Photovoltaik
Rekordverdächtig: In Niederhasli werden biegbare Solarpanels produziert

Am Donnerstag hat Regierungspräsident Ernst Stocker eine Pilotanlage für die industrielle Produktion von flexiblen Solarmodulen in Niederhasli eingeweiht. Damit könnte die Firma Flisom AG einen Siegeszug rund um die Welt antreten.

Cyprian Schnoz
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Die 20-Millionen-Franken-Pilotproduktionsanlage für flexible Photovoltaikfolien ist gestern in Niederhasli eingeweiht worden. Mit dabei Regierungspräsident Ernst Stocker (Dritter von rechts), KRS Jamwal (Tata Group, vorne Mitte) und Ursula Streit (Dritte von links, Investorin).
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Flisom-Produktionsanlageneinweihung

Die 20-Millionen-Franken-Pilotproduktionsanlage für flexible Photovoltaikfolien ist gestern in Niederhasli eingeweiht worden. Mit dabei Regierungspräsident Ernst Stocker (Dritter von rechts), KRS Jamwal (Tata Group, vorne Mitte) und Ursula Streit (Dritte von links, Investorin).

Madeleine Schoder

Die europäische Solarindustrie hat in den letzten Jahren stark unter der asiatischen Konkurrenz mit ihren Billigprodukten gelitten. Zahlreiche Firmen mussten die Waffen strecken.

Die Schweizer Firma Flisom AG (Flexible Solar Modules) tritt dieser Konkurrenz nun mit einer neuen Technologie entgegen: Statt der üblichen Panels, deren Zellen aus kristallinem Silizium hergestellt sind, hat die Dübendorfer Firma gemeinsam mit der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) Dünnschichtsolarzellen entwickelt, die auf einer flexiblen Plastikfolie aufgetragen sind.

Statt Silizium wird eine Kombination von vier anderen Metallen verwendet. Diese Zellen erreichen einen hohen Wirkungsgrad von 20,4 Prozent – was bei dieser Technologie «einen Weltrekord darstellt», wie Empa-Direktor Gian-Luca Bona erklärte. Die flexiblen Panels sind grossindus­triell und kostengünstig herstell- und extrem vielseitig verwendbar.

Ein Milliardenmarkt

Die in einer bisher nirgends erreichten Breite von 1 Meter produzierbaren Solarplastikbahnen können auf bestehende Gebäude aufgebracht – wobei Rundungen kein Hindernis darstellen – oder in Baumaterialien integriert werden. Die Grossflächenmodule weisen die Dimension von 3×1 Meter auf.

Zudem werden die Module in Solarparks, in der Mobilität, in der Rüstungsindustrie sowie in der Luft- und Raumfahrt Einzug halten. Aber auch alltäglichere Verwendungsbereiche bieten sich an: Panels als Kleidungsstücke, Taschen oder Blachen – das Handy-aufladende T-Shirt zum Beispiel oder das Strom produzierende Campingzelt. Man geht von einem Marktpotenzial von mehreren Milliarden Franken aus.

Die gestern Nachmittag von unter anderen Regierungspräsident Ernst Stocker und Staatssekretär für Bildung, Forschung und Innovation, Mauro Dell’Ambrogio, eingeweihte Fabrik an der Gewerbestrasse in Niederhasli ist eine Pilotanlage mit einer Leistung von 15 Megawatt. Später sollen Fabriken mit einer Leistung von über 100 Megawatt gebaut werden.

Der ETH entsprungen

Private Investoren haben über 20 Millionen Franken in die 4500 Quadratmeter grosse Produktionsstätte an der Gewerbestrasse investiert – der Grossteil stammt von einer Schweizer Investorengruppe und vom grossen indischen Industrieunternehmen Tata Group.

Die Firma Flisom, die im Jahr 2005 aus einer Forschungsabteilung der ETH als sogenanntes Spin-off hervorging, ist in Dübendorf im Glatec, dem Technologiezentrum der Empa, ansässig.

In den letzten zwei Jahren ist Flisom von 15 auf 55 Mitarbeitende angewachsen – und sie wachse schnell weiter, wie Professor Ayodhya Tiwari, Verwaltungsratspräsident und wissenschaftlicher Kopf des Start-ups, sagte: «Wir konnten viele Arbeitsplätze schaffen in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit – und wir werden laufend noch viele weitere schaffen.»

Der Zürcher Regierungspräsident Ernst Stocker wies darauf hin, dass der Regierungsrat stolz sei auf «solche Unternehmen wie Flisom AG, die das Risiko auf sich nehmen und grosse Investitionen in zukunftsträchtige Branchen tätigen, die die Gesellschaft weiterbringen». Und das ohne Garantie auf einen wirtschaftlichen Erfolg.

Bessere Leistung mit anderen Elementen

Das A und O der Photovoltaik ist der Wirkungsgrad. Die herkömmliche Photovoltaik basiert auf den Einsatz von Zellen aus Silizium. Der Wirkungsgrad gibt an, wie viel Prozent der Sonnenenergie eine Solarzelle in Strom umwandeln kann. Eine herkömmliche Zelle kommt heute unter Laborbedingungen im besten Fall auf 20,4 Prozent. Ein beachtlicher Wert, doch die Herstellung dieser Zellen benötigt relativ viel Energie und Material, was sich auf die Kosten des Solarstroms niederschlägt. Versuche mit Silizium-Dünnschichtzellen brachten nicht den gewünschten Erfolg, da ihre Produktion noch teurer ist.

Flisom hingegen arbeitet mit Solarzellen der dritten Generation. Dabei wird statt Silizium CIGS als aktives Zellenmaterial verwendet. CIGS: Die Plastikfolie wird mit den Metallen Kupfer, Indium, Gallium und Selenid (CIGS) hauchdünn beschichtet. Das Resultat ist eine biegbare Solarfolie mit einem Wirkungsgrad von ebenfalls 20,4 Prozent. Die Herstellungskosten sind allerdings viel tiefer, weil die Solarfolie im sogenannten Roll-to-Roll-Verfahren produziert werden kann.

Roll-to-Roll: Ähnlich wie im Zeitungsdruck, wo das Papier über Druckwalzen geführt wird, werden die Plastikbahnen der Solarfolie über Rollen geführt, wobei sie mit den genannten Metallen belegt werden. Vereinfacht ausgedrückt: Die Metalle kondensieren auf der Folie, nachdem sie erhitzt worden sind. Laserstrahlen unterteilen die Schicht in Einzelzellen.

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