Zürich
«Reben sind zu verhindern»: Wieso die Anwohner Flunterns der Weinbautradition den Rücken kehren wollen

Das Quartier Fluntern in Zürich tut sich schwer damit, seine Weinbautradition wiederzubeleben. Nun hat die Interessengemeinschaft Rebenfrei eine Petition lanciert.

Michel Wenzler
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Anwohner wollen keine Reben

Anwohner wollen keine Reben

Themenbild: Marc Dahinden Bild: Michel Wenzler

Am Himmel zieht ein Mäusebussard Kreise, sein gellender Schrei ist von weit her zu hören. Ansonsten ist es ruhig hier. Die Sonne brennt auf den Zürichberg hinab. Wer kann, hat sich in die Sommerferien verzogen oder spaziert am schattigen Waldrand entlang, vorbei am Hotel Zürichberg und vorbei an einem Feld, auf dem Soja wächst.

Kaum jemand ahnt, dass sich um diesen Landblätz an der Orellistrasse in Zürich Fluntern ein Streit anbahnt. Künftig soll hier nicht mehr Soja wachsen, sondern Reben. Das ist der Wunsch des Quartiervereins Fluntern – und es erinnert an eine Geschichte, die einen Kilometer hangabwärts jahrelang die Gemüter erhitzte.

Dort hatten die Initianten einst eine Wiese unterhalb der Kirche Fluntern als möglichen Rebberg ins Auge gefasst. Die Rebe soll zurück nach Fluntern, fanden die Initianten. Bis in die 1930er-Jahre prägten Rebstöcke das Quartier, doch dann frass sich die Stadt immer mehr den Hang hoch, die landwirtschaftlich bewirtschafteten Flächen wichen. Auch Zunft und Kirche Fluntern standen hinter dem Projekt, die Weinbautradition wiederzubeleben. Doch Anwohner und Naturschützer lehnten sich dagegen auf. Das Bau­rekursgericht gab ihnen nach langem juristischen Hin und Her recht. Es handle sich um eine Magerwiese, auf der es geschützte Tiere und Pflanzen zu erhalten gelte, befand es. Zum Sinnbild des ausgetra­genen Kampfs wurde das Gewöhnliche Widderchen, ein Nachtfalter, der auf der Wiese eine Heimat gefunden hat.

Die Idee für den Rebberg wurde beerdigt – und ist nun weiter oben am Zürichberg neu lanciert worden. Die Stadt hat dort den Initianten das besagte Feld, das sanft gegen Südwesten Richtung See abfällt, in Aussicht gestellt. Es liegt direkt unterhalb des Waldrands, zwischen dem Hotel Zürichberg und mehreren Familiengärten.

Die Pacht wird neu vergeben

Bewirtschaftet wird das Grundstück von einem Landwirt. Ende 2021 läuft der Pachtvertrag aus, der Landwirt zieht sich dann zurück. Die Stadt Zürich, der das Land gehört, wird die Pacht deshalb neu vergeben. Der Quartierverein und die Zunft Fluntern liebäugeln damit, 10 bis 15 Rebreihen auf einem 2000 bis 3000 Quadratmeter grossen Streifen anzulegen. Das entspricht einer Parzelle, die weniger gross als ein halbes Fussballfeld ist und nur einen Bruchteil der ganzen Fläche einnehmen würde.

Die kantonalen Stellen für Naturschutz und Raumplanung hätten keine Einwände gegen einen Rebberg an dieser Lage, schreibt der Quartierverein in einem Brief an seine Mitglieder. Grün Stadt Zürich sehe Potenzial zur Schaffung von Lebensraum für Vögel und Eidechsen. Und der kantonale Rebbaukommissar halte die Fläche für geeignet zum Anbau von Weissweinsorten, nicht aber für Rotweintrauben.

Machen Reben das Landschaftsbild kaputt?

Ein malerischer Weinberg vor der Haustür: In den meisten Gemeinden, wo um den Erhalt von jedem Quadratmeter Rebland gekämpft wird, würde man sich wohl darüber freuen. In Fluntern denken aber einige Anwohner anders. Als die Initianten und Grün Stadt Zürich der Nachbarschaft das Projekt vorstellten, formierte sich Widerstand. Rund 55 Einzelpersonen seien dagegen, sagt Anwohner Cédric Guhl. Im Namen der Interessengemeinschaft IG Rebenfrei hat er eine Petition lanciert, die letztlich gut 25 Personen unterschrieben haben. Sie richtet sich an den zuständigen Stadtrat Richard Wolff (AL). Er soll dafür sorgen, dass die betroffene Freihaltezone im heutigen Erscheinungsbild erhalten bleibt. Ins­besondere Reben seien zu verhindern, lautet die zentrale Forderung.

