Exekutive
Regierungsrat Mario Fehr ist der Minutenmann schlechthin

Er hält einen Schwatz hier, einen dort. Jeder ist etwa eine Minute lang. Dann noch ein schneller Kaffee, schwarz. In einer Minute ist die Tasse leer getrunken. Fehr, der Minutenmann. Er hat für jeden Zeit und versteht es die Leute zu unterhalten.

Thomas Marth
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Regierungsrat Mario Fehr ist in seinem Amt angekommen.

Regierungsrat Mario Fehr ist in seinem Amt angekommen.

Limmattaler Zeitung

Ein Tag im Leben von Regierungsrat Mario Fehr - fast wäre diese Reportage eine sehr kurze geworden. Auf dem Weg zum ersten Termin wird der Sicherheitsdirektor ums Haar von einem Tram der Linie 6 überfahren.

Er spurtet übers Zürcher Central, um die Nase des einfahrenden 6ers herum, weil er unbedingt noch den 3er in Richtung Stauffacher erwischen will. Dieser steht bereits mit geöffneten Türen da. Fehr hat dessen Abfahrzeit, 9.35 Uhr, zuvor via Smartphone in Erfahrung gebracht.

Auf den Einwand, das sei ja nun fast schon gefährlich gewesen, sagt Fehr später im 9.35-Uhr-3er sitzend: «Einer musste ja.» Der Schreibende, der kleinmütig vor dem 6er zurückgeschreckt war und nur deshalb noch mit von der Partie ist, weil der Regierungsrat den Türknopf für ihn gedrückt hielt, fragt sich, ob er nun gerade getadelt wurde.

Gelächter rundum

«Man darf zu einem Anlass, den man vorzeitig verlassen wird, nicht auch noch zu spät kommen», erklärt Fehr die Eile von eben. Und der Vorfall ist vergessen. Das Tempo aber bleibt hoch. Ankunft im Foyer des Volkshauses. Tagung der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos). Fehr ist locker. Er heischt nicht nach Aufmerksamkeit. Wo er sie hat, schüttelt er Hände, plaudert. Nicht wenige der Anwesenden kennt er.

Per du grüsst er einen Journalisten. Dieser glaubt, im Präsidenten der Sozialdirektorenkonferenz, Peter Gomm, eventuell einen Korporal von früher erkannt zu haben. «Das finden wir heraus», sagt Fehr und schon ist man unterwegs in den Saal. Dort spricht Gomm mit anderen Funktionären des Sozialwesens. Er war dieser Korporal. «Ein guter», fügt der Journalist - «nei, würklich» - an. Fehr: «Er sagte, ‹ein guter›, nicht ‹sein bester›.» Gelächter rundum, die Stimmung gelöst.

Präzis gesetzt auch die Auftaktpointe in der Begrüssungsrede. Das Treffen ist ein gesamtschweizerisches, Fehr heisst die Gäste daher auf Französisch willkommen: in «la plus belle ville de la Suisse» - kurze Pause - «alémanique». Gelächter. Die Brücke über den Röstigraben steht.

Die Skos setzt Richtlinien fest, wann und wie viel Sozialhilfe im Einzelfall zu leisten ist. SP-Mann Fehr, wieder auf Deutsch, lobt sie für die geleistete Arbeit, mahnt aber auch an, sich der Diskussion um allfällige Fehlanreize zu stellen. Er ist Pragmatiker.

Espresso statt Alkohol

Zwei weitere Referenten treten auf. Darauf folgt eine Pause, die Fehr nutzt, um sich zu verabschieden. Auf dem Weg hinaus hält er wieder einen Schwatz hier, einen dort. Jeder ist etwa eine Minute lang. Dann noch ein schneller Kaffee, schwarz. In einer Minute ist die Tasse leer getrunken. Fehr, der Minutenmann. Und weiter gehts.

Nächster Programmpunkt: Mittagessen beim Kiwanis Club Zürich-Limmattal im Kloster Fahr. Auf der Fahrt in der Limousine checkt Fehr - nicht das letzte Mal an diesem Tag - sein Smartphone.

Ihn interessiert, wie die Meldung ankommt, dass der Regierungsrat den Rekurs wegen vermeintlich tendenziöser Bebilderung der Hooligan-Vorlage in der Abstimmungszeitung abgelehnt hat. Die Hooligan-Bilder in den Medien seien alle krasser, hält er fest. Im Weiteren stösst er auf die Anzeige eines unbeantworteten privaten Anrufs. Soll er gleich zurückrufen? Kurze Unsicherheit. «So viel Zeit muss sein», sagt er schliesslich. Und lässt es dann doch bleiben.

Bei der Ankunft im Kloster Fahr dann wieder Minutengespräche. Wieder ist Fehr durchwegs locker. Er trinkt noch schnell einen Espresso, dafür lässt er den Alkohol weg. Im Januar ist er jeweils abstinent, sonst trinkt er mässig. Momentan verzichtet er wegen einer Magenverstimmung.

