Die Säkularisierung kommt langsam an ihre Grenzen», sagt Fabian Wildenauer überzeugt. Bei Schicksalsschlägen sei der Mensch nach wie vor auf sich selber zurückgeworfen. Die Religion werde wieder wichtiger, glaubt Wildenauer und fragt sich: «Wer gibt Antworten, wenn es keine Pfarrer mehr gibt?»

Wildenauer ist nicht etwa Theologiestudent, sondern arbeitet in der Immobilienbranche. In den letzten Jahren fragte sich der 39-Jährige aber zunehmend, was für ihn in einer Gesellschaft eigentlich wirklich wichtig ist und was er dazu beitragen kann. Mit seiner Frau Karola hat er nun den Pfarrberuf ins Auge gefasst: «Die Entscheidung ist langsam gereift.»

Das Ehepaar aus Gockhausen hat sich für das Quereinsteigerstudium Quest beworben. Im Herbst startet der erste Studiengang dieser verkürzten Ausbildung zum reformierten Pfarrer. Das Studium dauert berufsbegleitend vier Jahre und wird von den Deutschschweizer Kirchen (ohne Bern) und den theologischen Fakultäten der Universitäten Zürich und Basel angeboten. Es richtet sich an Menschen mit einem akademischen Abschluss, die zwischen 30 und 50 Jahre alt sind. «Das Interesse an Quest ist sehr gross», sagt Matthias Bachmann, Leiter von Quest, erfreut. «Wie viele sich dann aber tatsächlich anmelden, können wir natürlich noch nicht sagen.»
Quest ist nötig, weil der Pfarrmangel in der Deutschschweiz in den nächsten Jahren akut wird. «Ab 2020 werden wir pro Jahr vierzig bis siebzig Pfarrer pensionieren», sagt Bachmann. In der regulären Ausbildung befinden sich aber pro Jahrgang lediglich etwa zwanzig angehende Pfarrer. Auch erreiche man mit Quest eine andere Zielgruppe: «Das Interesse am Pfarrberuf nimmt vor allem bei Menschen ab 45 zu.» Wird man also Pfarrer, um die Midlife-Crisis zu überwinden? So möchte es Bachmann nicht nennen: «Die Leute wollen noch einmal etwas Neues anpacken oder haben gemerkt, dass das Leben spirituell noch mehr zu bieten hat.»

Die Quest-Studenten werden einen Grossteil ihrer Kurse und auch das Lernvikariat mit den Theologiestudenten der Universitäten Zürich und Basel besuchen. Dass es zu Rivalitäten zwischen den beiden Studiengängen kommt, glaubt Bachmann allerdings nicht. «Man darf die beiden natürlich nicht gegeneinander ausspielen.» Im deutschen Marburg, wo es ein ähnliches Angebot gibt, habe man gute Erfahrungen gemacht, und die unterschiedlichen Studenten hätten voneinander profitiert.

Zudem seien die Anforderungen für den Quest-Studiengang recht hoch, sagt Bachmann weiter. So ist ein Universitätsabschluss nötig. «Die Bewerber verfügen also bereits über akademische Erfahrung.» Sie wüssten bereits, wie man ein Studium effektiv gestaltet, und bringen viele Grundkenntnisse mit. Auch das helfe, dass sich die Theologiestudenten mit ihrem mindestens fünfjährigen Vollzeitstudium nicht benachteiligt sähen.

Quest hat dreissig Ausbildungsplätze zu vergeben. Die Kandidaten werden mit einem Aufnahmegespräch und einem Assessment ausgewählt. Belastbarkeit und Konfliktfähigkeit werden geprüft. «Das ist nicht nur in unserem Interesse, sondern auch in jenem der Kandidaten», sagt Bachmann. «Wir wollen nicht jemanden ausbilden, der gar nicht recht weiss, worauf er sich einlässt und im schlimmsten Fall erst am Ende des Studiums merkt, dass ihm der Beruf gar nichts sagt.»

Wildenauer derweil hofft, dass er und seine Frau bei Quest einen Platz bekommen werden, und freut sich nach den Jahren in der Arbeitswelt auf die erneute Studienzeit. Und auch die Reaktionen aus seinem Umfeld seien überwiegend positiv: «Du und Pfarrer, sagten mir viele, das passt!»