Gitarren Total
Prince wollte komische Sachen sehen

Der Laden in Zürich Wiedikon lockt Gitarrenfreaks und Rockstars aus aller Welt an. Auch «The Dead Daisies» – Vorgruppe von Kiss im Hallenstadion – schauten diese Woche vorbei.

Matthias Scharrer
Drucken
Teilen
Im unterirdischen Gitarrenhimmel: Geschäftsführer Patrick Geser mit seinem Lieblingsinstrument.Chris Iseli

Im unterirdischen Gitarrenhimmel: Geschäftsführer Patrick Geser mit seinem Lieblingsinstrument.Chris Iseli

Chris Iseli/AZ

Patrick Geser hat unruhig geschlafen. Er erwartet prominenten Besuch: The Dead Daisies haben am späten Nachmittag einen Auftritt in seinem Laden «Gitarren Total» an der Aemtlerstrasse 15 in Zürich Wiedikon. Zur Band zählen klingende Namen wie John Corabi (Mötley Crüe), Dizzy Reed (Guns’n’Roses) und Marco Mendoza (Thin Lizzy, Whitesnake, Ted Nugent). Heute Mittwochabend spielen die gleichen Musiker im Hallenstadion, als Vorgruppe von Kiss.

Dass sie zuvor bei «Gitarren Total» vorbeischauen, ist kein Zufall: Das Geschäft hat sich seit seiner Gründung 1988 einen Namen bei Gitarrenfreaks im In- und Ausland gemacht. Rund die Hälfte der Kundschaft komme aus dem Raum Zürich, etwa 40 Prozent aus dem Rest der Schweiz, 10 Prozent aus aller Welt, sagt Geschäftsführer Geser. Und wenn Rockstars in Zürich auftreten, greifen sie immer wieder mal auf den Service und Instrumente von «Gitarren Total» zurück. Es habe sich bei Hoteliers und Fluggesellschaften, die bisweilen für defekt angekommene Instrumente verantwortlich gemacht werden, herumgesprochen, dass der Laden an der Aemtlerstrasse eine hilfreiche Adresse ist.

«David Gilmour schickte einen Roadie vorbei, um zwei Gitarren und Verstärker auszuprobieren», erzählt Geser. Auch Bruce Springsteen habe sich hier mal seine schwarze Takamine flicken lassen, «er hatte ein Elektronik-Problem». Und eines Tages sei Prince persönlich im Laden gestanden: «Er war im Powerplay Studio in Maur am Aufnehmen und fragte nach einem guten Gitarrengeschäft. Mein Bruder nahm auch gerade dort auf und gab ihm den Tipp.»

Natürlich spazierte Prince nicht einfach so herein. Der prominente Kunde liess sich ein paar Tage vorher ankündigen, aber ohne Namensnennung. «Prince lief in den Laden und sagte: ‹Zeig mir Deine komischen Sachen›», erinnert sich Geser. Am Ende habe der US-Star drei Gitarren gekauft, darunter ein historisches Instrument mit herzförmiger Holzeinlage, das eigentlich gar nicht zum Verkauf stand.

Gitarren-Total-Geschäftsführer Patrick Geser mit seinem Lieblingsinstrument (chris iseli)
4 Bilder
Aus Bunddraht werden Gitarrenbünde (chris iseli)
zu den Schätzen gehören auch alte Röhren für Röhrenverstärker (Chris Iseli)
Alles, was das Gitarristenherz begehrt (Chris Iseli)

Gitarren-Total-Geschäftsführer Patrick Geser mit seinem Lieblingsinstrument (chris iseli)

Limmattaler Zeitung

Ihren guten Ruf haben sich Geser und sein Team über Jahre hinweg erarbeitet. 1988 gründete Thomas Fessler, der später als Produzent von Sina, Plüsch und Florian Ast Karriere machte, das Geschäft, in dem Gitarristen ihre Lieblinge reparieren lassen können. Fessler ist immer noch Mitinhaber. 1995 stiess Geser zum Team, das heute einen Gitarrenbauer, einen Gitarren-Reparateur, einen Verstärker- und Elektronikspezialisten sowie einen Detailfachhändler umfasst. An den Wänden hängen Sammlerstücke und auf alt gemachte Duplikate, nebst neuen Serienprodukten. Geser betont, dass er alle Instrumente persönlich ausgewählt habe. In den Werkstatträumen liegen Gitarrenhälse und -körper auf den Tischen. Über verwinkelte Treppen gelangt man in einen ehemaligen Kohlenkeller, wo heute Gitarrenkoffer lagern.

«Den Hauptumsatz machen wir mit Verkauf. Doch die Reparaturwerkstatt ist enorm wichtig für die Reputation», sagt Geser. Er liess ein Fenster in die Wand zwischen Verkaufsraum und Werkstatt bauen, damit man in das Herz des Ladens sieht. «Wir sind Arbeiter und haben dreckige Hände», sagt er auf Englisch. Es klingt wie aus einem Rocksong. Kein Zufall, ist Geser wie alle seiner Mitarbeiter doch auch selbst Musiker.

Verbotene Hölzer

Das Geschäft mit Gitarren habe sich über die Jahre stark verändert. Internethandel kam auf, sodass der Service und die Beratung im Laden noch wichtiger wurden. Und der Handel mit bestimmten Edelhölzern wurde verboten. Das entsprechende internationale Abkommen gilt zwar schon seit 1992. Doch erst nachdem vor vier Jahren das FBI eine Fabrik des marktführenden Gitarrenherstellers Gibson wegen Verwendung verbotener Edelhölzer schloss, sei es konsequent umgesetzt worden. Geser musste einige seiner edelsten Stücke aus dem Geschäft verbannen. «Das ist schon gut so», sagt der 49-Jährige, der am gleichen Tag wie E-Gitarren-Erfinder Les Paul Geburtstag hat. «Unsere Kinder sollen auch noch sehen können, wie im Urwald ein Affe auf einen Baum klettert.»

Es ist 17 Uhr. Die Rocker von «The Dead Daisies» legen los, das Bier ist kaltgestellt, ebenso die diversen Drinks, die sie mit einer umfangreichen Liste bestellt haben. Geser kann sich zurücklehnen, um den Sound der sechs Saiten zu geniessen, die sein Leben bedeuten.

Aktuelle Nachrichten