Die reformierte Kirche ist auf dem absteigenden Ast: «In den letzten 50 Jahren hat sie im Kanton Zürich ein Drittel ihrer Mitglieder verloren», sagte Kirchenratspräsident Michel Müller gestern vor den Medien. Gleichzeitig sei die Zahl der Kirchgemeinden in etwa konstant geblieben. Es herrscht also Reformbedarf bei den Reformierten. Zumal die Zürcher Landeskirche der «grösste Geldgeber in allen Gremien des Schweizer Protestantismus» ist, wie Müller betonte.

Abhilfe soll nun die Teilrevision der Kirchenordnung schaffen, über die die Zürcher Reformierten am 23. September abstimmen – gerade rechtzeitig, bevor sich der Amtsantritt des Reformators Huldrych Zwingli in Zürich 2019 zum 500. Mal jährt.
Um den Mitgliederschwund zu stoppen, sollen Taufe, Trauung und Abdankung neu geregelt werden. Also jene Anlässe, bei denen auch die grosse Mehrheit der Passivmitglieder mit ihrer Kirche in Berührung kommt.

Die neue Kirchenordnung hält explizit fest, dass Pfarrerinnen und Pfarrer die Taufe «in begründeten Fällen» auch ausserhalb des Gemeindegottesdienstes vornehmen können. Ebenso dürfen sie eine Trauung auf Wunsch des Brautpaares nun ausdrücklich auch jenseits der Kirchenmauern durchführen – und eine Abdankung ausserhalb der Kirche oder Abdankungskapelle, wenn die Angehörigen dies wünschen.

So können die Passivmitglieder sich aktiver einbringen, wie Kirchenrats-Vizepräsident Marco Bianca sagte. «Das Verhalten hat sich geändert: Man wählt heute zuerst die Location aus, dann schaut man, ob es noch einen Pfarrer in der Nähe gibt», so Bianca weiter. Das gelte auch für Beerdigungen, die statt auf dem Friedhof im Friedwald oder im eigenen Garten stattfänden, zum Teil mit professionellen privaten Ritualbegleitern. Entscheidend sei, dass die Ortswahl im Gespräch mit dem Pfarrer begründet werde. Und dieser habe dafür zu sorgen, dass der jeweilige Anlass seinen christlichen Inhalt behalte.

Die Nachfrage nach speziellen Formen für solche Anlässe sei seit den Nullerjahren gestiegen. Bianca schlug den Bogen zu Zwinglis Reformation: Auch damals sei alles Herkömmliche überdacht worden. Und die Kirche habe dadurch neue Relevanz erlangt.

Anreize für Fusionen

Die Vorlage zur neuen Kirchenordnung enthält noch diverse weitere, zum Teil umstrittene Punkte: So wird neu geregelt, dass einer Gemeinde pro 200 Mitglieder linear zehn Stellenprozente für ein Pfarramt zur Verfügung stehen. Gemeinden mit weniger als 1000 Mitgliedern ist ein Pfarramt mit mindestens 50 Stellenprozent garantiert. Bisher galt, dass Kirchgemeinden ab 1000 Mitgliedern eine volle Pfarrstelle haben und nur jeweils pro 3000 Mitglieder eine weitere volle Pfarrstelle bewilligt wurde, teils ergänzt durch sogenannte Ergänzungspfarrstellen. Kirchgemeinden mit mehr als 2000 Mitgliedern erhalten laut der neuen Kirchenordnung zusätzliche Stellenprozente. Damit solle die bisher bei Gemeindefusionen drohende «Heiratsstrafe» abgeschafft werden, sagte Müller.

Zudem bietet das Reformpapier weitere Anreize für Kirchgemeindefusionen. Die grösste Fusion wird bereits 2019 umgesetzt. Aus den vorher 32 Kirchgemeinden der Stadt Zürich wird neu eine. Sie zählt rund 80 000 Mitgliedern. Zürich wird damit zur schweizweit grössten Kirchgemeinde.

Grössere Kirchgemeinden erhalten mit der neuen Kirchenordnung die Möglichkeit, Kirchgemeindeparlamente zu schaffen. «Ansonsten müsste man für die Kirchgemeindeversammlung der Stadt Zürich das Hallenstadion mieten», sagte Margrit Hugentobler, Finanzkommissions-Präsidentin der reformierten Synode. Ebenso schreibt die neue Kirchenordnung fest, dass grössere Kirchgemeinden Kirchgemeindeschreiber haben können.

Kritiker haben Komitee gebildet

In der Synode, dem Parlament der reformierten Landeskirche, wurde die neue Kirchenordnung mit 71 zu 23 Stimmen angenommen. Im Hinblick auf die kommende Volksabstimmung am 23. September hat sich nun aus der Opposition ein Nein-Komitee gebildet – was bei kirchlichen Abstimmungen eher unüblich ist.

Zu dessen Wortführern zählt der Urdorfer Pfarrer Ivan Walther. Ein wichtiger Grund, die neue Kirchenordnung abzulehnen, sei der Zeitdruck, unter dem sie entstanden sei, sagte er gestern auf Anfrage. «Man wollte sie unbedingt durchbringen, damit sie 2019, im Jahr des Zwingli-Jubiläums, in Kraft tritt. Dabei hätten viele Reformvorhaben mehr Zeit gebraucht.» Als Beispiele nennt Walther die neuen Regelungen für Taufe, Trauung und Abdankung, aber auch den Gemeindefusionsdruck, der mit der neuen Kirchenordnung aufgesetzt werde. Dabei hätten Studien gezeigt, dass Kirchgemeindefusionen vermehrt zu Austritten aus der Kirche führten.

Peter Schmid, Synodaler aus Bäretswil und Koordinator des Nein-Komitees, doppelt nach: «Wir teilen den Glauben des Kirchenrats nicht, dass in grossen Gemeinden die Zukunft liegt. Die Nähe zu den Menschen ist wichtig.» Auch die Neuregelung, wonach Taufe, Trauung und Abdankung ausdrücklich ausserhalb der Kirche stattfinden können, kritisiert Schmid: «Wenn man die Bedeutung des Gottesdiensts mindert, verwischt die reformierte Kirche ihr Profil. Sie lebt auch davon, dass die Gemeindemitglieder im Gottesdienst zusammenkommen.»