Zürich als Stadt der Frauen
Reiseführer-Autorin Yvonne-Denise Köchli: «Zürich war immer ein Ort der Emanzipation»

Die Autorin und Verlegerin Yvonne-Denise Köchli hat einen Zürcher Reiseführer aus weiblicher Perspektive verfasst. Sie erklärt, wo der Schweizer Feminismus heute steht

Gabriele Spiller
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In ihrem Verlag an der Zähringerstrasse schrieb Yvonne-Denise Köchli über starke Zürcherinnen.

In ihrem Verlag an der Zähringerstrasse schrieb Yvonne-Denise Köchli über starke Zürcherinnen.

LAB

Ihr neues Buch «Miis Züri» bietet neun Spaziergänge durch die Stadt, die interessanten Frauen gewidmet sind. Welche Biografie hat sie am meisten beeindruckt?

Yvonne-Denise Köchli: Mich beeindruckt vor allem die Fülle von rund 650 Frauen aus Geschichte und Gegenwart, die Zürich mitgeprägt haben und die ich in diesem Buch sichtbar mache. Sie geben mir das Gefühl, dass ich in Zürich in einem Kontinuum von erfolgreichen und kreativen Frauen lebe. Das gibt mir Kraft für meine eigenen Projekte und ich hoffe, dass es meinen Leserinnen genau gleich ergehen wird.

Ist das Buch denn auch für Männer lesenswert?

Natürlich. Für Männer, die Frauen auf Augenhöhe mögen, ist das Buch bestimmt eine Bereicherung. Denn auch sie kennen ja nur die eine Hälfte der Geschichte von Zürich. Nervig finde ich, dass in allen gängigen Zürich-Führern fast immer nur Johanna Spyri als einzige Frau mit ihrem braven Heidi vorkommt. Heidi, diese Projektionsfläche, kümmert sich immer nur um die anderen, um den Grossvater, um Klara, um Peter, um den Doktor. Vielleicht waren wir deshalb so lange ein feministisches Entwicklungsland, weil wir den Heidi-Mythos hatten. Dabei gibt es so herausragende Persönlichkeiten wie Katharina von Zimmern. Die letzte Äbtissin des Fraumünsters war um 1500 die Stadtoberste. Ihr ist es zu verdanken, dass Zürich zur Zeit der Reformation nicht in einen Glaubenskrieg mit viel Blutvergiessen verwickelt wurde.

Könnte sich heute überhaupt noch so eine aussergewöhnliche Frauenbiografie entwickeln, oder hat man nicht die Gleichstellung erreicht?

Das ist ja das Frustrierende: Einerseits ist die Frauenbewegung die erfolgreichste soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts, anderseits haben wir keine Kontinuität in der Frauengeschichte und jede Frauengeneration fängt in vielen Belangen wieder bei null an. Die jungen Frauen von heute kämpfen für alte Themen wie die Lohngleichheit oder die Vereinbarkeit von Kind und Karriere, müssen sich aber zusätzlich mit neuen Themen herumschlagen wie der Pornografisierung des Internets oder dem «Slut Shaming», dem Fertigmachen von Frauen in den sozialen Medien. Als ich 1999 aus dem Journalismus ausstieg, hätte ich nie gedacht, dass es ein Buch wie das meinige 2016 noch braucht. Aber da in den vorhandenen Reiseführern nur 10 oder höchstens 20 Prozent Frauen vorkommen, muss ich mir eingestehen, dass ich mich getäuscht habe.

Und der Einfluss von Frauen in der Schweizer Politik war auch schon einmal grösser.

Wir erleben im Moment einen leisen, fast unbemerkten Rollback. Wir müssen unendlich viel Kraft aufwenden, um überhaupt das Erreichte zu bewahren. Ständig werden uns Debatten aufgedrängt, die unsere Errungenschaften gefährden. Die einzelnen Rückschritte sind zum Teil harmlos, aber in ihrer Fülle erhalten sie etwas Bedrohliches: Wir hatten mal vier Frauen in der Landesregierung, jetzt noch zwei. Das Gleiche gilt für die Stadtregierung von Zürich. Wir hatten jahrelang eine Standesvertreterin in Bern, seit Herbst 2015 keine mehr. Die Anzahl der Frauen im Gemeinderat ist rückläufig. Ebenso die Zahl der Postdoktorierenden an der ETH, und der Professorinnenanteil verharrt bei tiefen 12,8 Prozent. Und eben gerade wurde der Vaterschaftsurlaub abgeschmettert!

