Was war das für ein Aufamten in Eglisau, als die Zürcher Regierung im Januar 2012 auf Antrag von Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) die Pläne auf Eis legte, in Eglisau ein Durchgangszentrum für Asylbewerber zu bauen. Das Erstaunen war damals aber allseits gross, hatten die zuständigen Sicherheitsdirektoren doch im jahrelangen Seilziehen mit den Gegnern immer wieder behauptet, der Bau sei absolut unverzichtbar. Die Eglisauer, unter Führung von Gemeindepräsidentin Ursula Fehr (SVP), bekämpften das Projekt hartnäckig, bissen aber lange auf Granit. Zuerst bei Regierungsrat Hans Hollenstein (CVP) und später vorerst auch bei Nachfolger Mario Fehr. Geplant war ein Zentrum mit 120 Plätzen auf einem kantonalen Landstück inmitten eines neuen Wohnquartiers an der Rheinsfelderstrasse in Bahnhofsnähe. Ringsum wurden Wohnungen hochgezogen.

Um nicht schwächlich zu wirken, deklarierte die Regierung ihr Nachgeben als nur provisorisch. «Der Kanton behält sich ausdrücklich vor, auf das Projekt zurückzukommen», steht im Regierungsbeschluss vom 18. Januar 2012. Schon damals gab es Politiker wie FDP-Fraktionschef Thomas Vogel, welche die Taktik der Regierung durchschauten und ahnten, dass diese nur den Schein wahren wollte. Sicherheitsdirektor Fehr hielt aber eisern an der Wortwahl der Regierung fest.

Übervolle Durchgangszentren

Und heute? Hätte die Regierung nicht spätestens im vergangenen Jahr, als der Flüchtlingsstrom anschwoll und den Kanton Zürich an die Grenze der Aufnahmekapazität brachte, das Projekt Eglisau reaktivieren müssen? In der Schaltzentrale der Sicherheitsdirektion tat sich aber nichts dergleichen. Der Standort war nie mehr ein Thema. Auch nicht im letzten November, als Fehr vor die Medien trat und bekannt gab, dass die kantonalen Durchgangszentren übervoll sind. Seither sah sich Fehr gezwungen, neue Durchgangszentren und Zivilschutzanlagen zu öffnen.

Kommt die Regierung angesichts der grossen Nachfrage, die noch Jahre anhalten könnte, noch einmal auf Eglisau zurück? Nein, sagt Fehr auf Anfrage: «Es gibt keinerlei Pläne, das Projekt Eglisau wieder zu beleben.» Er begründet dies mit dem neuen Asylregime des Bundes, das beschleunigte Verfahren bringen und damit die Platznachfrage dämpfen soll. Der Kanton Zürich wird Standort von drei Bundeszentren mit 870 Plätzen, wovon zwei Zentren – in Zürich und in Embrach – schon feststehen.

Fehr räumt ein, dass in den Durchgangszentren derzeit Platznot herrsche: «Sie sind stark belastet, doch die Asylzahlen sind tendenziell rückläufig.» Er beruft sich auf Zahlen, wonach Anfang November schweizweit 500 Flüchtlinge ins Land reisten. Anfang Dezember waren es noch 150 und aktuell 60 bis 70. In den 21 kantonalen Durchgangszentren stehen derzeit 2200 Plätze zur Verfügung. «Zukünftige Nachfragespitzen können wir mit Plätzen in Zivilschutzanlagen auffangen», glaubt Fehr. Wird die Regierung demnächst also den provisorischen Verzichtsbeschluss zu Eglisau durch einen definitiven ersetzen? «Das ist kein Thema», sagt Fehr. Präzisieren will er dies nicht.

Erneute Frohbotschaft

Für seine Namensvetterin, die Eglisauer Gemeindepräsidentin Ursula Fehr, ist diese definitiv klingende Verzichtserklärung eine erneute Frohbotschaft. «Ich bin sehr froh, dass Herr Fehr bei seinem Entscheid bleibt», sagt sie und lobt ihn für «seinen Mut und seine Einsicht». Überrascht ist sie aber nicht wirklich. Denn schon 2012 gehörte sie zu jenen, die ahnten, dass hier ein Rückzug auf Raten stattfindet. Sie habe es vermieden, allzu sehr zu triumphieren, um niemanden zu provozieren, erzählt sie. Statt zu provozieren, tat sie eher das Gegenteil. Sie zeigte sich gegenüber der Sicherheitsdirektion betont dienstfertig und pflichtbewusst. So kam aus Eglisau kein Murren, als der Kanton kürzlich die höhere Asyl-Aufnahmequoten (0,7 statt 0,5 Prozent der Bevölkerung) für die Gemeinden anordnete. 35 Asylbewerber statt 25 muss Eglisau unterbringen.

Wie erklärt sich Ursula Fehr rückblickend, dass der von ihr angeführte Widerstand erfolgreich war? «Ich glaube, man hat gespürt, dass ich nicht nur Prinzipien herunterbetete, sondern dass ich der heiligen Überzeugung war, dass dieses Zentrum am falschen Ort stehen würde.»

Geholfen hat ihr auch die Finanzlage: Der Kanton wollte auf der Wiese ursprünglich eine provisorische Containersiedlung aufstellen, die weniger als drei Millionen Franken gekostet hätte. Dagegen lief die Gemeinde Sturm. Sie verweigerte die Baubewilligung mit dem Argument, so etwas Schäbiges passe nicht ins Wohngebiet. Vor Gericht kam sie durch. Die Baurekurskommission schmetterte 2008 den Rekurs des Kantons ab. Ein ästhetisch ansprechender Bau hätte rund fünf Millionen gekostet. «Angesichts der Finanzlage ist es derzeit nicht angezeigt, das (...) Projekt zu verwirklichen (...)», schrieb die Regierung im Januar 2012.

Eine Landreserve

Bleibt die Frage, was mit dem kantonalen Grundstück an der Rheinsfelderstrasse geschieht. Es werde nicht verkauft, sondern diene als Reserve für einen möglichen Landabtausch, heisst es auf Anfrage bei der Baudirektion. Gemeindepräsidentin Fehr fällt aktuell auch kein Verwendungszweck ein. Vor zwei Jahren sei in der Gemeinde einmal die Idee herumgegeistert, das Grundstück als Spielplatz zu nutzen. Sie versandete aber. Mutmasslicher Grund: Man wollte beim Kanton keine schlafenden Hunde wecken.