Herr Gracia, am Sonntag haben in St. Gallen 2000 Personen demonstriert – gegen Bischof Vitus Huonder und seinen Führungsstil. Beschäftigt das den Bischof?

Giuseppe Gracia: Natürlich, es lässt niemanden kalt, wenn der eigene Kopf gefordert wird, nur weil man katholische Positionen vertritt.

Offenbar empfinden heute viele die Lehre der katholischen Kirche als ausgrenzend oder diskriminierend und projizieren das dann auf einen einzelnen Bischof.

Laut seinem Communiqué sieht Bischof Huonder das Problem auch nicht bei sich. Der Protest habe sich gegen die «unverkürzte katholische Lehre» gerichtet, schrieb er.

Was ist das?

Was die katholische Kirche glaubt, ist letztmals 1992 im Katechismus dargelegt worden. Ein tieferes Verstehen der Lehre ist auch in Zukunft möglich, aber sie ändert sich dadurch nicht. Erst Anfang März haben die Schweizer Bischöfe erklärt: «Im Glauben sind sich alle Mitglieder der Bischofskonferenz einig.»

Was ist mit den vielen Theologen an der Demonstration? Liegen sie alle daneben?

Wir urteilen nie über andere Personen. Uns geht es um sachliche Argumentation. Heute werden katholische Positionen öffentlich nicht mehr ertragen. Das ist die Spannung, die wir erleben.

Damit sagen Sie aber doch, dass Personen, die einzelne dieser Positionen kritisieren, keine richtigen Katholiken seien.

Wie gesagt: Es geht nie darum, über Menschen und ihr Gewissen zu urteilen. Das kann nur Gott. Es geht aber darum, die katholische Glaubenslehre sachlich und auch öffentlich vertreten zu dürfen. Da rufen heute viele «Diskriminierung» oder «Ausgrenzung». Aber es gehört zur Meinungs- und Religionsfreiheit, seinen Glauben öffentlich kommunizieren zu dürfen.

Wenn Bischof Huonder sagt, die Demonstration habe sich nicht gegen ihn gerichtet, blendet er wichtige Aspekte des Protests aus. Es ging insbesondere auch um seine Person, um seinen Stil, die Kirche zu führen.

Wir machen seit längerem folgende Erfahrung: Bischof Vitus erinnert an einen völlig normalen Bestandteil des katholischen Glaubens. Das verursacht einen Aufschrei, als hätte er etwas Neues gelehrt. Das zeigt: Wichtige Elemente der Glaubenslehre sind unbekannt, weil sie nicht mehr gelehrt wurden. Dieses Phänomen muss für die Kirche in der Schweiz Anlass zu Selbstkritik sein.

Sie halten eine strenge Glaubenslehre hoch, während die Basis genau das Gegenteil will: mehr Offenheit.

Laut Polizei kamen rund 2000 Personen nach St. Gallen. Das sind 0,3 Prozent der Gläubigen des Bistums Chur. Anders gerechnet: Die Verbände, die zur Demonstration aufriefen, haben rund 215 000 Mitglieder. Sie haben davon nur ein Prozent mobilisiert. Der Bischof hört auch diese Stimmen. Aber sie sind nicht die «Basis».

Fakt ist, dass viele Gläubige unzufrieden sind. Warum bemüht sich der Bischof nicht, die Wogen zu glätten und auf die Protestierenden zuzugehen?

Der Bischof kann den Gläubigen die Lehre der Kirche nicht vorenthalten. Doch bei manchen Kritikern könnte nur ein Verschweigen oder Preisgeben von Glaubensinhalten die Wogen glätten. Aber dann würde der Bischof seiner Aufgabe nicht gerecht. Übrigens hat er in den letzten Wochen mehrere tausend Zuschriften erhalten, die ihm danken und ihn ermutigen.

Gefordert wird vor allem ein Administrator aus Rom, der Ordnung ins Chaos bringen soll. Ein gangbarer Weg?

Nein, das wäre nur nötig, wenn ein personelles Problem gelöst werden müsste, was nicht der Fall ist. Zudem ist eine Demonstration mit 2000 Personen kein Chaos. Letztlich müssen wir immer wieder die Einheit in der Wahrheit des katholischen Glaubens finden.