Guhl, der derzeit in der Weinregion Burgund in den Ferien weilt, hat nichts gegen Reben. Ihm geht es um das Landschaftsbild. «Das Anpflanzen von Reben würde die freie offene Landschaft zerstückeln und zu einem Flickenteppich verunstalten», sagt er. Reben würden nicht an den Waldrand passen. «Hier oben hat es – anders als weiter unten in Fluntern – noch nie Reben gegeben.» Weinstöcke würden deshalb in diesem Gebiet als Fremdkörper wirken, sagt der pensionierte Architekt und Stadtplaner, der als Professor für Städtebau in den USA gelehrt hat.

Guhl glaubt zudem, dass die Reben in dieser Höhenlage – das Land befindet sich rund 630 Meter über Meer – nicht gut gedeihen würden. «Der Wein dürfte hier oben ziemlich sauer werden.» Dass am Zürichberg eine Gruppe Freiwilliger einen Rebberg bewirtschaften und einen Zunftwein produzieren will, bezeichnet Guhl überdies als reines Partikularinteresse. «Das geschieht zu Ungunsten der gesamten Stadtbevölkerung, die hier Erholung sucht», sagt er.

Auf Gift würde beim Weinbau verzichtet

Die Antwort des Stadtrats auf die Petition, welche die IG wenige Tage vor den Sommerferien eingereicht hat, steht noch aus. Vom Widerstand, der sich seit einiger Zeit ankündigt, weiss indessen auch Martin Schneider, Präsident des Quartiervereins Fluntern. Der Verein wolle auf die Sorgen und die Kritik der Anwohner eingehen, sagt er. Unter anderem verweist er darauf, dass Experten ja genau geprüft hätten, ob der Standort für den Weinbau geeignet sei. «Ihrem Urteil kann man vertrauen.»

Die Befürchtung, die Reben würden eine offene Landschaft zerstören, teilt Schneider nicht. Schliesslich würden nur auf einem kleinen Teil des Grundstücks Rebstöcke angebaut. Die offene Landschaft bleibe dadurch erhalten – sofern sie denn überhaupt bestehe. Denn daran hat Schneider gewisse Zweifel. Wenn etwa Mais auf dem Feld wachse, der meterhoch wird, sei dies viel weniger der Fall.

Bestimmend für das Landschaftsbild seien überdies die benachbarten Familiengärten. «Die Rebstöcke würden gleich an die Schrebergärten anschliessen. Sie wären eine Weiterentwicklung und würden gut ins Bild passen», sagt Schneider, der selbst Architekt ist. Eine vergleichbare Entwicklung hin zu Kulturland sieht er auf den Wiesen unterhalb des benachbarten Hotels Zürichberg. Dort sind neu Obstbäume vorgesehen. «Die Umgebung wandelt sich auch dort. Von einer offenen Landschaft kann man deshalb nicht reden.»

Eine Sorge, die in der Petition nicht erwähnt wird, betrifft das Gift, das in den Reben verspritzt werden könnte. Schneider weiss, dass dies einige Anwohner beschäftigt, er findet die Ängste aber unbegründet. Denn Gift werde am Zürichberg nicht zum Einsatz kommen. Zum einen schreibt die Stadt den Initianten pilzresistente Sorten vor, die nicht mit Pestiziden gespritzt werden müssen. Zum anderen werden die Pächter zu ökologischem Anbau verpflichtet. Jene Substanzen, die gegebenenfalls doch verwendet werden, müssen somit umweltverträglich sein.

Und noch ein Punkt mag den einen oder anderen Anwohner am ruhigen Zürichberg beschäftigen: Lärm. Es werde nicht mehr Lärm entstehen, als die landwirtschaftliche Bewirtschaftung des Gebiets schon heute verursache, versichert der Präsident des Quartiervereins.

Jetzt, im Sommer, tendiert der Lärmpegel gegen null: Zu hören sind höchstens ein paar Spaziergänger und Biker im nahen Wald. Vielleicht ist es die Ruhe vor dem Sturm.