«Fluglotsen dürfen rechtlich keine Sonderstellung mehr haben», forderte die Staatsanwältin im September vom Bezirksgericht Bülach. Schliesslich würden SBB-Mitarbeiter auch belangt, wenn sie eine Weiche falsch stellten und ein Zug entgleise, sagte sie weiter. Ihr Antrag: Der Beschuldigte, ein 48-jähriger Skyguide-Mitarbeiter, soll zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 14 Monaten verurteilt werden.

Was ist geschehen? Der Fluglotse hat im Jahr 2012 eine Situation beim Flughafen Zürich falsch eingeschätzt und dadurch beinahe eine Kollision zweier Flugzeuge verursacht. In die Fastkollision verwickelt waren eine Sportcruiser, in der ein ausgebildeter Pilot in Begleitung einer Fluglehrerin unterwegs war, und eine Saab 2000 der Darwin Airline SA mit 18 Passagieren an Bord. Verletzt wurde niemand. Aber: Der Lotse hielt es nicht für notwendig, einen Bericht an die Schweizerische Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) zu senden. Auch die Fluglehrerin, die nebenerwerblich bei der Skyguide angestellt ist, verzichtete auf einen Bericht. Anders der Pilot der Saab-Maschine. Er sagte damals: «Es war ein riesiger Schock für mich, eine der riskantesten Situationen, die ich in meinen 40 Jahren als Pilot erlebt habe.» Deshalb meldete er den Vorfall der Sust.

Der Verteidiger plädierte auf einen Freispruch und zweifelte die Beweise der Staatsanwaltschaft an. So seien sowohl der Schlussbericht der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle sowie jener eines Gutachters unbrauchbar. In seinem zweistündigen Plädoyer kam er zum Schluss: «Ein konkretes Absturzrisiko kann nicht nachgewiesen werden. Die Anklage ist voll von Hypothesen.»

Nicht zufrieden mit Freispruch

Die erste Abteilung des Bezirksgerichts Bülach prüfte danach, ob die aktuelle Beweislage ausreicht, um ein Urteil zu fällen. Dem ist anscheinend nicht so. Die Fortsetzung der Hauptverhandlung ist auf den 23. Januar festgesetzt. Dann wird das umstrittene Gutachten mündlich erläutert.

In einem anderen Fall hat das Bezirksgericht Bülach bereits ein Urteil gefällt. Richter Michael Peterhans sprach im Dezember 2016 einen Flugverkehrsleiter frei und sprach ihm über 100'000 Franken Prozessentschädigung zu. Die Begründung: Es habe keine konkrete Gefahr bestanden.

Der Lotse erteilte auf dem Pistenkreuz am Flughafen zwei Swiss-Maschinen gleichzeitig die Startfreigabe. Die eine Maschine erkannte, dass sie auf Kollisionskurs war, und brach den Start ab. Der andere Pilot setzte seinen Start fort. Verletzt wurde ebenfalls niemand. Dennoch musste sich der Lotse vor dem Bülacher Bezirksgericht verantworten.

Die Staatsanwaltschaft forderte für den Fluglotsen eine bedingte Geldstrafe von 180 Tagessätzen zu 100 Franken. Der Eintrag im Strafregister wäre für den Beschuldigten wohl zu verkraften, bei einer Verurteilung könnte er aber bei Skyguide nicht mehr weiter als Lotse eingesetzt werden. Christian Philipp, Sprecher der Oberstaatsanwaltschaft, verkündete drei Monate nach der Urteilsverkündung: «Die Staatsanwaltschaft hält an ihrer rechtlichen Beurteilung fest und will deshalb das Urteil des Einzelrichters durch die nächste Instanz überprüfen lassen.»

Der Prozess findet am 27. November am Obergericht in Zürich statt. Der Gerichtssaal dürfte auch dann gut gefüllt sein. So solidarisierten sich in beiden Fällen zahlreiche Arbeitskollegen mit den Beschuldigten und waren an den Verhandlungen als Zuschauer dabei. Es sind bisher die zwei einzigen Lotsen, die sich nach einem Vorfall vor Gericht verantworten müssen, bei dem es weder Verletzte noch Tote gab.