Sexsalons

Reale Existenzängste der Prostituierten an der Langstrasse

Die Hohlstrasse 30 (weiss) im Langstrassen-Quartier, wo die Prostituierten ausziehen mussten, weil es neue Wohnungen gibt. Heinz Diener

Die Hohlstrasse 30 (weiss) im Langstrassen-Quartier, wo die Prostituierten ausziehen mussten, weil es neue Wohnungen gibt. Heinz Diener

Die Prostituierten an der Langstrasse bangen um ihre wirtschaftliche Existenz. Die Boxen sind erst seit Ende August in Betrieb. Und Kritiker sehen sich angesichts der Anlaufschwierigkeiten bereits in ihren negativen Vorhersagen bestätigt.

Eine Heilsarmee-Frau, welche die Wiedereröffnung des Strassenstrichs an der Langstrasse fordert: Vermutlich lag es an dieser ungewöhnlichen Kombination, dass der Leserbrief von Claudia Zürrer Ritter, veröffentlicht diese Woche im «Tages-Anzeiger», eine heftige Kontroverse auslöste. Kommt dazu, dass diese Forderung den Erfolg der neuen Sexboxen in Altstetten ernsthaft infrage stellen würde.

Die Boxen sind erst seit Ende August in Betrieb. Und Kritiker sehen sich angesichts der Anlaufschwierigkeiten bereits in ihren negativen Vorhersagen bestätigt. Zum Konzept der Sexboxen gehört zwingend, dass es – abgesehen von wenigen Ausnahmen – keinen Strassenstrich in der Stadt mehr geben soll.

Wunden Punkt getroffen

Die Forderung der Heilsarmee-Frauen ist allerdings weder neu noch einzigartig. Auch die FIZ, Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration, und andere erheben sie schon lange. Beide argumentieren, ein legaler Strassenstrich erleichtere den Frauen die Arbeitsbedingungen.

Sie würden so weniger in die Illegalität abgetrieben. So oder so trifft die Leserbriefschreiberin, die in die Ferien abgetaucht und nicht mehr erreichbar ist, mit ihrer Beschreibung der Szene einen wunden Punkt: Bei den Langstrasse-Prostituierten herrsche Stress, Aufregung und Verzweiflung. Die Frauen würden von Existenzsorgen geplagt, weil sie mehr und mehr aus ihren Wohnungen verdrängt und die Salons, in denen sie arbeiteten, geschlossen würden.

Zürrer weiss, wovon die spricht. Zusammen mit zwei Heilsarmee-Kolleginnen betreibt sie im Quartier eine Anlaufstelle für Sexarbeiterinnen. Ihre Kollegin, Christine Hauri, ebenfalls langjährige Heilsarmeeangehörige, pflichtet ihrer Chefin vorbehaltlos bei: «Seit Monaten ist die Hektik und Not dieser Frauen gross.» Wenn sie aus ihren Wohnungen irgendwo an den Rand der Stadt vertrieben würden, werde ihre Situation noch schlechter, weil dort jegliche Kontrolle wegfalle.

Bei Rolf Vieli, dem einstigen Mister Langstrasse, nun in Pension, kommen die Klagen der Heilsarmee-Frauen nicht gut an. Diese hätten nur die Einzelinteressen eines kleinen Teils der Prostituierten im Blick. «Das ist eine verengte Sichtweise, die die Interessen der im Quartier lebenden Familien und Kinder ausblendet.»

Der ehemalige Angestellte des Polizeidepartements erinnert daran, wie sehr das Quartier bis vor wenigen Jahren unter der Prostitution mit ihren negativen Folgeerscheinungen litt. «Das Rotlicht-Milieu wird jetzt zum Teil glorifiziert, die unhaltbaren Zustände in den 1990er-Jahren scheinen vergessen.»

Schon früher hätten die Sexarbeiterinnen unter Wohnungspreisen gelitten, die im Verhältnis zum Ausbaustandard massiv überteuert gewesen seien. Vieli betont: «Wir haben schon damals das Milieu während Jahren auf die illegale Situation im Langstrassenquartier hingewiesen.» Einige Salons hätten reagiert und ihre Aktivitäten allmählich zum Beispiel nach Oerlikon oder Altstetten verlegt. Andere hätten die Warnungen ignoriert und seien an der Langstrasse geblieben. Ein Teil von ihnen komme nun mit den alten und neuen gesetzlichen Vorgaben in Konflikt.

Die Stunde der Wahrheit

Massgebend sind die Bau- und Zonenordnung (BZO) sowie die Prostitutionsgewerbeverordnung (PGVO). Die BZO-Bestimmungen gelten schon seit 12 Jahren. Gemäss ihnen ist die Prostitution überall verboten, wo der Wohnanteil über 50 Prozent liegt. Im Langstrassenquartier und in vielen anderen Stadtgebieten ist Prostitution somit illegal.

Allerdings hat die Stadt im letzten Jahrzehnt beide Augen zugedrückt. Die PGVO ist erst seit Anfang Jahr in Kraft. Wer einen Sexsalon eröffnen will, braucht dafür eine Bewilligung (ausgenommen sind Etablissements mit maximal zwei Angestellten). Auflagen wie Arbeitsbewilligungen und Hygienevorschriften müssen erfüllt sein.

Beim Inkrafttreten der PGVO hat die Stadt laut Martina Vogel, Sprecherin des Hochbaudepartementes, alle ihr bekannten Sexsalons angeschrieben und sie auf die neue Bewilligungspflicht aufmerksam gemacht. Brisant ist, dass gleichzeitig auch überprüft werden soll, ob bei den Etablissements auch die BZO-Vorschriften eingehalten werden. Absehbar ist, dass dies grösstenteils nicht der Fall sein wird, die Salons also dichtmachen müssen.

Die Überprüfung soll bis Ende Jahr abgeschlossen sein, sagt der Sprecher des Polizeidepartementes, Reto Casanova. So lange dauert die PGVO-Übergangsfrist. Da Rekurse gegen Negativentscheide möglich sind, werden die Salons nicht so rasch verschwinden.

Aber der Druck auf sie und die Frauen, die dort arbeiten, steigt. Der Prozess ist längst im Gang im Langstrasse-Quartier. Häuser wie der Block an der Hohlstrasse 30, wo Sexarbeiterinnen einquartiert waren, werden umgebaut. «Normale» Mieter sollen einziehen. Für die Prostituierten bleibt somit weniger Platz. Die Klage der Heilsarmee-Frauen hat also eine reale Grundlage.

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