Diese Fortsetzung der unendlichen Geschichte zum Fall Mörgeli kommt nicht unerwartet, aber spät: Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen die Medizinhistorikerin Iris Ritzmann erhoben. Sie soll einem Journalisten des «Tages-Anzeigers» geheime Informationen zugespielt und damit das Amtsgeheimnis mehrfach verletzt haben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt schon seit November 2012 gegen Ritzmann und ihren Ehepartner Eberhard Wolff. Die Unileitung hatte das Paar, das zusammen mit Christoph Mörgeli am Medizinhistorischen Institut (MHIZ) arbeitete, angezeigt und es gleichzeitig freigestellt. Ritzmann wurde ein Jahr später, Ende Oktober 2013, von der Uni entlassen, worauf sich ein Proteststurm der Professoren erhob.

Wolff darf wieder an die Uni

Gegen Wolff hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren nun eingestellt, wie sie gestern mitteilte. Offenbar fand der mit der Untersuchung beauftragte Staatsanwalt Andrej Gnehm, Mitglied der SVP, bei ihm keine hinreichenden Verdachtsmomente. Wolff darf deshalb wieder an der Uni Zürich arbeiten, wie Nathalie Huber von der Uni-Medienstelle auf Anfrage sagte, und zwar zu vergleichbaren Bedingungen. Zuvor arbeitete Wolff als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Lehrbeauftragter am MHIZ. Wo genau er wieder eingesetzt wird, sei noch offen.

Zufrieden ist Wolff deshalb noch lange nicht. Er findet, die Einstellung des Verfahrens komme viel zu spät. Er überlege sich deshalb rechtliche Schritte gegen Gnehm. Der Staatsanwalt zog den Zorn des Ehepaars auch deshalb auf sich, weil er im November 2012 in aller Herrgottsfrühe eine Hausdurchsuchung anordnete. Dabei kam rund ein Dutzend Polizisten zum Einsatz. Unter den Augen der beiden Töchter wurde das Ehepaar verhaftet.

Im Gegensatz zu ihrem Mann muss sich Ritzmann nun vor dem Bezirksgericht verantworten. Konkret wirft ihr der Staatsanwalt unter anderem vor, sie habe dem Journalisten zwei vertrauliche Berichte zugänglich gemacht.

Erstens den Bericht der Expertengruppe um den Stuttgarter Professor Robert Jütte, den Mörgelis damaliger neuer Chef, Flurin Condrau, bestellt hatte. Die Experten evaluierten die Sammlung des MHIZ und berichteten von fragwürdig aufbewahrten Wasserleichen und menschlichen Knochen, die Staub und Ungeziefer ausgesetzt seien. Beim zweiten Bericht handelt es sich um den Akademischen Bericht 2011 des MHIZ-Instituts, der nicht für die Öffentlichkeit freigegeben war, weil Condrau darin Mörgeli kritisiert. Dessen Ausstellung sei fehlerhaft, veraltet und museologisch überholt. Weiter wirft der Staatsanwalt Ritzmann vor, dem Journalisten Passwörter für diverse geschützte Uni-Datenbanken verraten zu haben. Sie habe ihm zudem per Mail Informationen über Sitzungen betreffend Mörgeli und weitere Informationen zugespielt.

Froh, dass es weitergeht

Ritzmann zeigte sich gestern auf Anfrage erstaunt und befremdet über diese «Ausweitung der Anklage». Ursprünglich hätten nur die beiden Berichte dazugehört. Sie bestreitet, dem Journalisten vertrauliche Informationen zugespielt zu haben. Dass es nun zur Anklage kommt, findet Ritzmann nicht nur schlecht: «Ich bin froh, dass nun endlich Richter über diesen Fall urteilen.» Die Warterei sei zermürbend. Sie erhalte im Übrigen immer noch kein Arbeitslosengeld, weil die Uni von einer selbst verschuldeten Kündigung spreche. Ursprünglich forderte die Unileitung von Ritzmann Lohn zurück, verzichtet aber nach heftiger Kritik später darauf.

In einem weiteren Anklagepunkt stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren sowohl gegen Ritzmann als auch gegen Wolff ein: Die Zeitung «Der Sonntag» machte Mörgelis Entlassung bekannt, bevor diese vom Unirektor ausgesprochen worden war. Den beiden Beschuldigten hätten aber keine Kontakte zum betreffenden Journalisten nachgewiesen werden können, schreibt die Staatsanwaltschaft. Das Verfahren gegen unbekannt läuft aber weiter. Die «Weltwoche» behauptet seit Wochen, der Chef des Hochschulamtes, Sebastian Brändli, habe dem Journalisten diese Information gesteckt. Brändli bestreitet den Vorwurf. Er habe mit dem Zeitungsmann zwar Kontakt gehabt, diesen aber nur von der Story abbringen wollen.