1. Mai
Protestgesang am Tag der Arbeit aus dem Opernhaus

Hinter den Kulissen des Zürcher Opernhauses rumort es. Und am 1. Mai wird aus dem Rumoren Gesang: Mitglieder des Opernhauschores wollen an der Grosskundgebung zum Tag der Arbeit in Zürich einen musikalischen Beitrag darbieten.

Matthias Scharrer
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Vor den Kulissen läuft im Opernhaus Zürich derzeit die russische Oper «Fürst Igor» (im Bild) – hinter den Kulissen rumort es. KEYSTONE/Walter Bieri

Vor den Kulissen läuft im Opernhaus Zürich derzeit die russische Oper «Fürst Igor» (im Bild) – hinter den Kulissen rumort es. KEYSTONE/Walter Bieri

Hintergrund ist der «rücksichtslose Umgang mit Künstlerinnen und Künstlern am Opernhaus Zürich», wie es in einer Mitteilung des Schweizerischen Bühnenkünstlerverbands (SBKV) heisst. Das weltweite Renommee des Opernhauses gehe einher mit einem «chaotischen, oft unbarmherzigen Arbeitsregime», kritisiert Hannes Steiger vom SKBV.

Strafverfahren wegen Ohrenschaden

Die Kritikpunkte im Einzelnen: «Mit beunruhigender Regelmässigkeit kommt es am Opernhaus immer wieder zu schweren Arbeitsunfällen, teilweise mit Dauerschäden und Invalidisierung betroffener Künstlerinnen und Künstler», erklärt Steiger. Eine externe Abklärung der Prozessabläufe habe einen «alarmierenden Befund» erbracht. Doch geändert habe sich nichts. Nun laufe ein Strafverfahren gegen das Opernhaus.

Laut Rechtsanwalt Ernst Brem, der die Geschädigten vertritt, geht es um Gehörschäden, die durch Einsatz von Lautsprechern zur Simulation von Schüssen, Glockenschlägen und Donner verursacht wurden. «Dabei wurden nach Auffassung der Geschädigten Suva-Richtlinien nicht immer eingehalten», sagt Brem.

Otto Grosskopf, kaufmännischer Direktor des Opernhauses, bestätigt, dass es in den letzten Jahren einzelne Fälle von Gehörschäden bei Opernhaus-Musikern gab. «Es ist aber fraglich, ob es sich dabei um Berufskrankheit oder Unfälle handelte.» Er betont: «Wir lagen weit unter den Limiten, die die Suva vorschreibt. Jetzt sind wir in Verhandlung mit der Suva zur Frage, ob man allenfalls die Limiten senken müsste.»

Vertragliche Abmachungen werden nicht ernst genommen

Ein weiterer Kritikpunkt Steigers: Vertragliche Abmachungen nimmt das Opernhaus «nicht immer so ernst». So habe eine Künstlerin mit fest vereinbartem Jahreslohn im Februar ohne Vorankündigung plötzlich keinen Lohn mehr erhalten, obwohl ihr Vertrag eigentlich bis Ende Juli laufe – bloss weil es dem Opernhaus offenbar schwergefallen sei, die geplante Anzahl Auftritte zu organisieren.

Aus Sicht der Opernhaus-Leitung sieht der Fall anders aus: «Die Künstlerin wollte an einem anderen Ort singen und kommt deshalb nicht mehr auf die vereinbarten 15 Abende. Wir mussten ihre Rolle anders besetzen und kürzten deshalb ihr Gehalt», sagt Grosskopf.

Misstöne im Opernhaus

Ausserdem liess das Opernhaus laut Steiger in den letzten zwei Jahren die Verträge von rund der Hälfte der Balletttänzer auslaufen. Hintergrund ist der Abgang von Ballett-Chef Heinz Spoerli. Betroffen seien mehr als 20 Personen.

«Das ist bei Direktionswechseln gang und gäbe», sagt dazu Grosskopf, «auch wenn es für die Betroffenen hart ist. Aber man weiss das, wenn man diesen Beruf ergreift.»

Für Misstöne im Opernhaus sorgt laut Steiger auch die Kompensation von Sonntagseinsätzen. Grosskopf bestätigt, dass beim Personal Unmut darüber herrscht, dass der freie Sonntagmorgen als zusätzlicher freier Halbtag angesehen wird. Er verweist aber auch darauf, dass das Personal dafür sieben Wochen Ferien habe.

GAV-Verhandlungen laufen

Hintergrund der kritisierten Missstände ist gemäss Steiger zum einen der generell schlechte Arbeitsmarkt für Künstler. Stars streichen zwar vereinzelt hohe Gagen ein. Doch die breite Masse der Tänzer und Sänger am Opernhaus Zürich, hoch qualifizierte Leute, müsse sich mit Bruttolöhnen zwischen 4000 und gut 7000 Franken begnügen. Damit zahle das Opernhaus für Schweizer Verhältnisse Spitzenlöhne.

Aber das Opernhaus sei ein staatlich hoch subventioniertes Haus. «Da muss es selbstverständlich sein, die Leute gut zu behandeln.» Verhandlungen für einen neuen nationalen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) auch für Angestellte des Opernhauses sind seit langem anberaumt. Am 2. Mai soll eine weitere Runde stattfinden. «Ich hoffe, sie wird nicht wieder abgesagt», sagt Steiger.