Gerade das Beispiel Winterthur müsste ihn eigentlich umstimmen. In nicht weniger als 10 von 35 Winterthurer Schulanlagen und Kindergärten wurde nämlich vor zwei Jahren bei Messungen der Radon-Referenzwert von 300 Becquerel pro Kubikmeter (Bq/m³) überschritten. Wie erst jetzt bekannt wird, sah man sich zwischenzeitlich offenbar gezwungen, die betroffenen Gebäude zu sanieren. Und das, obschon der aktuelle Grenzwert derzeit noch bei 1000 Bq/m³ liegt – und rechtlich gesehen nur dann eine Sanierungspflicht besteht.

Doch der Entscheid der Winterthurer Behörden kommt nicht von ungefähr. Denn schon vor über sechs Jahren haben Studien der Weltgesundheitsorganisation WHO und mehrerer europäischer Staaten belegt, dass in Innenräumen bereits bei einer Radonkonzentration ab 100 Bq/m3 eine Gesundheitsgefährdung besteht. Aufgrund des Aktionsplanes des Bundes «Radon 2012 bis 2020» ist zudem bekannt, dass der Staat sobald als möglich den bisherigen Grenzwert in Wohn- und Aufenthaltsräumen durch den Referenzwert von 300 Bq/m3 ersetzen will. Vielleicht bereits 2016. Denn das radioaktive Radongas verursacht laut den Hochrechnungen des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) in der Schweiz bis zu 300 Todesfälle pro Jahr – und ist nach dem Rauchen die wichtigste Ursache für Lungenkrebs (siehe Kasten rechts).

Aargau mass in allen Schulen

«Weil Kinder besonders empfindlich auf ionisierende Strahlung reagieren, empfiehlt der Bund den Kantonen, in allen Schulhäusern und Kindergärten Radonmessungen durchzuführen», sagt Christophe Murith, Sektionschef Radiologische Risiken beim BAG. Der Kanton Aargau habe dies bereits vor fünf Jahren getan und die entsprechenden Sanierungen längst umgesetzt. Doch der Kanton Zürich winkt ab. «Angesichts der generell geringen Belastung im Kanton Zürich wäre es aus unserer Sicht unverhältnismässig, die sehr aufwendigen Messungen in allen Schulen und Kindergärten durchzuführen», sagt Wolfgang Bollack von der Zürcher Baudirektion. «Stimmt nicht», meint dagegen Otto Brändli, Arzt und Präsident der Schweizerischen Lungenstiftung. «Weder sind die Messungen aufwendig, noch kann man generell von einer geringen Belastung im Kanton Zürich sprechen.» Angesichts der Tragweite «sind wir es unseren Kindern schlicht schuldig, dass solche Messungen in allen Schulen durchgeführt werden.» Doch dem Bund sind die Hände gebunden. «Wir können die Kantone nicht zu Kontrollen verpflichten», heisst es beim BAG. Um so mehr dürften künftig private Vermieter gefordert sein. Denn aufgrund des neuen Referenzwertes wird sich die Zahl potenzieller Sanierungsfälle vervielfachen.  

Ablagerung an Staubpartikeln

Radon ist ein im Erdreich produziertes natürliches radioaktives Edelgas. Beim Zerfall von Uran entsteht unter anderem Radium und daraus Radon. Ra-
donatome können weiter zerfallen: Daraus entstehen Polonium, Wismuth und Blei. Diese sogenannten Radonfolgeprodukte sind auch radioaktiv und schweben in der Atemluft. In Innenräumen lagern sie sich an Staubpartikeln und feinsten Schwebeteilchen ab. Diese können beim Einatmen in die Lunge geraten, sich auf dem Lungengewebe ablagern und dieses bestrahlen. Das kann schliesslich nach Jahren oder Jahrzehnten zu Lungenkrebs führen. Man kann sich aber mit baulichen Massnahmen vor Radon schützen. Es ist dabei zu beachten, dass energetische Sanierungen von Häusern unter Umständen eine Erhöhung der Radonkonzentration zur Folge haben können. Für Radon gilt generell: Kein Haus gleicht dem andern. Nur eine Messung mit Dosimetern gibt Aufschluss.