Glaube
Religionswissenschaftler Georg Otto Schmid: «Schulthess ist ein Menschenkenner»

Der Religionswissenschaftler Georg Otto Schmid erklärt im Interview, warum Beat Schulthess derart erfolgreich ist und woher der Glaube an die dunklen Mächte kommt.

Malte Aeberli
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Religionswissenschaftler Georg Otto Schmid.

Religionswissenschaftler Georg Otto Schmid.

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Eigentlich hätten wir gerne einen Psychiater oder Psychologen zum Phänomen Dämonen befragen wollen. Leider haben alle angefragten Psychiater abgesagt. Der grösste Anbieter in der Region, die Clienia Schlössli AG, lässt über ihre Kommunikationsverantwortliche ausrichten: «Unser Selbstverständnis ist in einem evidenzbasierten, wissenschaftlichen Verständnis verankert und hat nichts mit Glauben und Religion zu tun.» Auch deshalb gibt an dieser Stelle der renommierte Religionswissenschaftler und Leiter der Sekteninformationsstelle «Relinfo» Georg Otto Schmid aus Rüti Auskunft.

Herr Schmid, gibt es Ihrer Meinung nach Dämonen?

Georg Otto Schmid: Als ehemaliger Raucher kann ich es gut nachvollziehen, wenn Menschen von einem Suchtteufelchen sprechen. Sie empfinden ihr Verlangen als etwas, das den eigenen Willen übersteigt. Das ändert aber nichts daran, dass Sucht eine Funktion der Psyche ist, kein eigenes Wesen. Echten Dämonen bin ich nie begegnet, und habe keinen Grund anzunehmen, dass es so etwas gibt.

Beat Schulthess spricht von einem Gefühl der Unfreiheit. Woher kommt dieser Glaube an dunkle Mächte?

Dämonen und Besessenheit kommen im Alten Testament kaum vor. Zur Zeit Jesu waren sie aber eine geläufige Vorstellung, was sich im Neuen Testament spiegelt. Dort werden insbesondere psychische Erkrankungen mit Besessenheit erklärt. Heute kommen Exorzismen in der katholischen Kirche und auch in Freikirchen vor.

Wo sehen Sie Unterschiede?

Der katholische Exorzismus folgt einem vorgegebenen Ritual: Die violette Stola, das Weihwasser und das Kruzifix kombiniert mit lateinischen Gebeten. Im pfingstlich-freikirchlichen Glauben spricht man von Befreiungsdienern. Auch Schulthess bezeichnet sich so. Der Befreiungsdienst ist weniger rituell und folgt keinem vorgegebenen Ablauf. Dafür stellt die freikirchliche Befreiungsszene ein Jekami mit ganz unterschiedlichen Anbietern dar, unter denen Beat Schulthess zu den Seriösesten gehört.

Was macht Schulthess anders?

Ich durfte auch schon einer seiner Befreiungen beiwohnen. Er sieht nicht hinter jedem Problem und in jedem «Klienten» gleich einen Dämon. Er fragt durchaus nach, ob jemand schon bei Psychiatern war und empfiehlt, dass man eine laufende Therapie weiterzieht. Psychische Krankheiten können für ihn auch eine Erklärung für Manifestationen, also Schreie, Zuckungen oder Erbrechen sein.

Seine Gemeinde wächst stetig. Haben Sie eine Erklärung?

Beat Schulthess ist ein hervorragender Menschenkenner. Das ist sicher ein Teil seines Erfolgs. Die Uniform und das damit verbundene positive Image der Heilsarmee verleiht ihm zusätzliche Seriosität. Ausserdem macht ihn seine Auslegung der Bibel zu einem Auffangbecken für viele Menschen, die zum Teil auch von Befreiungsdienern geschädigt sind oder mit anderen Freikirchen unzufrieden waren.

Wie legt Beat Schulthess die Bibel aus?

Gemäss Beat Schulthess können auch Christen von Dämonen befallen sein. Zudem führt er Häuserbefreiungen durch. Das ist im Protestantismus, den eigentlich auch die Heilsarmee vertritt, nicht vorgesehen, sondern passt eher in die Esoterik. Es ist kein Zufall, dass ein Grossteil der Personen, welche in der Schweiz Häuserbefreiungen durchführen, einen esoterischen Hintergrund hat. Schulthess lehnt ansonsten alles Esoterische scharf ab, bei den Häuserbefreiungen macht er aber eine Ausnahme.

Beat Schulthess vertritt auch die Theorie der geistlichen Kampfführung.

Richtig. Das ist eine Theorie, die in den Freikirchen der 1980er- und 1990er-Jahren verbreitet war. Demnach kämpfen in dieser Welt unsichtbar Engel und Dämonen gegeneinander. Und wenn die Christen gemeinsam beten, wird die Armee der Guten gestärkt und das Böse besiegt.

Beat Schulthess mischt sich also einen Religions-Cocktail?

Ja. Schulthess greift auf, was bei seiner Kundschaft einem Bedürfnis entspricht, auch wenn die Lehren aus unterschiedlichen Quellen stammen.

Schulthess bildet Befreier aus. Ist das problematisch?

Nach allem, was wir hören, finden auch Menschen zu dieser Ausbildung, die dann nicht so stark differenzieren können, wie es Beat Schulthess macht. Bezeichnend ist auch, dass seine Ausbildung vom International Seminary of Theology and Leadership zertifiziert ist, einer Schule, die eher an den radikaleren Rand des freikirchlichen Spektrums gehört.
Nächstes Jahr will er auch eine Trauma-Ausbildung anbieten.

Der Umgang mit Traumata ist einer der heikelsten Bereiche der Beratung, der meines Erachtens in die Hände von spezifisch ausgebildeten Spezialistinnen und Spezialisten gehört. Trauma-Therapeuten-Schnellbleichen sehe ich deshalb sehr kritisch.