Tabuthema Suizid
Prix Courage-Nominierung dank Mut zur Offenheit

Petra und Bruno Zürcher sind für den Prix Courage nominiert. Wie offen sie mit dem Suizid ihrer Tochter Mirjam umgehen, hat die Jury beeindruckt

Alexander Lanner
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Nach dem Tod ihrer Tochter haben Petra und Bruno Zürcher gemeinsam in ihr eigenes Leben zurückgefunden. Sibylle Meier

Nach dem Tod ihrer Tochter haben Petra und Bruno Zürcher gemeinsam in ihr eigenes Leben zurückgefunden. Sibylle Meier

Dem Mutigen gehört die Welt, sagt eine Volksweisheit. Petra und Bruno Zürcher sind der Beweis dafür, dass dieser Satz mehr beinhaltet als nur schöne Worte. Die beiden haben trotz einem schweren Schicksalsschlag wieder den Lebensmut gefunden, in dieser Welt eine Zukunft zu sehen. Vor bald elf Jahren hat sich ihre ältere Tochter Mirjam das Leben genommen. Am Abend des 9. Dezember 2004 hat sich die damals knapp
19-Jährige einige hundert Meter von ihrem Zuhause in Buchs vor einen Zug gestellt. «Im ersten Moment glaubt man nicht daran, dass man jemals über diesen Verlust hinwegkommt», sagt Petra Zürcher.

Winzige Schritte vorwärts

Die Journalistin und der pensionierte Betriebsorganisator sind für den Prix Courage 2015 des Magazins «Beobachter» nominiert – nicht alleine dafür, dass sie den steinigen Weg zurück ins Leben gefunden haben, sondern für ihre offene Art, wie sie mit dem Tabuthema Suizid und dem Tod des eigenen Kindes umgehen. Petra Zürcher ist im Verein Regenbogen Schweiz – eine Selbsthilfevereinigung von verwaisten Eltern – für die Medienarbeit verantwortlich. Auf den Verein sind sie und ihr Mann bei der Suche nach einer Austauschmöglichkeit mit Gleichbetroffenen gestossen.

«Wir haben dort festgestellt, wie wichtig für frisch Betroffene die Erfahrung ist, dass es für sie auch nach einem solchen Schicksalsschlag eine Zukunft gibt. Auch wenn im Moment die eigene Existenz komplett infrage gestellt ist», sagt Petra Zürcher. Aus diesem Grund war ihnen ein offener Umgang mit dem Tod ihrer Tochter von Anfang an wichtig. «Was geschehen ist, kann ich nicht verschweigen. Das wäre sonst so, als ob ich die Existenz von Mirjam verschweigen würde», sagt Petra Zürcher. Und ihr Mann ergänzt: «Wenn mich heute jemand nach meinen Kindern fragt, sage ich meist, dass ich zwei Töchter habe: Eine, die lebt, und eine, die tot ist.»

Seit dem schicksalhaften Verlust ihrer Tochter hatte Petra Zürcher bereits mehrere öffentliche Auftritte im Fernsehen und in Zeitungen zum Thema Suizid und Tod eines Kindes. «Wenn es um die Sache geht, treten persönliche Empfindungen in den Hintergrund», erklärt sie. Wegen dieser schonungslosen Offenheit wurden die beiden von der «Beobachter»-Redaktion angefragt, ob sie sich für den Prix Courage nominieren lassen würden. «Wir haben uns gefragt, was das für uns bedeutet», erinnert sich Petra Zürcher. Betroffenen zu zeigen, dass man wieder in sein eigenes Leben zurückfinden kann, ist ihr Hauptanliegen – auch wenn dieses Leben niemals wieder so sein wird wie zuvor und ein jahrelanger und mühevoller Prozess bevorsteht, den man nur in winzigen Schritten bewältigen kann.

Umfeld gab ihnen viel Kraft

Fünf weitere Kandidaten

Seit 1997 verleiht der «Beobachter» den Prix Courage, den Preis für ausserordentliche, mutige Menschen. Dazu nominiert die «Beobachter»-Redaktion jedes Jahr verschiedene Personen oder Organisationen. Preiswürdig sind konkrete Projekte und Taten ebenso wie das langfristige Engagement beziehungsweise das Lebenswerk einer bestimmten Person in oder aus der Schweiz. Neben Petra und Bruno Zürcher sind fünf weitere Kandidaten nominiert, darunter auch Senat Iseni, aus Dietikon, den wir demnächst näher vorstellen. Noch bis zum 18. Oktober kann man online für einen der sechs Kandidaten abstimmen. Die Voten der Jury und des Publikums zählen je hälftig bei der Bestimmung des Gewinners. Am 30. Oktober dann wird der Prix Courage in Zürich verliehen. (az)
Voting www.beobachter.ch/prix-courage/die-kandidaten

Allgemeingültige Ratschläge, wie man mit einem solchen Schicksalsschlag umzugehen hat, können die beiden nicht geben. Aber sie erklären, was ihnen persönlich geholfen hat. «In der Selbsthilfegruppe haben wir erfahren, dass wir verstanden werden, auch ohne darüber zu reden», sagt Bruno Zürcher. Wichtige Erkenntnisse waren zudem, dass man so lange trauern darf, wie man dazu braucht, und dass man offen aussprechen darf, was Nichtbetroffene nicht verstehen können. «Jemandem, der blind geboren wurde, kann man den Begriff ‹rot› nur schwer erklären», führt Bruno Zürcher aus. «Aus unserem Umfeld haben wir von Anfang an grosse Zuwendung und Hilfe erfahren dürfen», erinnert sich Petra Zürcher. Dafür sind sie und ihr Mann heute noch dankbar. Die beiden haben jedoch gemerkt, dass viele mit ihren Gefühlen überfordert waren. «Wir fühlten uns immer wieder alleine», ergänzt seine Frau. Daher sind sie froh um den Rückhalt aus dem Verein.

Zu Beginn suchte Petra Zürcher immer nach einem Grund. «Weshalb hat sich Mirjam das Leben genommen? Was habe ich falsch gemacht? Bis zurück zur Schwangerschaft habe ich mein Leben auseinandergenommen», sagt sie. Auf schlüssige Antworten ist sie dabei nicht gekommen.

Ihr Mann konnte sie schliesslich davon überzeugen, dass sie als Eltern in der jeweiligen Situation immer so gehandelt haben, wie sie es für richtig erachteten. «Mirjam wollte nicht gehen, aber sie wollte so auch nicht mehr weiterleben», sagt Petra Zürcher. Und vor allem habe sie nicht gewollt, dass sich ihre Eltern gegenseitig Vorwürfe machen. «Es bringt nichts, wenn man nach dem Verlust seines Kindes auch noch die Beziehung zu seinem Partner verliert», konstatiert Bruno Zürcher. Sonst wird man nie mehr mit neuem Mut und vor allem gemeinsam in die Welt hinausgehen können.