedacht. Nur für die Fotografen stellte er sich mitten in die Kakteenlandschaft. Für seinen Vortrag wählte er einen schmucklosen Raum, was einer seiner Chefbeamten später sehr schade fand.

Der Pragmatiker

Im virtuellen Rundgang durch sein Departement präsentierte Leutenegger Selbstverständliches, aber auch Bemerkenswertes, an dem sogar seine Vorgängerin Freude haben könnte: So rettete er an zwei Orten in der Stadt Bäume. Für den Umbau einer Tramhaltestelle (Beckenhof) müssen dank Leuteneggers Intervention nur 3 statt 17 Stück gefällt werden. Sie standen ursprünglich einem Veloweg im Weg. Auch am Seeufersteg in Wollishofen will Leutenegger die meisten Bäume stehen lassen: «Konzept hin oder her», wie er sagte. Er sei ein Pragmatiker, betonte er mehrfach, einer, der auf die Wünsche der Leute eingehe. Als Beispiel führte er Altstetten an, wo die Bevölkerung Sturm gegen die Verlegung der Tramlinie zwei läuft. Die vom Stadtrat geplante Umleitung sei nichtmachbar, sagte er freimütig. «Man kann doch nicht mit dem Grind durch die Wand.» Beschlossen ist noch nichts. Beschlossen hat Leutenegger hingegen, die Aufhebung einer Personenunterführung beim Bahnhof Wollishofen zu stoppen. Sie wird nun saniert. Auch hier hatte er das Ohr beim Volk.

Der Macher

Zurückhaltend gab sich Leutenegger beim Masterplan Velo, der 120 Millionen Franken Investitionen vorsieht – eine Errungenschaft der Grünen, die dem FDP-Mann genau auf die Finger schauen. Was Leutenegger bisher getan hat, treibt keinen auf die Barrikaden: Mit seiner Familie sei er die Seeroute mit dem Velo abgefahren und habe beim Hafen Enge ihren «katastrophalen Zustand» festgestellt, berichtete Leutenegger. Er veranlasste Sofortmassnahmen. Balsam gabs aber auch für seine Wähler: Er wiederholte, was er im Wahlkampf gesagt hatte: Das Auto sei ein «unverzichtbarer» Teil des Gesamtverkehrssystems. Unerwähnt liess Leutenegger den schwierigen Volksauftrag, der sich aus der Städteinitiative (2011) ergibt. Sie verlangt, den Autoverkehr um zehn Prozent zu reduzieren. Mit diesem Auftrag tat sich sogar seine Vorgängerin Genner schwer.

Nicht preisgeben wollte Leutenegger seine Haltung zum Spitalprovisorium im Park des Unispitals. Dazu steht ein Entscheid der Bausektion an, dem Leutenegger neuerdings angehört. Zur Erinnerung: Die alte Bausektion (ohne Leutenegger) wollte das vom Kanton gewünschte Provisorium verhindern, blitzte aber beim Baurekursgericht ab. Jetzt stellt sich die Frage, ob die Stadt den Fall weiterziehen will oder nicht.

Der Sparer

Wie hält es Leutenegger mit dem Sparen, das er im Wahlkampf so vehement predigte? Er sagte dazu Unverfängliches wie «es wird finanziell deutlich schwieriger». Konkret ist, wie auf Nachfrage zu erfahren war, dass Leuteneggers Departement 2015 nur 196 statt 207 Millionen Franken ausgeben darf, also 5 Prozent weniger als 2014. Diese Zahl wusste Leutenegger zwar nicht auswendig, hingegen glaubt er zu wissen, dass «in jeder Organisation eine Sparvorgabe von 3 bis 5 Prozent möglich ist». Im Visier habe er aber nicht grössere Brocken, sondern viele kleine Posten.

Entsorgt hat Leutenegger den berüchtigten Informationskiosk Örbi, der beim Volk durchgefallen ist. Er hat ihn für symbolische 1000 Franken an das Stadtteilsekretariat Kleinbasel verkauft.