Interview

Provinzial Christian Rutishauser: «Vertieftes Wissen bleibt im Buch»

Christian Rutishauser, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz: "Gerade für diejenigen, die mit dem Gottesdienst nicht mehr viel anfangen können, sondern durch die Vernunft begründen möchten, warum sie Christen sind, ist unsere Bibliothek da."

Christian Rutishauser, Provinzial der Jesuiten in der Schweiz: "Gerade für diejenigen, die mit dem Gottesdienst nicht mehr viel anfangen können, sondern durch die Vernunft begründen möchten, warum sie Christen sind, ist unsere Bibliothek da."

Am 1. März öffnet in Zürich die Jesuitenbibliothek ihre Türen. Der Provinzial der Jesuiten in der Schweiz, Christian Rutishauser, erklärt, was die Bibliothek ausmacht und wieso es sie auch im Zeitalter der Digitalisierung noch braucht.

Warum braucht Zürich noch eine Bibliothek?

Christian Rutishauser: Zur Ergänzung. Das Verhältnis von Religion und säkularer Gesellschaft ist hochaktuell. Bei dieser Schnittstelle haben wir die Sprache verloren. Die säkulare Gesellschaft muss sich neu mit Religion und Glauben auseinandersetzen. Und die Kirchen müssen ihre Sprache neu finden. Zudem haben wir einen Schatz, der einen Teil der intellektuellen Geschichte der Stadt Zürich spiegelt.

Was zeichnet die Jesuitenbibliothek aus im Vergleich zu ähnlichen Bibliotheken?

Speziell ist die Ordensgeschichte, die Jesuitica. Wir setzen auch auf nichteuropäische Kultur und interreligiösen Dialog. Auch wollen wir einen nahen Kontakt zwischen Lesern, Bibliotheksbenutzern und Personal. Durch die Bibliothek wollen wir ein Netzwerk schaffen. Eine Demokratie funktioniert nur durch eine gute Zivilgesellschaft, und die Bibliothek ist ein Element dazu.

Warum setzen Sie trotz Digitalisierung noch auf Bücher?

Weil es um Bildung und Begegnung geht. Miteinander lesen, das bildet den Menschen im klassischen Sinn. Wir Jesuiten sehen die Bildung als Persönlichkeitsbildung vom Menschen und nicht nur als Wissensvermittlung. Die Diskussion darüber, dass es das Buch nicht mehr geben wird, ist viel warme Luft. Bildung durch Bücher und Literatur hat Zukunft. Dennoch sind wir natürlich nicht reaktionär eingestellt gegenüber dem Digitalen. Wir schliessen uns etwa dem Bibliothekskatalog Nebis an.

Warum braucht es noch ein physisch präsentes Buch?

Informationen werden wir uns digital holen. Aber eine tiefere Reflexion und vertieftes Wissen bleiben im Buch.

Was bringt die Bibliothek dem Jesuitenorden?

Sie gehört zu unserem Auftrag. Wir haben kein Kloster oder beten für die Welt, sondern engagieren uns in Gebieten wie der Universitätsseelsorge oder der Bibliothek. Wir haben Glauben und Bildung zu verbinden. Religion ohne Bildung ist gefährlich. Sie führt zu Aberglauben oder Fundamentalismus. Wir bieten eine Dienstleistung für Kirchen und die Öffentlichkeit. Gerade für diejenigen, die mit dem Gottesdienst nicht mehr viel anfangen können, sondern durch die Vernunft begründen möchten, warum sie Christen sind, ist unsere Bibliothek da.

Sie möchten die kritischen Zweifler ansprechen?

Ich höre oft, bei uns könne man über religiöse Fragen reden wie fast nirgends mehr. Auf der einen Seite sind die Fakultäten, die sich akademisch damit befassen. Auf der anderen Seite sind die Frommen, wo man zuerst ein Glaubensbekenntnis ablegen muss, bevor man über solche Fragen spricht. Wir stehen dazwischen. Wir wollen reflektieren und Fragen stellen zum Glauben. Ein Christentum für Wiedereinsteiger zum Beispiel. Die meisten schämen sich, dass sie keinen Schimmer mehr haben, was das Christentum betrifft. Hier wollen wir einen öffentlichen Diskurs anregen. Denn Religion ist keine Privatangelegenheit, sondern ein Kulturphänomen.

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