Zürcher Hochschule
Rektor der Zürcher Hochschule: «Wir wollen nur noch moderat wachsen»

Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) hat eine stürmische Anfangsphase hinter sich. Ein ganzes Sammelsurium ursprünglicher Diplomschulen musste über mehrere Fusionsschritte zu einer Fachhochschule zusammenwachsen.

Alfred Borter
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Jean Marc Piveteau, Rektor der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Jean Marc Piveteau, Rektor der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Alfred Borter

Das war nicht einfach, vor allem auch darum nicht, weil die Gebäude in Winterthur, Zürich und Wädenswil liegen. Ausserdem nahmen die Studierendenzahlen gewaltig zu.

Umfasste die Zürcher Hochschule Winterthur, eine der Vorgängerschulen der ZHAW, vor zehn Jahren noch 2000 Studierende, sind es jetzt beinahe 10 000, nachdem 3200 junge Frauen und Männer diesen Herbst ein Studium neu aufgenommen haben. Und es soll weitergehen mit dem Zuwachs, allerdings in einem gemächlicheren Tempo, wie der seit September amtierende Rektor Jean Marc Piveteau erklärt. Bei 12 000 Studierenden sollte voraussichtlich das Maximum erreicht sein.

Die ZHAW ist in der Schweiz die zweitgrösste Fachhochschule; ihr Einzugsbereich geht weit über den Kanton Zürich hinaus, etwa die Hälfte der Studierenden kommt von ausserhalb. Aus dem Ausland stammen nur gut fünf Prozent der Studierenden.

Ohne Scheuklappen

Auch wenn nun eine ruhigere Gangart angesagt ist, betont Piveteau: «Es ist nicht so, dass nun nichts mehr passiert.» Entwicklungschancen sieht er vor allem im Umstand, dass an der ZHAW bei den unterrichteten Disziplinen eine grosse Bandbreite herrscht. So werden Techniker und Ingenieure ausgebildet, aber auch Gesundheitsfachleute, Managerinnen, Psychologen, was die Möglichkeit der Zusammenarbeit über die Grenzen eines Fachgebiets hinaus eröffnet. «Das hat Zukunft», betont er. «Die verschiedenen Fachleute müssen interdisziplinär enger zusammenarbeiten und Scheuklappen darf es nicht mehr geben.»

So wurde bereits vor rund zwölf Jahren das Winterthurer Institut für Gesundheitsökonomie gegründet, an dem gleichzeitig gesundheits- und wirtschaftswissenschaftliche Themen bearbeitet werden. Auch Medizin und Technik haben Berührungspunkte im Bereich der Medizinaltechnik. Zwei andere Beispiele: die Verquickung von Ergotherapie und Ingenieurwesen oder von Aviatik und Technikwissenschaft. Ganz neu ist der Bachelorstudiengang Energie- und Umwelttechnik. Er soll ab Herbst 2012 Interessierte mit maschinentechnischen und elektrotechnischen Kompetenzen ausstatten, ergänzt um Aspekte der Ökonomie und der nachhaltigen Entwicklung.

Auf den Bedarf ausgerichtet

Piveteau ist es ein Anliegen, dass die Fachhochschule in den Bereichen wächst, wo die Wirtschaft grossen Bedarf angemeldet hat, insbesondere in den Technikwissenschaften. «Die Wirtschaft ist darauf angewiesen, dass wir junge Fachleute ausbilden, die imstande sind, komplexe Problemstellungen zu analysieren und dafür Lösungen zu entwickeln», erläutert er.

Eher bremsen will er hingegen bei der Angewandten Psychologie, bei der Linguistik und beim Gesundheitswesen; aber nicht etwa, weil die Absolventen künftig Gefahr laufen würden, nach der Beendigung des Studiums keine Stelle zu finden, sondern weil er darauf achten will, dass die Qualität der Ausbildung nicht unter zu grossem Andrang leidet.

Ganz wichtig ist die Verbindung zur Wirtschaft. Anders als eine universitäre Hochschule oder die ETH werden die Studierenden sehr praxisorientiert ausgebildet, sodass sie mit einem Bachelor nach Piveteaus Auskunft beste Chancen haben, eine gute Stelle zu finden. An der Universität und der ETH werde ein Bachelor-Abschluss eher als Zwischenstufe auf dem Weg zum Master gesehen.

Gleichwertig, aber andersartig

Piveteau betont, dass die universitären Hochschulen und die Fachhochschulen unterschiedliche Aufgaben haben; Grundlagenforschung etwa betreibt man an einer Fachhochschule nicht. Dennoch gibt es auch Überschneidungen, doch dazu meint er: «Konkurrenz belebt das Geschäft.»
«Wir sind regional verankert», betont er, «aber mit nationaler und, in gewissen Bereichen, internationaler Ausstrahlung.» Und mit Bezug auf die universitären Hochschulen hält er fest, als Fachhochschule sei die ZHAW zwar gemäss den Vorgaben des Bundes gleichwertig, aber andersartig. «Und das ist gut so.»

Erweiterungen nötig

Die ZHAW hat ein Globalbudget und muss sich nach der Decke strecken, doch bisher hat sie jeweils das Wohlwollen der verantwortlichen politischen Gremien erhalten. Bauliche Erweiterungen sieht Piveteau noch im Tössfeld auf dem Sulzerareal. Der Campus Technikumstrasse muss saniert werden, und dazu braucht es Ausweichflächen. Ausbauprojekte gibt es auch in Wädenswil, und dann freut man sich, wenn im Sommer 2013, zusammen mit der Hochschule der Künste, die Departemente Soziale Arbeit und Angewandte Psychologie mit dem Institut für Angewandte Psychologie ins Toni-Areal ziehen können.