Sie waren Journalistin, 2003 gründeten Sie Ihren eigenen Verlag. Die Zahl der Publikationen haben Sie in den letzten Jahren zurückgefahren. Stattdessen bieten Sie Auftragsbiografien, Literaturreisen und Stadtspaziergänge an. Ist das symptomatisch für den gesellschaftlichen Wandel: weniger Bücher und mehr Erleben?

Es stimmt, die Buchverkäufe waren stark rückläufig. Die Biografien, die ich auf Auftrag hin schreibe, und meine Reiseleitung finanzieren die Bücher im regulären Programm, die für mich immer noch eine Herzensangelegenheit sind. Das neue Geschäftsmodell ist eine Konzession an den Zeitgeist. Die Leute wollen heute – wie in der Erlebnisgastronomie – den geführten literarischen Spaziergang machen. Danach kaufen sie vielleicht das Buch. Dabei könnten sie auch das Buch kaufen und den jeweiligen Streifzug auf eigene Faust angehen.

In Ihrem Buchprogramm finde ich drei Linien: eine gesellschaftspolitische, eine feministische und zuletzt Bergkrimis. Sind Letztere am erfolgreichsten?

Nein. Am besten laufen bei mir die aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen. «Dreckloch», das die Debatte über die Verdingkinder und die administrativ Versorgten ergänzte, war recht erfolgreich. Ein Longseller ist «Wie kluge Frauen alt werden» über die Erfahrungen mit dem Älterwerden. Und wenn man es genau betrachtet, ist ja auch «Miis Züri» nicht in erster Linie ein Reiseführer, sondern ein feministisches Narrativ, das einen politischen Anspruch hat.

Sie haben schon früh Autoren, die über die Machenschaften von Sepp Blatter oder die Geldwäscherei in der Schweiz geschrieben haben, eine Plattform gegeben. Heute werden diese Themen durch die Medien gereicht. War das vor zehn Jahren noch Nestbeschmutzung?

Genau. Im Fall Blatter wollten es damals viele noch nicht wahrhaben, was bei der Fifa alles schiefläuft, und wieder anderen war das Buch zu differenziert, da es den Walliser ja nicht nur in seinen Schwächen, sondern auch in seinen Stärken zeigt.

Als Zürich-Kennerin: Welches sind die grössten Herausforderungen für diese Stadt?

Dass sie sich die kreativen Räume erhält. Die Gentrifizierung drängt wie überall auf der Welt in die einstigen Arbeiter- und Künstlerquartiere. Menschen mit viel Fantasie und wenig Geld – darunter viele Frauen – müssen weichen. Doch die Stadt ist gerade für Frauen sehr wichtig. Hier ist vieles möglich, was in der Provinz nicht geht. Zürich war schon immer ein Ort der Emanzipation. Früher kamen ungewollt Schwangere oder ledige Frauen mit Kindern hierher und arbeiteten in der Beiz, zwischen Kellnern und Gelegenheitsprostitution. Das war hart, aber doch eine Befreiung. Aber auch viele Kleinunternehmerinnen und Nischenplayer haben erst in der Stadt zu ihrem Glück gefunden.

Sie sagten einmal: «Feministinnen, die sich Töchter wünschen, bekommen Söhne.» Was haben Sie Ihrem Sohn mitgegeben?

Als unser Sohn für einen zweiten Master nach Oxford ging, war es ihm ganz wichtig, dass ihm seine türkische Ehefrau, eine Anwältin, nicht als blosses Anhängsel folgte, sondern dass sie auch eine gute Anstellung bekam, die ihren Lebenslauf aufwertet. Und er war sehr stolz, als sie in einer der besten Kanzleien von London eine Anstellung fand. Das liess auch mein Herz höher schlagen! Im Sommer kommen die beiden nach Zürich und vielleicht wird sie mit meinem Züri-Buch Deutsch lernen.

Buchvernissage «Miis Züri»

Dienstag, 28. Juni, 18.30 Uhr. Mit Stadtpräsidentin Corine Mauch im Rathaus Zürich, Limmatquai 55. Szenische Lesung und Musik von Vera Kaa.

Stadtführungen

Schreibende Frauen sehen Zürich

23. September/13. Oktober, 17 Uhr. Treffpunkt: Treppe Opernhaus. 35 Franken. Anmeldung: www.xanthippe.ch