Kirchenvolk gesucht

Reformierte Landeskirche wird neu auch Reiseveranstalter

© Limmattaler Zeitung

Kaum besuchte Gottesdienste, Kirchenaustritte, sinkende Staatsbeiträge: Die reformierte Landeskirche steckt in ernsthaften Schwierigkeiten. Bei der katholischen Kirche im Kanton Zürich ist die Lage weniger dramatisch – dank Migranten.

Die reformierte Kirche ist im Kanton Zürich nur noch in wenigen gesellschaftlichen Milieus fest verankert, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie ergab. Für die Kirche ist dies eine weitere Hiobsbotschaft. Erst vor wenigen Wochen stiess ihr Zürcher Stadtverband einen radikalen Reformprozess an. Von Kirchenvermietungen ist die Rede. Grund: Die Gottesdienste in den 47 Stadtzürcher Kirchen werden an einem durchschnittlichen Sonntag nur noch von 2500 Gläubigen besucht. Das ergibt rund 50 Besucher pro Gottesdienst.

Gleichzeitig schwinden die finanziellen Mittel der reformierten Kirche. Aufgrund des neuen kantonalen Kirchengesetzes bekommt die reformierte Landeskirche vom Kanton künftig pro Jahr nur noch 28 Millionen Franken. Früher waren es 42 Millionen. Gemäss dem neuen Gesetz orientiert sich die Geldverteilung an den Mitgliederzahlen. Und die sind bei den Reformierten deutlich rückläufig: Allein im Jahr 2010 sank die Zahl der Reformierten im Kanton Zürich von 476786 auf 472970. Hauptgrund waren die 4938 Kirchenaustritte, denen nur 627 Eintritte gegenüberstanden.

Dorthin gehen, wo die Menschen sind

Bei den Zürcher Katholiken lag zwar die Zahl der Kirchenaustritte mit 6161 noch höher. Dennoch blieb die Mitgliederzahl mit 387678 stabil. «Das hat mit der Zuwanderung zu tun», erklärt Aschi Rutz, Sprecher der katholischen Kirche im Kanton Zürich. Der Reformdruck ist daher bei den Reformierten höher. Was also tun die Nachfolger Zwinglis, damit ihnen das Kirchenvolk nicht weiter davonläuft?

Schon seit Jahren handelt die reformierte Landeskirche verstärkt nach dem Leitsatz «Kirche am Weg» und versucht, dorthin zu gehen, wo die Menschen sind. Neuerungen wie die gemeinsam mit der katholischen Kirche geführten Andachtsräume im Zürcher Hauptbahnhof, im Einkaufs- und Kulturzentrum Sihlcity, im Flughafen, aber auch die speziell auf Jugendliche ausgerichtete Street Church gehören dazu. «Das sind erfolgreiche, zukunftsträchtige Projekte», sagt Nicolas Mori, Sprecher der evangelisch-reformierten Landeskirche.

Der Trend gehe weiter in Richtung «milieuorientierte Angebote». Wenn die Kirchen am Sonntagmorgen schlecht besucht seien, liege das vielleicht auch am Sonntagmorgen. «Abends mit Hip-Hop, wie die Jugendkirche das macht, sieht es anders aus», so Mori.

Familienferien und Eltern-Kind-Singen

Die neue Kirchenordnung sehe flexiblere Gottesdienst-Gestaltungen vor, sowohl terminlich als auch inhaltlich. Es gehe darum, die Leute einzubeziehen, den Gottesdienst weniger als One-Man-Show zu gestalten und die Bibelauslegung auch an die verschiedenen Milieus anzupassen. Dass dies funktionieren kann, zeigt das Beispiel der auf Jugendliche ausgerichteten Street Church: An deren monatlichen Gottesdiensten in Zürich nahmen laut dem jüngsten Jahresbericht der Landeskirche im Jahr 2010 durchschnittlich gut 250 Personen teil.

Angebote für Familien stossen laut Mori ebenfalls auf guten Anklang. Als Beispiele nennt er Eltern-Kind-Singen oder spielerische Familientage. Um bei Familien weiter zu punkten, bietet die reformierte Landeskirche im Herbst 2012 neu auch Familienferien an.

Aufs Geld schauen

Das Angebot unter dem Titel «Sonne und mehr» richtet sich an Familien, Paare, Singles und Senioren, wie die Kirche auf ihrem Internetportal schreibt. Religiöse Aspekte stehen dabei nicht im Vordergrund: «Wir geniessen die Schöpfung, tauchen ins Meer, aalen uns in der Sonne, lassen es uns an den Buffets schmecken, bewegen uns nach Lust und Laune, und lassen uns auf den einen oder anderen Treffpunkt ein, in dem gesungen, musiziert, gebastelt, gefeiert, diskutiert oder einfach mal etwas Neues ausprobiert wird», heisst es im Werbetext.

Die reformierte Landeskirche diversifiziert. Und sie muss vermehrt aufs Geld schauen: «Das neue Kirchengesetz zwingt uns stärker, Rechenschaft darüber abzulegen, was mit dem Geld passiert, das wir vom Staat erhalten», sagt Mori. Er räumt ein: «Bei den Gemeinden wissen wir zum Teil zu wenig Bescheid und werden vermehrt Erhebungen machen müssen. Wir wissen beispielsweise nicht, wie viele Gebäude wir insgesamt besitzen.»

Kirchen zu vermieten oder sie im äussersten Notfall gar zu verkaufen, sei übrigens vorderhand nur in der Stadt Zürich ein Thema. Und wenn, dann müsse die Neunutzung «mit der Kirche vereinbar sein. Dass wir an Scientology oder einen Discount-Markt vermieten – so weit wird es nicht kommen», sagt Mori. Dafür zeigt sich die katholische Konkurrenz interessiert. Aufgrund von Gottesdiensten der Migranten in ihrer Heimatsprache kann es laut Rutz in einigen Stadtzürcher Pfarreien zu räumlichen Engpässen kommen. «Es könnte durchaus sein, dass wir bei den Reformierten für die Miete einer Kirche anklopfen werden», sagt Rutz.

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