Zürich

Radon: Viele Zürcher Schulräume sind zu stark vom radioaktiven Element belastet

Die höchste Radonkonzentration wurde in einem Raum für Werken im Dübendorfer Schulhaus Wil gemessen.

Die höchste Radonkonzentration wurde in einem Raum für Werken im Dübendorfer Schulhaus Wil gemessen.

Die elf am stärksten belasteten Räume müssen innert drei Jahren saniert werden. Die weiteren in 10 und 30 Jahren.

200 bis 300 Todesfälle pro Jahr werden in der Schweiz auf radonbedingten Lungenkrebs zurückgeführt. Damit ist Radon nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs. Um die Radonbelastung möglichst tief zu halten, gibt es Werte, die nicht überschritten werden dürfen.

Ein erster Zwischenbericht zu laufenden Radonmessungen im Kanton Zürich zeigt: Ums Siebenfache überschreitet die aktuell höchste Radonkonzentration, die im Kanton in einem Kindergarten oder Schulhaus gemessen wurde, den Referenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m3). In einem Werkraum im Schulhaus Dorf in Dübendorf lag die Radonkonzentration bei 2183 Bq/m3. Der zweithöchste Wert wird bislang in Schlieren gemessen. Im Präsentationszimmer des 1900 erstellten Schulhauses Grabenstrasse liegt die Konzentration bei 1528 Bq/m3.

Der Referenzwert gilt nur dann, wenn sich in einem Raum eine Person während mindestens 15 Stunden pro Woche aufhält. Das ist eine Vorgabe des Bundes. Bei Konzentrationen von mehr als 300 Bq/m3 müssen – abhängig von der Höhe des Wertes und der Aufenthaltsdauer – Sanierungsmassnahmen innert 3, 10 oder 30 Jahren getroffen werden.

Der Werkraum im Dübendorfer Schulhaus Dorf und das Präsentationszimmer im Schlieremer Schulhaus Grabenstrasse müssen innert drei Jahren saniert werden. Innerhalb derselben Frist müssen – Stand heute – acht weitere Schulhäuser Massnahmen gegen das radioaktive Edelgas treffen. Die Primarschule in Elgg trifft es gleich doppelt. Sie muss zwei Musikzimmer sanieren. Gemessen wurden hier 1238 respektive 1109 Bq/m3.

Nach dem Massstab des Bundes halten sich die Elgger Schülerinnen und Schüler in den Musikzimmern immerhin bloss kurz auf, also 15 bis 30 Stunden pro Woche.

Anders sieht es im Schulhaus Wil in Dübendorf aus. Hier wurde in einem Zimmer, in dem die Kinder mehr als 30 Stunden pro Woche verbringen, ein Wert von 1034 Bq/m3 festgestellt.

Dieser Zeitung liegen, gestützt auf das Öffentlichkeitsprinzip, die Daten zu Messungen in mehr als 3400 Zürcher Schul- und Kindergartenräumen vor. Sie verteilen sich auf rund 800 Gebäude. Drei Prozent der gemessenen Radonkonzentrationen liegen über dem Referenzwert und machen eine Sanierung nötig.

Betroffen ist in etwa jedes zehnte Gebäude. Abgesehen von den zehn Liegenschaften mit der kürzesten Frist von 3 Jahren, beträgt die Sanierungsfrist bei 32 Gebäuden 10 Jahre und bei weiteren 31 Schul- und Kindergartenliegenschaften 30 Jahre. Saniert werden müssen nicht die ganzen Schulhäuser und Kindergärten, sondern lediglich die betroffenen Räume. In den nächsten Jahren werden weitere dazukommen, da die Messungen mindestens bis Ende 2022 laufen.

Das Risiko einer Erkrankung ist klein

Radon ist ein natürliches radioaktives Edelgas, das im Untergrund vorhanden ist. Beim Aufstieg in die Atmosphäre kann es durch undichte Fundamente in Gebäude gelangen und sich dort anreichern. Über die Atmung gelangt das Gas dann in die Lunge. «Wir müssen erhöhte Radonkonzentrationen ernst nehmen», sagt denn auch Nadia Vogel, die Leiterin der Sektion Strahlung beim Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel). Immerhin stammen durchschnittlich 55 Prozent der mittleren persönlichen Strahlenbelastung in der Schweiz vom Radon in Gebäuden. Mehr als doppelt so viel wie medizinische Anwendungen, wie zum Beispiel Computertomografie (24 Prozent).

Sanierungsfristen von mindestens 3 Jahren sind für Eltern von Kindergärtlern und Schülerinnen nicht unbedingt beruhigend. Die betreffenden Räume sind unter Umständen erst saniert, wenn die Kinder das Schulhaus bereits wieder verlassen haben.

Nadia Vogel zeigt Verständnis für die möglichen Bedenken von Eltern. Sie sagt aber: «Die Hauptsache ist, dass wir die Konzentrationen kennen. Dann können wir auch etwas dagegen unternehmen.»

Und die Strahlenexpertin beruhigt: «Das Risiko, später an Lungenkrebs zu erkranken, bleibt trotz der erhöhten Radonkonzentration sehr klein.» Schliesslich würden sich die Kinder nicht dauerhaft in den betreffenden Räumen aufhalten. Vielmehr gehe es um einen sehr kleinen Teil des gesamten Lebens.

Vogel macht ein Zahlenbeispiel: Rund 0,4 Prozent betrage das Grundrisiko von Nichtrauchern, bis zum Lebensalter von 75 Jahren an Lungenkrebs zu erkranken. Im Vergleich dazu gehen Raucher ein ungleich höheres Risiko von 10 Prozent ein. Ist ein Nichtraucher über 30 Jahre dauerhaft einer Radonkonzentration von 1000 Bq/m3 ausgesetzt, steigt sein Risiko auf rund 1 Prozent.

Räume müssen nicht gesperrt werden

Unabhängig davon können Schulgemeinden auch Sofortmassnahmen treffen. Laut Vogel hilft es, die betreffenden Räume gut zu lüften. Im schlimmsten Fall kann man die belasteten Räume auch für den Unterricht sperren. «Aufgrund der aktuell vorliegenden Messwerte und Aufenthaltsdauern scheint mir das aber nirgends notwendig», sagt Vogel.

Was die Strahlenexpertin hingegen propagiert, sind Messungen zu Hause. Dort halte man sich oft deutlich länger auf. Wie in den Schulhäusern stehen Räume im Untergeschoss, Parterre und allenfalls im ersten Obergeschoss im Vordergrund. Für eine private Messung muss man laut Vogel mit 80 bis 100 Franken rechnen, die Auswertung inbegriffen. Man platziert ein Radondosimeter für mindestens drei Monate im Winter – besser sogar ein ganzes Jahr im betreffenden Raum. Zugelassene Dosimeter kann man bei einer Messstelle beziehen.

Erhöhte Radonkonzentrationen können durch verschiedene Massnahmen gesenkt werden. Diese reichen von besserer Raumdurchlüftung bis zu baulichen Anpassungen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1