Die Bilder von Flüchtlingen, die auf der Flucht übers Mittelmeer ums Überleben kämpfen, sind mittlerweile fast alltäglich. Ebenso das Grundrauschen der politischen Debatte darüber: «Wirtschaftsflüchtlinge» oder «keine falschen Anreize» schaffen, heisst es von rechts; «humanitäre Tradition aufrechterhalten» von links. Die Debatte flammte auch gestern im Zürcher Kantonsrat auf, als die bürgerliche Mehrheit ein SP-Postulat versenkte, das den Kanton zu Hilfeleistungen aufgerufen hätte. Dabei meldete sich einer zu Wort, der seit Jahren immer wieder privat Hilfe für Flüchtlinge leistet, indem er sie bei sich zu Hause unterbringt: EVP-Kantonsrat Gerhard Fischer. Wie sind seine Erfahrungen als privater Flüchtlingshelfer?

«Wir melden uns»

«In den Kriegsgebieten ist kaum noch direkte Hilfe möglich», sagt Fischer. «Deshalb haben meine Frau und ich uns aktuell wieder gemeldet und bereit erklärt, Menschen bei uns unterzubringen.» Er wandte sich an die Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH), die kürzlich ein entsprechendes Projekt lanciert hat.

Das Projekt für Privatunterbringung von Flüchtlingen findet laut SFH-Sprecher Stefan Frey regen Anklang: «Mittlerweile haben sich über 500 Personen gemeldet, die Unterkünfte anbieten wollen. Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es so viele wie im gesamten Vorjahr.» Das SFH-Projekt ist in den Kantonen Aargau und Waadt angelaufen, auch der Kanton Bern hat grünes Licht gegeben. Eine Zusammenarbeit mit dem Kanton Zürich ist bisher nicht zustande gekommen. Deshalb verwies die SFH Fischer an die reformierte Landeskirche des Kantons Zürich, die mit ihrem Projekt «Flucht.Punkt» ähnliche Ziele verfolgt.

«Dort kam zum Ausdruck, dass sie eher Plätze für Flüchtlinge suchen, deren Verfahren schon weiter fortgeschritten ist», sagt Fischer. «Es hiess: Wir melden uns wieder.»

Infrage kommen private Unterbringungen im Kanton Zürich nur für vorläufige aufgenommene und anerkannte Flüchtlinge, bestätigt Gabriela Bregenzer, die das Projekt Flucht.Punkt leitet. «Syrer und Eritreer erhalten derzeit schnell die vorläufige Aufnahme», ergänzt sie.

Zuletzt hatte Kantonsrat Fischer vor rund zwei Jahren einer iranischen Flüchtlingsfamilie geholfen. Er setzte sich dafür ein, dass deren Sohn eine Lehre beginnen konnte. Was folgte, war laut Fischer eine «Odyssee» durch die Ämter. «Manchmal macht es mich wütend, dass ich in solchen Situationen als Kantonsrat bluffen muss», sagt der Bauer aus Bäretswil. Doch schliesslich klappte es: Der junge Iraner konnte eine Lehre anfangen, obwohl die Lehrzeit eigentlich schon seit drei Monaten lief. Er hatte zuerst den Gerichtsentscheid über sein Bleiberecht abwarten müssen — das Verfahren hatte sich insgesamt über fünf Jahre hingezogen.

Schon Ende der 1980er-Jahre brachte Fischer auf seinem Bäretswiler Bauernhof Flüchtlinge aus Sri Lanka und dem Libanon unter. Einer von ihnen führt heute das renommierte libanesische Restaurant Cèdre in Zürich. Fischers Einsatz führte bisweilen zu merkwürdigen Konstellationen: Er war damals zugleich Polizeivorstand in Bäretswil. Eines Tages kam die Polizei und sagte, sie müsse eine Hausdurchsuchung vornehmen. Fischer liess sie machen. Es kam nichts für die Flüchtlinge Belastendes zum Vorschein.

Er ist sich bewusst, dass Asylsuchende in einem rechtlichen Graubereich leben, solange ihre Anerkennung als Flüchtlinge aussteht, und betont: «Ich will nicht gegen Gesetze verstossen. Die Gesetze sollen für alle gelten.» Die kulturellen Unterschiede und der Fluchthintergrund seiner Schützlinge hätten bisweilen auch für Schwierigkeiten gesorgt. «Aber im grossen und ganzen war es eine gute, bereichernde Erfahrung», sagt Fischer.

«Viele verschliessen die Augen»

Als Bauernsohn im Zürcher Oberland stammt er selbst aus armen Verhältnissen. Der 64-Jährige hat zehn Kinder aus zwei Ehen grossgezogen. «Wir haben in der Familie immer wieder randständige Menschen aufgenommen», sagt er. «Manchmal verzogen meine Kinder das Gesicht, weil sie etwa an Weihnachten fanden: Jetzt sind wir dran. Inzwischen setzen sie sich selbst für Randständige ein.»

Für Fischer ist angesichts der heutigen Flüchtlingsdramen klar: «Leider genügt es nicht, was der Staat an Hilfeleistungen anbietet.» Seine Motivation zu helfen sei auch in seiner christlichen Haltung begründet. «Das Elend nimmt mich mit», sagt er. «Viele verschliessen die Augen davor.» Ihm ist aber auch klar, dass nur mit einer Unterkunft noch wenig geholfen ist. Er habe den Flüchtlingen daher auch Sprachkurse und Arbeitseinsätze vermittelt. Ein Punkt, der auch aus Sicht der Schweizerischen Flüchtlingshilfe zentral ist: «Integration ist die grosse Herausforderung», sagt SFH-Sprecher Frey. Arbeitsangebote, die Flüchtlingen Beschäftigung böten, seien mit am wichtigsten. Doch auch mit Kleiderspenden oder indem man Sprachunterricht erteile, könne Flüchtlingen geholfen werden.