Axt, Bibel und Bischofsstab – diese Bilder stechen als erstes ins Auge, wenn man durchs Treppenhaus im Zürcher Stadthaus zur gestern eröffneten Ausstellung «Schatten der Reformation» gelangt. Das Thema ist damit lanciert: Die Reformation, deren 500-Jahr-Jubiläum seit gut zwei Jahren immer wieder gefeiert wird und deren Zürcher Jubiläumsjahr 2019 ansteht, war auch gewaltsam. Das, was man heute als religiös motivierten Terror bezeichnen würde, gehörte ebenso dazu wie das, was heute gerne als Vorläufer einer freiheitlich orientierten Aufklärung vereinnahmt wird. Und – darauf legt der Ausstellungsmacher und Historiker Peter Niederhäuser vor allem Wert: Es gab nicht nur Schwarz und Weiss, sondern auch Grautöne. Schatten eben.

Gerade in der Reformationszeit war es durchaus üblich, Glaubensfragen bisweilen mit Gewalt zu regeln. Davon zeugt etwa das Schicksal der Christina Keller. Sie wurde 1520, ein Jahr nach dem Amtsantritt des Reformators Huldrych Zwingli als Grossmünster-Pfarrer, von den Zürcher Ratsherren zum Tod durch Verbrennen verurteilt. Es war eine der ersten Zürcher Hexenverbrennungen. Keller wurde Schaden- und Wetterzauber vorgeworfen, sodann – wie in Hexenprozessen üblich – auch Beischlaf mit dem Teufel, der Ritt auf einem Stecken und Gotteslästerung.

«Ist es Zufall, dass sich um 1520 eine erste Häufung von Hexenprozessen findet?», fragt Niederhäuser mit schwarzen Lettern an der Wand im zweiten Stock des Stadthauses. Darüber hängt das Bild einer Hexenverbrennung in Zürich von 1580. «Bilder aus der Reformationszeit selbst gibt es praktisch nicht», erklärte Niederhäuser beim gestrigen Medienrundgang.

Ein paar Schritte weiter ist das Bild der Ertränkung von Felix Manz in der Limmat zu sehen – und darunter seine Geschichte zu lesen. Manz gehörte zu den frühen Anhängern Zwinglis, wandte sich dann aber der radikaleren Täuferbewegung zu. «Im Vordergrund stand die Suche nach der urchristlichen Gemeinschaft, bald kamen die Ablehnung der Kindertaufe und Kritik an der Obrigkeit hinzu», schreibt Niederhäuser. 1527 verurteilte der Zürcher Rat Manz zum Tod durch Ertränken.

Als Katharina von Zimmen das Fraumünsterkloster übergab

Die Reformation hatte sich damals in Zürich bereits durchgesetzt: Drei Jahre vorher übergab Katharina von Zimmern als letzte Äbtissin des Fraumünsterstifts und damit als letztes vorreformatorisches Stadtoberhaupt das Kloster mitsamt seinen Rechten und Einkünften dem Zürcher Rat.

Das Ertränken von Felix Manz lockte offenbar viel Volk an die Limmatufer. Zumindest ist dies in einer Illustration zur knapp 80 Jahre später entstandenen Abschrift der Reformationschronik des Zwingli-Nachfolgers Heinrich Bullinger so dargestellt.

Den im Zuge des Jubiläums oft beschworenen Mythos von der Reformation als Vorläufer modernen Denkens nimmt die Ausstellung noch mit weiteren Beispielen auseinander. Neben Texten und Bildern setzt sie dabei auch auf Tonaufzeichnungen: So wird dem Besucher etwa über Kopfhörer der Text jener Urkunde vorgelesen, mit dem Katharina von Zimmern das Fraumünsterkloster an die Stadt übergab. Und weil es an Bildern aus der Zeit der Reformation mangelt, liess Niederhäuser comicartige Zeichnungen anfertigen, die das Thema und seine Protagonisten illustrieren.

Mauch und die Äbtissin

Diesen stellt er Videos von heutigen Zeitzeugen gegenüber. In einem davon ist Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch zu sehen. Sie sinniert darüber, dass ihr Amtsbüro im 1901 eröffneten Stadthaus sich ziemlich exakt an der gleichen Stelle befindet, wo Äbtissin von Zimmern vor 500 Jahren noch ihr Prunkzimmer hatte.

Auch Mauch, Zürichs erste Stadtpräsidentin, kann der Versuchung nicht widerstehen, aus der Geschichte einen Bogen zur Gegenwart zu schlagen: Dass die letzte Äbtissin der Stadt das Kloster übergab, um Zürich vor Unruhe und Ungemach zu bewahren, wie es in der Urkunde von 1524 heisst, zeuge von einem anderen Politstil der Frauen, sagt sie im Video. Einem Politstil, bei dem es weniger darum gehe, sich mit Ellbogeneinsatz in den Vordergrund zu drängeln.

Es bleibt unumgänglich: Wer Geschichte aktualisiert, bringt dabei immer auch Interessen der Gegenwart mit ein. Dennoch ist die Ausstellung «Schatten der Reformation» empfehlenswert. Sie bringt ungewohnte Sichtweisen auf eine Zeit, die in Zürich gerade jetzt immer wieder aktualisiert wird.

Die Ausstellung «Schatten der Reformation» im Stadthaus Zürich (Stadthausquai 17) dauert bis 2. März 2019. Sie ist wochentags von 8 bis 18 Uhr und samstags von 8 bis 12 Uhr frei zugänglich.