Seit März sind die Baubewilligungsbehörden der Stadt Zürich grosszügiger mit Firmen, die sich auf den begehrten Industrie- und Gewerbezonen ansiedeln wollen. Sie müssen nur noch einen Produktionsanteil von 33 Prozent an der Gesamtfläche ausweisen. Unter bestimmten Umständen reicht sogar ein tieferer Wert. Die bisherige Regelung, schon seit 1963 in Kraft, verlangte hingegen einen Produktions-Anteil von 55 Prozent. «Wir mussten viele Firmen abweisen und hatten entsprechend zahlreiche Rekurse», sagt Urs Spinner, Sekretär des städtischen Hochbaudepartements.

Mit der neuen Regel will die Stadt Zürich dem Strukturwandel Rechnung tragen. Die klassischen Betriebe der Industrie- und Gewerbezonen wie etwa Druckereien, Metallwerke oder Schreinereien mit sehr hohem Produktionsanteil sind zahlenmässig rückläufig. An ihre Stelle treten zunehmend Firmen, die zwar immer noch physische Güter herstellen, aber dafür nicht mehr so viel Platz brauchen. Sie beschränkten sich beispielsweise auf Prototypen, Forschung und Entwicklung oder betreiben nur einen Showroom. Firmen aus den Bereichen High- und Cleantech gehören dazu. Der zulässige Flächenanteil für nichtproduzierende Arbeiten wie Administration oder Marketing lag vor der Regeländerung bei knappen 45 Prozent. Neu liegt er bei zwei Dritteln und kann in Spezialfällen auch höher sein.

Neuer Firmenmix

Die neue Praxis leiste einen wichtigen Beitrag zum Ziel des Stadtrates, den Werkplatz Zürich mit zusätzlichen innovativen Betrieben zu ergänzen und damit neue Arbeitsplätze für Hochqualifizierte zu schaffen, schreibt die Stadt in ihrer Mitteilung. Industrie- und Gewerbezonen sind bei Firmen beliebt, weil die Landpreise tiefer liegen als etwa in Wohnzonen und höhere Emissionen (Lärm, Geruch etc.) zulässig sind. Weil der Druck für andere Nutzungen gross war, schrumpften die Flächen für die Industrie und das Gewerbe in den letzten Jahrzehnten massiv. Die Stadt gab mit verschiedenen Bau- und Zonenordnungen (BZO) Gegensteuer. Erstes prominentes Beispiel ist die «BZO Koch» von Stadträtin Ursula Koch (SP) von 1992, die aber nie in Kraft treten konnte und vom damaligen Baudirektor Hans Hofmann (SVP) durch die provisorische «BZ Hofmann» ersetzt wurde.

Die aktuelle BZO 2016 enthält explizit das Ziel, die verbleibenden Flächen der Industrie- und Gewerbezone für das produzierende Gewerbe zu schützen. Die «Bedrohung» kam und kommt vom finanzstarken Handels-Dienstleistungsbereich, dessen Wertschöpfung meist viel höher ist als jener der Produktionsbetriebe. Auch sie dürfen sich in Industrie- und Gewerbezonen niederlassen, sofern sie gewisse Produktions-Auflagen erfüllen.

Die Stadt wollte nicht vollständig verzichten auf einen Mindest-Produktionsanteil in der Industrie- und Gewerbezone. So gehen Betriebe, die ausschliesslich digitale Güter wie Finanzprodukte oder Computerspiele herstellen, nicht als Produktionsbetriebe durch. «Die Industrie- und Gewerbezonen sollen primär für wirtschaftliche Aktivitäten zur Verfügung stehen, die anderswo in der Stadt keinen oder nur schwer Platz finden», begründet Spinner die Auflage. Allerdings macht es die Stadt den Unternehmen relativ leicht, die neuen Regeln zu erfüllen. Um auf den verlangten Produktions-Drittel zu kommen werden auch Lagerflächen angerechnet, die direkt mit der Produktion in Zusammenhang stehen. Etwa Lager für Rohstoffe, welche für die Herstellung der Güter nötig sind.

Empfehlung von «Infras»

Mit der bereits praktizierten Regeländerung, die sich laut Spinner in der Praxis noch bewähren muss, folgt Zürich weitgehend den Empfehlungen des Planungsbüros Infras. Bei diesem hatte das Hochbaudepartement eine Expertise bestellt. Im Vergleich mit anderen Städten und Gemeinden bestätigte sich dabei, dass der Strukturwandel auf den Industrie- und Gewerbezonen überall stattfindet und eine «Liberalisierung» der Produktionsvorschriften auch andernorts ein Thema ist.

Die Planer von Infras beurteilen die alte Vorschrift – mindestens 55 Prozent Produktion – als «vergleichsweise restriktiv» und «nicht mehr zeitgemäss». Sie passe für klassische Industrie- und Gewerbebetriebe. Im Gefolge der Globalisierung und der Frankenstärke hätten aber viele Firmen ihre Produktion ganz oder teilweise ausgelagert und sich auf Verwaltung, Marketing, Forschung und Entwicklung, Prototypen und Showrooms fokussiert. Deshalb passten sie nicht mehr ins alte Schema.