Verkehr
Rechts abbiegen bei Rot: Winterthur und Zürich testen velofreundliche Ampeln

Zürcher GLP-Politiker fordern, dass Velofahrer bei Rot rechts abbiegen dürfen. Nun prüft das Bundesamt für Strassen einen möglichen Vorschlag schweizweit.

Lina Giusto
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In Basel an bislang 13 Kreuzungen erlaubt: Das Rechtsabbiegen bei Rot für Velofahrer.

In Basel an bislang 13 Kreuzungen erlaubt: Das Rechtsabbiegen bei Rot für Velofahrer.

Keystone

Velofahrer, die zum Rechtsabbiegen über ein rotes Lichtsignal fahren und dabei von der Polizei ertappt werden, müssen mit einer Ordnungsbusse von 60 Franken rechnen. Sobald Velofahrer eine Kreuzung bei Rotlicht überfahren und es dabei zu einer gefährlichen Situation – andere Verkehrsteilnehmer müssen anhalten, bremsen oder ausweichen – oder einem Unfall kommt, wird der Velofahrer laut Stadtpolizei Zürich verzeigt. Etwas anders ist die Lage im Kanton Basel-Stadt: Bis Dezember 2016 wurde dort während zwei Jahren an insgesamt 13 Standorten das Rechtsabbiegen bei Rot getestet; erfolgreich, wie die Ergebnisse des Amtes für Mobilität zeigen.

Dennoch gibt es auch im Kanton Zürich Bestrebungen, dass Velofahrer an Kreuzungen zügiger vorwärts kommen. Im Rahmen des 2014 abgeschlossenen schweizerischen Forschungsprojektes «Langsamverkehrsfreundliche Lichtsignale» vom Büro für Mobilität wurden an drei Standorten in Zürich velofreundliche Ampeln getestet. «Die Veloampel bei der Kreuzung Kasernen-/Lagerstrasse ist – davon ausgehend dass die Massnahme Eingang in das Schweizerische Strassenverkehrsrecht findet – derzeit noch im Testbetrieb», sagt Martin Guggi von der Dienstabteilung Verkehr der Stadt Zürich. Ihrer Ansicht nach hat sich die Anlage bewährt.

In Winterthur sind laut der dortigen Stadtpolizei Ampeln im Einsatz, die bei Autorückstau reagieren und für Velofahrer auf Grün schalten oder aber den Verkehr zuerst für Velos und dann verzögert für Autolenker freigeben. Solche Anlagen werden in der Stadt Zürich bei der Sihlporte, sowie der Überlandstrasse und der Affolternstrasse in Zürich Nord getestet. Obwohl das Forschungsprojekt als beendet gilt, liegt der Dienstabteilung Verkehr noch kein Schlussbericht des Büros für Mobilität vor.

Keine Unfälle trotz Rotlicht

Weil die Testphase für das Rechtsabbiegen bei Rot im Kanton Basel-Stadt ein Erfolg war, hat man dort in Absprache mit dem Bundesamt für Strassen (Astra) das Veloverkehrsregime an den Pilotkreuzungen bis auf weiteres aufrechterhalten. Die Polizei registrierte an den 13 Kreuzungen, trotz Rechtsabbiegen bei Rot, keine Unfälle. Bei einer Kreuzung mit kombiniertem Fuss- und Veloverkehr sei es jedoch vorgekommen, dass die Velofahrer den Fussgängern den Vortritt nicht gewährten. Laut der Polizei Basel-Stadt bewegte sich dieser Anteil im Promillebereich.

An den Orten, an denen das Rechtsabbiegen bei Rot für Velofahrer erlaubt war, wurden während rund 550 Stunden etwa 40 000 Velofahrer gezählt. Rund 15 Prozent aller Velofahrer, die die besagten Kreuzungen passierten, nutzen die Möglichkeit, bei Rot abzubiegen. An der Kreuzung mit dem Fussgängerverkehr zählte das Amt für Mobilität während 96 Stunden knapp 8500 Velofahrer. Etwa die Hälfte bog bei Rotlicht und Fussgängerverkehr rechts ab.

Verkehrsregime wird geprüft

Noch vergangene Woche erklärte Andreas Hauri, GLP-Kantonsrat und Kandidat für den Zürcher Stadtrat, gegenüber dem «Tages-Anzeiger», er werde voraussichtlich nach den Sommerferien einen Vorstoss nach dem Basler Vorbild im Kantonsrat einreichen. Nun aber hat sich gemäss Hauri die Situation geändert: «Der geplante Vorstoss hätte Druck erzeugen sollen. Solange das Astra aber plant, das Rechtsabbiegen bei Rot für Velofahrer gesamtschweizerisch einzuführen, machen wir keine Eingabe.» Laut Thomas Rohrbach, Sprecher des Astra, habe man den Untersuchungsbericht aus Basel mit Interesse gelesen und sei der Meinung, dass es sich beim Rechtsabbiegen bei Rot um ein berechtigtes Anliegen handle – allerdings nicht für jede erdenkliche Kreuzung.

Für Auto und Motorrad denkbar

«Wir werden deshalb voraussichtlich 2018 den Vorschlag, dass Velofahrer unter bestimmten Bedingungen bei Rot rechts abbiegen dürfen, im Rahmen einer Verordnungsrevision zur Diskussion stellen», so Rohrbach. Dann müsse der Bundesrat über die Einführung befinden – soweit die bekannten Details.

Während Hauri abwartet, wählten erst kürzlich die zwei Stadtzürcher GLP-Gemeinderäte Sven Sobernheim und Shaibal Roy mit dem Idaho-Vorstoss die Vorwärtsstrategie. Sie fordern, was im US-Bundesstaat Idaho seit 1982 erlaubt ist: Velofahrer sollen eine rote Verkehrsampel als Stoppschild behandeln dürfen. Nach kurzem Anhalten und überprüfen der Verkehrssituation sollen sie zufahren können. Zudem sollen Stoppschilder wie Kein-Vortritt-Markierungen behandelt werden.

Das Vorgehen der beiden Lokalpolitiker wertet Hauri nicht als kontraproduktiv: «Andere Länder zeigen bereits, dass dieses Verkehrsregime funktioniert. Paris wendet es an vielen Orten erfolgreich an.» Natürlich gäbe es Strassen, wo solche Verkehrsregeln aus Sicherheitsgründen nicht umsetzbar seien. «Aber an Kreuzungen oder Überlandstrassen, wo es sicher wäre, nach diesen Regeln zu fahren, wäre das Regime auch auf Töff- und Autofahrer erweiterbar», sagt Hauri.