Owen McCall packt die halbakustische Gitarre aus, stellt den Mikrofonständer auf und stöpselt das Gitarren- und das Mikrofonkabel in seinen tragbaren Verstärker. Reisende mit Rollkoffern eilen schubweise vorbei, alle paar Minuten eine Zugladung. Es ist Hochsaison am Flughafen Zürich. Die Sommerferien haben begonnen.

McCall schrummt ein paar Akkorde und fängt an zu singen. Er ist einer von drei Musikern, die in der Passerelle auf dem Weg vom Flughafen-Bahnhof zu den Check-in-Schaltern spielen dürfen. Manche der vorbeieilenden Rollkoffer-Reisenden heben kurz den Kopf und blicken prüfend in den Hut für die Kollekte. Er ist noch leer. Es dauert ein paar Minuten, bis einer der Reisenden Münzen hervorklaubt, in den Hut wirft und McCall kurz zulächelt, um dann Richtung Check-in zu verschwinden.

Das ist der Moment, auf den McCall gewartet hat: «Ich fange immer mit dem gleichen Lied an, das ist so eine Art Ritual», sagt der Kanadier zwischen zwei Songs. «Wenn dann bald jemand etwas Geld gibt, weiss ich: Es wird gut.» Und wenn nicht? «Dann probiere ich einfach neues Song-Material aus.»

Das Spielen in der Flughafen-Passerelle sei dafür ideal: «Du hast zwei Sekunden Zeit, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu kriegen. So merkst Du schnell, ob ein Song funktioniert oder nicht.» Der Auftrittsort Flughafen sei für ihn nicht zuletzt eine Art öffentlicher Übungsraum; zudem eine gute Gelegenheit, um Leute kennenzulernen und so an weitere Auftritte zu gelangen.

Flughafen-Musiker OwenMcCall

Flughafenmusiker OwenMcCall singt über "das Leben".

Aus Liebe in die Schweiz gezogen

Er sei nicht in erster Linie wegen des Geldes als Musiker am Flughafen, sagt der 27-Jährige beim Kaffee in der «Bye-Bye-Bar». Rund 100 Franken nehme er mit einem zweistündigen Auftritt am Flughafen ein, manchmal mehr, manchmal weniger. Wichtiger sei für ihn das Networking und das Liedertesten, so der Singer-Songwriter.

McCall studiert internationales Recht an der Universität St. Gallen und hat einen Studentenjob an der ETH Zürich; zudem verdient er sein Geld damit, anderen zu helfen, Texte auf Englisch herauszugeben und macht Marketing für ein Zürcher Start-Up-Unternehmen.

Doch das Musizieren war seit der Kindheit Teil seines Lebens: Sein Vater spielte Gitarre; später war Owen McCall Strassenmusiker in seiner Heimatstadt Vancouver sowie in London und Brighton, wo er eine Weile als Koch arbeitete. Immer wieder hat und hatte er auch Auftritte in Bars und Klubs sowie an privaten Anlässen; vor zwei Jahren spielte er zudem am Songbird-Festival in Davos.

Nachdem er als Tourguide in den Rocky Mountains seine Schweizer Freundin kennen gelernt hatte, zog er in die Schweiz. Er wollte auch hier auf das «Busking», die Strassenmusik, nicht verzichten. Doch McCall musste feststellen, dass dies in Städten wie Zürich, wo er nun wohnt, und Winterthur streng reglementiert ist. So ist elektrisch verstärkte Musik etwa in Zürich auch in den wenigen Zonen verboten, wo Strassenmusik ansonsten erlaubt ist. Aufs Mikrofon wollte Owen McCall jedoch nicht verzichten. «Der Gesang ist entscheidend», sagt er. «Ich habe es noch nie erlebt, dass das Publikum einem Strassenmusiker fasziniert auf die Finger geschaut hat. Mit der Stimme erreichst Du die Menschen.» Und seine eher tiefe Stimme verliere sich ohne Verstärker auf offenen Plätzen schnell.

Flughafen-Musiker OwenMcCall

Flughafenmusiker OwenMcCall in seinem Element.

«Soulful Rock’n’Roll»

Seine Freundin gab ihm den Tipp, sich beim Flughafen zu melden; ein Panflötist und ein klassischer Gitarrist gehören in der Passerelle zum Check-in seit vielen Jahren gleichsam zum Inventar. McCall bekam einen Termin zum Vorsingen bei einer Flughafen-Mitarbeiterin. Er hatte Glück: Die Dame war schnell überzeugt. So erhielt er vor zwei Jahren die vom Flughafen auf drei Musiker limitierte Erlaubnis, in der Passerelle aufzutreten.

«Pro Tag gibt es zwei Slots», erklärt McCall: einen vom Morgen bis nachmittags um zwei Uhr und einen von zwei Uhr bis spätabends. McCall greift jeweils dienstags, donnerstags und samstags gegen Abend am Flughafen in die Saiten und singt dazu.
Seine Musik umschreibt er als «soulful Rock’n’Roll». Neben McCalls eigenen Liedern zählen auch Klassiker von Bob Dylan, Otis Redding oder Tracy Chapman dazu.

«Ich mag Ehrlichkeit in der Musik», sagt der Singer-Songwriter. «Roher Gesang, rohe Lyrik, nichts Gekünsteltes.» Seine CDs hat er denn auch zu Hause aufgenommen und verkauft die selbstgebrannten Silberlinge handbeschriftet. Auf die Frage nach dem Preis kommt die klassische Antwort des Strassenmusikers: «Was immer es Ihnen wert ist.»