Man nimmt an den Esstischen Platz, Fehr hält seine Rede und beantwortet Fragen. Er spricht von «seiner Polizei»: wie wichtig sie ist, wie gut sie ihren Job macht und dass er sich für mehr Stellen einsetzt. Das Publikum ist auf seiner Seite. Dann ufert er etwas aus. Er referiert stehend vor vollem Teller, bis die Zuhörer fast aufgegessen haben. Doch dann sitzt auch er, und in null Komma nichts ist auch sein Teller leer.

«Nervensäge mit Geltungsdrang»?

«So redet es unentwegt aus ihm heraus», hatte ein Journalist des «Tages-Anzeigers» über ein Treffen mit dem Regierungsratskandidaten Fehr 2011 geschrieben. Geltungsdrang und Oberflächlichkeit wurden ihm attestiert. Fehr hatte als Wahlkämpfer auf Journalisten bis an die Schmerzgrenze einreden können. «Nervensäge», hatte das Verdikt dafür im besagten Artikel gelautet. An diesem Tag ist nichts davon zu spüren. Ob er an sich gearbeitet hat?

Auf der Rückfahrt ist Gelegenheit, Persönliches anzusprechen. «Sie sind ruhiger geworden.» «Meine Frau sagt das auch», entgegnet er. Erinnert er sich an den Schmäh-Artikel? Sofort. «Unfair», sagt er. Und: «Viele der Vorwürfe waren schon damals überholt.»

Eingespieltes PR-Team

Zurück im Kaspar-Escher-Haus unterzeichnet Fehr Dokumente. Dann begibt er sich zu den Bildschirmen auf dem Stehschreibtisch seines Medienchefs Urs Grob, der alsbald dazutritt. Gemeinsam sichten sie Medienberichte und Mails. Man merkt, die zwei harmonieren über Grobs Zuständigkeitsbereich hinaus. Jedenfalls stört es Grob nicht, dass Fehr nun gleich selber Rückfragen und Abklärungen tätigt zu einer Medienanfrage für eine Polizeireportage. Er hat Philosophie und mittelalterliches Latein studiert, sagt der Jurist Fehr später ankennend über Grob.

Sicherheitsdirektor Mario Fehr mit Generalsekretär Hans-Peter Tschäppeler (links) und Kommunikationschef Urs Grob (rechts)

Sicherheitsdirektor Mario Fehr mit Generalsekretär Hans-Peter Tschäppeler (links) und Kommunikationschef Urs Grob (rechts)

Limmattaler Zeitung

Fehr hat den PR-Berater Grob, der vorher bei der Agentur Farner tätig war, bald nach Amtsantritt zu sich geholt. Sie kennen sich aus Adliswil, wo Fehr von 1994 bis 2010 Stadtrat war. Grob sass für die SP im Kantonsrat. Ansonsten hat Fehr keine Kader ausgetauscht. «Da sind so viel Fachwissen und menschliche Qualitäten», sagt er. Und: «Ich habe von meinem Vorgänger eine sehr gut aufgestellte Direktion übernommen.» Sein Vorgänger, das war der Winterthurer CVP-Mann Hans Hollenstein, der im Getümmel der letzten Gesamterneuerungswahl auf der Strecke blieb.

Dalai Lama neben Sepp Blatter

15 Uhr, Sportrapport. Ein eigenes Amt für den Sport gibt es beim Kanton erst seit dem 1. Januar. Fehrs Verdienst. Das Treffen findet in seinem Büro statt. Zu sehen gibt es dort unter anderem selbst geschossene Fotos aus Bhutan, eine Grusskarte vom Dalai Lama - Fehr engagiert sich seit Jahren für Tibet - und einen von Fifa-Chef Sepp Blatter signierten Fussball. Und auch diesen Raum dominiert ein Stehschreibtisch. Es liesse sich absenken, für den Rapport weicht man an einen Nebentisch aus. Das Tempo, mit dem nun die Traktanden abgehakt werden, beeindruckt. Die Teilnehmer sind darauf eingestellt und daher gut vorbereitet - die Stimmung ist entspannt.

Kein Zweifel, Fehr ist als Regierungsrat angekommen. Später auf der Fahrt zu einem weiteren Anlass, an dem er referiert und Fragen beantwortet, bestätigt er diese Einschätzung. Wobei er anfügt, dass er auch seine früheren Tätigkeiten als KV-Präsident und Stadtrat extrem gern ausgeführt habe. Mit Menschen etwas gestalten - das treibe ihn an und befriedige ihn. Locker drauf sei er übrigens auch, weil er keine spätere Karriere auf Bundesebene anstrebe. Bleibt das Zürcher Regierungspräsidium. Aber das stellt sich ja fast automatisch ein. Bei ihm nach derzeitigen Stand 2017, weiss Fehr.